Ein Rückblick auf mehr als 500 Jahre

Renaissance-Fenster aus dem 15. Jahrhundert mit schiebbaren Lüftungsflügeln – seitlich und nach oben. Bild: Andreas Brinkmann

Fenstermuseum. Wer über eine Zeit, eine bestimmte Sache oder über vollzogene Entwicklungsschritte etwas wissen möchte, liest entsprechende Texte oder besucht ein Museum. In Goldach gibt es ein Museum, welches sich ausschliesslich mit Fenstern befasst – Handwerk pur.

Wer eine moderne Fensterproduktion besucht, sieht computergesteuerte Anlagen, die perfekt aufeinander abgestimmt sind und oft sogar maschinell beschickt werden. Die Flügelrahmen heutiger Fenster sind sehr schlank dimensioniert, obwohl sie äusserst schwere Glaselemente tragen und die filigranen, aber sehr starken Beschläge auch noch daran befestigt werden müssen. Die bei der Produktion verwendeten Fräsköpfe weisen derart ziehende Schnitte auf, dass ein Ausreissen, selbst bei nicht optimal verlaufenden Holzfasern, schon fast ausgeschlossen ist.

Aus einer Sammlung wird ein Museum

Die Vogel Fensterbauer AG in Goldach SG hatte in den 1980er-Jahren damit begonnen, Fenster für historische Gebäude zu fertigen, welche den alten Vorbildern angeglichen wurden und dem aktuellen Stand der Technik entsprachen.

Dem damaligen Firmeninhaber Otto Vogel gefiel es nicht, dass die oft filigran und kunstvoll gefertigten Fenster aus früheren Zeiten durch die eher plumpen Industrieprodukte der 80er-Jahre ersetzt wurden. Er begann dann auch, gut erhaltene historische Fenster aus seinen Umbauten zu sammeln. Mit der Zeit lieferten dann auch noch andere Fensterbauer besondere Stücke aus vergangenen Zeiten, und die Sammlung wurde immer umfangreicher. In den Kellerräumen der alten Fabrik entstand ein zunehmend grösser werdendes Museum, welches 2011 dann im Neubau der Firma an der Rietbergstrasse 59 im Sockelgeschoss grosszügige Ausstellungsräume erhielt.

Das Museum enthält Ausstellungsstücke aus der Zeit der Renaissance bis Ende des 20. Jahrhunderts. Enthalten sind Fenster aus fast allen Landesteilen der Schweiz. «Schön wäre es», sagt der Kurator Peter Steingruber, «wenn auch noch aus der Romandie Fenster dazukämen. Bisher haben sich da nur wenige Kontakte und Exponate gefunden.»

Handwerk pur

Vor einigen Hundert Jahren, als die ersten Fenster für ganze Häuser gefertigt wurden, gab es einige Sägen und Handhobel. Letztere verfügten über von Hand individuell profilierte Sohlen und dazu passende Hobelmesser. Betrachten wir heute den Umstand, dass schon in der Renaissance, also von Mitte des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts, grosse Häuser mit vielen und auch gleichen Fenstern gebaut wurden, ist es sicher interessant, wie diese ausgeführt wurden.

Gewichtige Glaselemente

Die Entwicklung der Fenster hängt stark mit der Entwicklung des Glases und den jeweiligen Möglichkeiten im Beschlägebereich zusammen. Schliesslich machte erst das Zusammenspiel von doch ganz verschiedenen Handwerken ein Produkt möglich, welches das Wetter draussen liess und trotzdem Licht in die Innenräume der Gebäude brachte. Die anfänglichen, runden Butzenscheiben waren ungleich dick und erlaubten keine klare Durchsicht. Sie wurden mit Bleiprofilen gefasst und untereinander zusammengelötet, damit grössere Glasflächen entstanden. Blei ist ein sehr weiches, schweres Metall, und die so entstandenen Glasscheiben waren nicht sehr windstabil, weshalb zur Versteifung darauf noch dünne Metallstangen befestigt wurden. Diese mussten dann auch auf dem Holzrahmen fixiert werden. Trotz der doch eher schweren Scheibenelemente wurde schon in der Renaissance, also etwas nach 1470, mit erstaunlich feinen Rahmenfriesen gearbeitet, deren Kanten zudem durch Profile verziert wurden.

Profile bezeichnen den Baustil

Anhand der Kantenprofile lässt sich heute noch erkennen, in welcher Epoche die jeweiligen Fenster hergestellt wurden, da diese immer den herrschenden Baustilen angepasst wurden – neue Fenster von aufgestockten Bauten sehen jeweils nur von Weitem gleich aus wie die alten.

Mit der Entstehung grösserer Glasflächen mit klarer Durchsicht wuchsen auch die Begehrlichkeiten bezüglich Aussehen und Funktion. Da die Gläser nicht so gross wie die gewünschten Fenster sein konnten, waren die Form und Anordnung der Sprossen bei den Glasübergängen sehr wichtig. Die Fenstereinteilungen wurden und werden auf ein gewünschtes Fassadenbild abgestimmt, während die Erscheinung auf der Innenseite zum Raum passen muss.

