Der Löffel berührt mich

  Nachgefragt bei: Heinz Baumann Er (*1957 in Altstätten im St. Galler Rheintal) lernte Hochbauzeichner mit Matur und ging anschliessend als Möbelschreiner in die Lehre. Seine autodidaktische Weiterbildung in den Bereichen Möbelbau und -design mündete 1980 in die Gründung seiner Möbelmanufaktur in Heerbrugg. Der Möbel-designer gestaltet sowohl Einzelmöbel für Privatkunden im In- und Ausland sowie für Firmen – zum Beispiel Horgenglarus und Victoria-Design. Baumann hat für seine Entwürfe zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Dazu zählen unter anderem das eidgenössische Stipendium für Angewandte Kunst, ein Ikea-Förderpreis und ein Werkbeitrag des Kantons St. Gallen.

 

Die SchreinerZeitung: Wie beginnen Sie Ihren Arbeitstag?

heinz baumann: «Ich unterscheide nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Wenn ich nicht unterwegs bin, dann beginnt mein Tag mit einem Rundgang in meinem Obstgarten.»

Was inspiriert Sie?

«Alles, was mich umgibt: Mein Chaos im Büro, der Frühling, gewachsene Strukturen, wie sie beispielsweise an einem alten Dorf ablesbar sind, unbrauchbare oder komplizierte Dinge, leidenschaftliche Gespräche, betörende Musik, ein Flusskiesel, der Zerfall, echte Patina und natürlich immer wieder die vielen unverarbeiteten Bretter in meinem Holzlager.»

Warum sind Sie Designer geworden?

«Dafür gibt es viele Gründe: Weil ich meine erste Wohnung mit Brockenhaus-Möbeln einrichten musste und ich mir diejenigen Möbel nicht leisten konnte, die ich mir wünschte; und weil ich diese Möbel noch nicht kannte, und weil es sie noch nicht gab.»

Welche Rolle spielt das Handwerk für die Gestaltung?

«Kein Produkt entsteht allein am Reissbrett oder am Bildschirm. Es braucht sehr gute Materialkenntnisse und dazu ein paar geschickte Hände für den Bau der vielen Proto-typen. Das Eine geht also nicht ohne das Andere. Das zeigt die Geschichte. Früher war ein Handwerker ein Macher und ein Gestalter. Erst mit der Industrialisierung setzte eine allmähliche Trennung der Berufe ein.»

Welche gestalterische Leistung berührt Sie und warum?

«Solche gibt es viele. Der Löffel zum Beispiel. Er ist so einfach, so nützlich und selbstverständlich. Von ihm existieren vermutlich tausende Varianten rund um die Welt und in ungezählten Kulturen, und doch ist seine Urform über Jahrhunderte erhalten geblieben. Und man kann an den vielen Varianten erahnen, wo und in welchem Jahrhundert oder Jahrzehnt sie gefertigt wurden. Ausserdem gleicht er mit seinen vielen -Gebrauchsmöglichkeiten einem Universalwerkzeug.»

Was macht einen Gestalter erfolgreich?

«Wenn Idee, Form, Funktion, Ökologie und Ökonomie eines Objekts zum richtigen Zeitpunkt aufeinandertreffen.»

Was möchten Sie auf jeden Fall noch entwerfen?

«Den selbstverständlichen, bequemen, unver-gleichbaren, begehrenswerten und stapelbaren Armlehnstuhl aus massivem Holz.»

mz

Die Designer-Serie umfasst insgesamt 20 Beiträgen namhafter Designer. Alle anderen Interviews finden Sie im Dossier Designer-Serie.

 

Veröffentlichung: 23. Juni 2011 / Ausgabe 25-26/2011

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