Ein Gefühl von Holz

Aus der Praxis. Natürliche Oberflächenbehandlungen liegen im Trend. Doch welche Faktoren beeinflussen die Auswahl des geeigneten Produkts? Was gilt es zu beachten? Die Schreiner­Zeitung hat sich bei Herstellern umgehört und stellt einige Anwendungsbeispiele vor.

 

 

Viele Holzarten lassen sich aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften roh, also ohne Behandlung, einsetzen. Im Innenbereich spielt aber die Frage der Reinigung eine wesentliche Rolle. Wer möchte schon einen unbehandelten Boden schrubben, wenn der Lappen ständig am rauen Holz hängen bleibt? Auch Staub lässt sich besser ent­fernen, wenn er nicht in den Holzfasern festsitzt. Und graue, unansehnliche Oberflächen an den oft berührten oder stark begangenen Stellen sind in den meisten Fällen auch verpönt. Da ist eine geschlossene, glatte Oberfläche, wie man sie von herkömmlichen Zweikomponentenlacken her kennt, wesentlich bequemer.

Allerdings bilden solche Lacke auf der Oberfläche eine geschlossene Schicht. Das Holz kann dadurch nicht mehr «atmen» und eine seiner wesentlichen Grundeigenschaften, die Hygroskopizität, geht grösstenteils verloren. 

Was heisst «natürlich»?

Natürlich ist eine Oberflächenbehandlung, die einerseits schützt, andererseits zulässt, dass das darunterliegende Holz Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben kann. Moderne Systeme bieten diese Eigenschaften, teilweise auf Basis nachwachsender Rohstoffe, einzelne ganz ohne künstliche Lösungsmittel oder zumindest mit einem geringen Anteil davon. 

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, von welchen Kriterien es abhängt, dass man von einem «natürlichen» Oberflächenmaterial spricht. Grundsätzlich basieren Öle, Wachse und Harze entweder auf natürlichen oder synthetischen Rohstoffen. Dadurch entscheidet sich, ob ein Produkt als natürlich oder synthetisch gilt. Über ­alles Weitere sind sich jedoch selbst die ­Befürworter natürlicher Holzoberflächen nicht einig. 

Der Hersteller Auro formuliert sein Verständnis folgendermassen: «Eine wirkliche Naturfarbe zeichnet sich dadurch aus, dass alle Rohstoffe aus nachwachsenden oder mineralischen Quellen stammen.» Das Wichtigste sei die Deklaration der Inhaltsstoffe, so der Farbenproduzent. Etwas weniger eng sieht es die österreichische Norm C 2380 über Öle und Wachse. Als ­natürliche Oberflächenmaterialien gelten hier all jene, deren Bindemittel zu mindestens 90% aus natürlichen Rohstoffen be­stehen. Dabei stammen die Bindemittel überwiegend von Pflanzen, während Zusatzstoffe mineralischer, metallischer oder tierischer Herkunft sein können. Aber auch die Produkte der Naturfarbenhersteller ent­halten in ­einer begrenzten Auswahl synthetische, erdölbasierte Rohstoffe. Durch die heutigen Qualitätserwartungen von Verarbeitern und Verbrauchern kann man auf diese Hilfsmittel nicht ganz verzichten.

Langlebigkeit ist Trumpf

Die Natürlichkeit beziehungsweise Nachhaltigkeit einer Oberflächenbehandlung lässt sich isoliert nicht korrekt bewerten. Für eine klare Aussage müsste man die ganze Schreinerarbeit einer sogenannten Lebenszyklusanalyse unterziehen. Darin bildet die Lebensdauer des Testgegenstandes den wesentlichsten Faktor. Aus dieser Warte betrachtet, geht es in erster Linie darum, mit der Oberflächenbehandlung einen guten Schutz und ein schönes Alterungsverhalten des Holzes herbeizuführen. Dadurch steigt nämlich die Chance, dass die Freude des Kunden am neu erworbenen Objekt möglichst lange anhält. Die Nachhaltigkeit der verwendeten Produkte fällt bei Lebenszyklusanalysen weniger ins Gewicht.