Weiterentwicklungen in der Metallverarbeitung führten zu besseren technischen Möglichkeiten, wodurch es zu doppelseitigen Drehflügel-Fenstern mit zentral angebrachten Stossstangen- und drehenden Espagnoletten-Verschlüssen kam. Das Museum zeigt die Entwicklung dieser über sehr lange Zeit aufgesetzt montierten Beschläge. Da die Mechanik so offen dalag, sollte diese möglichst elegant wirken und wie die Rahmen- und Sprossenprofilierung dem Interieur der entsprechenden Zeit formal und in der Feinheit angepasst sein.

Entwicklung in der Mechanik

Bezüglich der Mechanik wurde viel ausprobiert. Die auf Holzprofilen laufenden Schiebefenster in der Renaissance konnten so- gar auf diesen noch Lüftungsschieber haben. Später dann gab es auch auf den Drehflügeln integrierte Lüftungsflügel. Während die Schiebefenster noch mit eingelegten Holzleisten gegen das Öffnen von aussen gesperrt wurden, folgten später verschiedenste Stangen-Verschlüsse mit zentralen Griffen. Ein Exponat zeigt einen Stulpflügelverschluss, welcher um 1767 entstanden sein muss. Der Standflügel verfügt über einen langen Stossriegel, auf dem das Ruder des Espagnoletten-Verschlusses des Schliessflügels ruht.

Die Kunst der unsichtbaren Verbindung

Bezüglich der Holzarbeiten zeugen viele Ausstellungsstücke, auch Fragmente, von der frühen Handwerkskunst. Beispielsweise gab es im Barock (ca. 1610 bis 1750) bei den Herrschaftshäusern oft grosse Fenster, bei denen ein Kämpfer horizontal nach oben den beweglichen zum festen Teil begrenzte und ein Setzholz vertikal in der Mitte über das gesamte Fenster lief. Diese optisch recht dicken «Sprossen» hatten aussen ein rundes Profil und mussten an ihren Kreuzungspunkten so dreidimensional überplattet werden, dass die statische Festigkeit des Rahmens gegeben war und es optisch eine Gehrungsverbindung ergab – Fragmente zeigen diese Verbindung. Bevor es Dichtungen gab, versuchte man den Winddruck mittels ineinandergreifender Profile auf der Bandseite und teilweise auch auf der Verschlussseite draussen zu halten. Gefälzt wurde zudem oft nicht rechtwinklig, sondern in einem leicht stumpfen Winkel, damit das Wasser abfliessen konnte – offenbar hat das funktioniert, denn sonst könnte das Museum nicht so viele uralte Fenster zeigen.

Tageslicht bis weit ins Haus hinein

Schon früh sollte so viel Licht wie möglich in die Häuser gelangen, denn schliesslich konnte es lange nicht einfach elektrisch ersetzt werden und auch dann nicht besonders hell. Bei Terrassen- und Windfangtüren sieht man daher, wie die aufrechten Friese der Türflügel sich vom unteren geschlossenen Bereich zum Glasbereich hin stark verjüngen. Auch wurde mit der Anordnung und Form der Sprossen gespielt. Sie sollten auf jeden Fall so fein wie möglich sein und gut aussehen. Gezeigt wird sogar ein Fenster mit gedrechselter Sprosse.

Zieht man noch in Betracht, dass es gute und zuverlässige, über lange Zeit haltende Leime noch gar nicht wirklich lange gibt, ist klar, dass den Holzverbindungen sehr grosse Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Ein gutes Beispiel sind da auch die immer wieder sehr beliebten Bogenfenster, deren Segmente beispielsweise mit spannbaren Holzverschlüssen gemacht wurden.

Glas auf dem Weg zum klaren Durchblick

Das Museum zeigt auch die für Fenster wichtige Entwicklung bei den Glasscheiben. Mit der gleichen Herstellungstechnik der runden Butzenscheiben wurden etwas später sogenannte Mondscheiben gefertigt – riesige Butzenscheiben, aus deren schon recht klaren Flächen um die unschöne Mitte herum rechteckige Gläser geschnitten wurden. Ein Fenster der Ausstellung ist mit solchen Scheiben ausgestattet. Antikgläser wurden dann aus geblasenen Glaszylindern, die aufgeschnitten und auf eine Fläche ausgerollt wurden, hergestellt. Diese typische Streifenbildung findet sich noch bei einigen Fenstern. Interessant sind auch die nach aussen gewölbten Glasflächen, wie sie schon Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurden. Von aussen kann man so nur verzerrte Bilder erkennen, während die Sicht von innen fast normal ist.

www.vogel-fensterbauer.ch

Andreas Brinkmann

Veröffentlichung: 28. Mai 2026 / Ausgabe 22/2026

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