Wie werthaltig eine Oberfläche im Innenbereich ist, hängt von vielen verschiedenen Kriterien ab. Neben der Kratzfestigkeit gilt es zum einen, das Vergilben durch die Sonne zu vermeiden, was insbesondere bei hellen Hölzern ein grosses Thema ist (siehe SchreinerZeitung 2/2011, Seite 8). Zum anderen soll das Holz gegen das Eindringen von Flüssigkeiten geschützt werden. Dabei sind die Anforderungen bei vertikalen Flächen deutlich weniger hoch als bei horizontalen. Auf liegenden Flächen trocknet die unerwünschte Flüssigkeit am Ort aus oder wird von darauf stehenden Objekten richtiggehend einmassiert. Ein typisches Beispiel dafür ist das Wasser, das vom Giessen der Pflanze über den Untertopf hinausläuft und sich langsam der Standfläche entlang auf dem Boden ausbreitet. Bei al­koholischen Getränken ist die Gefahr von blei­benden Flecken noch grösser. Bekannt sind die Ringe, die auf dem Tisch zurückbleiben, wenn man die am Vorabend gebrauchten Weingläser abräumt.

Auch herkömmliche lösungsmittelhaltige Oberflächensysteme erfüllen nicht immer alle Kriterien der Werthaltigkeit. Hier ist vom Schreiner gegenüber dem Kunden offene Aufklärarbeit gefragt.

Zeitgemässe Lösungen

Natürliche Oberflächenbehandlungen liegen vor allem auch aus optischen und haptischen Gründen im Trend. Wer sich gerne mit warmem, natürlichem Holz umgibt, der will diese Eigenschaften auch sehen und fühlen können. Aktuell geht die Entwicklung in die Richtung von natürlichen Tönen, die man nur erreicht, wenn das Holz beim Behandeln nicht angefeuert wird. Weder gewöhnliche Zweikomponentenlacke noch herkömmliche Öle erfüllen diese Anforderung. Bei beiden wird der Farbton durch die Behandlung kräftiger und dunkler. «Um bleibende, natürliche Farbtöne zu erzielen, sind zurzeit vor allem matte Glanzstufen gefragt», weiss Urs Schöllkopf von der Balteschwiler AG zu berichten. «Hochglanzböden sind auf Grund des grös­seren Unterhalts nicht so zu empfehlen. Eine matte Oberfläche dagegen vermittelt das Gefühl von natürlichem Holz.» Für diesen Zweck empfiehlt Balteschwiler das «Premium Hartwachsöl» von Saicos. Auch haptisch kommen damit behandelte Oberflächen natürlichem Holz nahe. Barfuss kann man die Holzporen deutlich spüren. Gemäss Her­stellerangaben ist das Hartwachsöl bis zu vier Stunden wasser- und säureresistent. Es stellt daher eine Alternative zu konventionellen Systemen dar und lässt besonders dunkle Laubhölzer aufblühen. Saicos bietet das Hartwachsöl unter dem Label «Ecoline» auch mit reduziertem Lösungsmittelanteil an. 

Viele Wege führen zum Ziel

Auch mit den «Complex Ölen» von Votteler wird ein Rohholzeffekt erreicht. Durch verschiedene Produktkombinationen entstehen unterschiedliche Oberflächenwirkungen. Dem Vergilben durch die Sonne begegnet man bei Votteler mit Nanopartikeln aus Titanoxid. Weil es über Nanopartikel noch keine Langzeitstudien gibt, ist ihr Einsatz jedoch umstritten. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Firma Böhme Lacke aus Bern ein. Sie setzt auf wasserlösliche Systeme wie den «JetFinish»-Lack, den man zweimal aufträgt und der in diversen Farben eingefärbt werden kann. Ansonsten bietet Böhme vor allem Produkte gegen die Verbleichung von hellen Hölzern an. Das geschieht durch die Grundierung «SunCare 800». Die Zahl 800 steht dabei für den Innenbereich. Das Produkt gibt es hydrophobierend, was bedeutet, dass die behandelte Fläche gegen Schweiss und Spritzwasser geschützt ist. Der Lösungsmittelgehalt dieser Produkte liegt nach Angaben des Herstellers unter 0,3%. 

Während herkömmliche Öle das Holz anfeuern, gibt es ein Verfahren, das ganz und gar natürlich zu sein scheint: Das Seifen. Geseifte Holzoberflächen haben eine lange Geschichte. Früher war die desinfizierende Wirkung des Kalkens wichtig, während das nachträgliche Seifen den Boden nährte und eine imprägnierende Schicht bildete.

Heute fällt das Kalken weg. Die leicht alkalische Seife übernimmt, mehrfach aufgetragen, denselben Part. Seifen wie die von der dänischen Firma Woca sind für Nadelhölzer und Eiche geeignet. Gegen das Vergilben des Holzes gibt es sie auch weiss pigmentiert. Entscheidet man sich für eine geseifte Oberfläche, so ist eine regelmässige Pflege mit dem Originalprodukt Bedingung.

Am Ende entscheidet der Kunde

Wer stark beanspruchte Produkte wie zum Beispiel Arbeitsflächen für Küchen herstellt, kommt unter Umständen um eine strapazierfähige konventionelle Oberflächenbehandlung nicht herum. Für viele andere Möbel stellen die natürlichen Systeme eine valable Alternative dar. 

Die Oberflächenbehandlung bleibt aber ei­ne individuelle Angelegenheit, die im Vorfeld mit dem Kunden besprochen werden sollte: Bedeutet alt werden, sich möglichst gegen jegliche Einflüsse zur Wehr zu setzen und das ursprüngliche Aussehen zu bewahren, dann bedarf es wohl eines herkömmlichen Lackes, der auf dem Holz eine geschlossene Kunststoffoberfläche bildet. Wird das Altern hingegen verstanden im Sinne von Patina ansetzen, so darf man dem Möbel durchaus seine «Falten» und ­Flecken ansehen. Diese erzählen dann gewissermassen stumm von Abenteuern, Festen und Tafelrunden, von Wutausbrüchen oder Liebesbekenntnissen. Und eine gute Mensch-Holz-Beziehung braucht zuweilen halt ein bisschen Pflege. mw

www.auro.de

www.woca.info

www.balteschwiler.ch

www.saicos.de

www.votteler.ch

www.boehme.ch

www.triptrap-holzpflege.ch

 

Naturnahe systeme

Die Vorteile

Folgend sind die wichtigsten positiven Unterscheidungsmerkmale von natürlichen Oberflächen zu herkömmlichen Lacken in Kürze aufgeführt. Naturnahe Systeme sind:

- umweltverträglich

- diffusionsfähig

- reparaturfreundlich
  (Nachbearbeitung ohne Anschleifen 
  möglich)

- frei von statischer Aufladung

- sparsam im Verbrauch

- weisen nur eine minimale gelbe Eigenfarbe auf

Der Hersteller empfiehlt in der Regel zwei Behandlungen, wovon die obere Schicht jeweils farblos sein sollte.

 

Atemschutz

Aufgepasst bei Wasserlack!

Die anfängliche Euphorie beim Aufkommen der Wasserlacke verebbte bald einmal, weil durch ihre langsamere Trocknung die Holzfasern deutlich stärker quellen als bei herkömmlichen Lacksystemen auf Lösemittelbasis. Dies erfordert aufwendigere Zwischen-schliffe und unter Umständen einen zusätzlichen Lackauftrag.

Lange Zeit galt wasserlöslicher Lack als vollkommen bedenkenlos. Heute weiss man: Wasserlacke sind für die Verarbeiter ebenso gefährlich wie der Einsatz von Lacken auf Lösungsmittelbasis. Da sich der Festkörperanteil im Lack mit Wasser bindet, verkleben eingeatmete Partikel (Lacknebel) in der Lunge und können vom Körper nicht mehr ausgeschieden werden. Also auch beim Spritzen von Wasserlack immer eine Schutzmaske tragen!

www.trenka.co.at

http://solutions.3mschweiz.ch

 

Veröffentlichung: 26. Mai 2011 / Ausgabe 21/2011

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