«Schweizer setzen Normen flexibler um»

Julia Bachinger ist seit drei Jahren Leiterin des Fachbereiches Fenster an der Holzforschung Austria und Gastgeberin des Fenster-Türen-Treff in Salzburg. Bild: Andreas Suttner

Fenster-Türen-Treff 2026.  Rund 250 Teilnehmende kamen nach Salzburg zum 25. Fenster-Türen-Treff von Holzforschung Austria. Zum Jubiläum erwartete die Fachleute ein breites Programm. Ein Gespräch mit Fachbereichsleiterin Julia Bachinger und einige Schlaglichter auf die Themen.

Schreinerzeitung: Glückwunsch zum 25. Geburtstag des Fenster-Türen-Treffs! Sie sind seit Jahren verantwortlich für die Veranstaltung. Wie wollen Sie den Branchentreff weiterentwickeln?
Julia Bachinger: Vielen Dank. Das oberste Ziel ist, eine Veranstaltung zu bieten, mit der die Akteure der Fenster- und Türenbranche abgeholt werden. Natürlich habe ich eigene Ideen, die ich manchmal auch etwas zurückstellen muss. Die Vorträge müssen passen, damit die Leute kommen, aber sehr wichtig ist auch der persönliche Austausch untereinander, weshalb die Pausen und die Ausstellung im Kongresszentrum wichtig sind.
2024 gab es zwei praktische Vorfüh- rungen zum Einbruch- und Brandschutz. Die Action kam sehr gut an. Wann machen Sie wieder mal Feuer oder vielleicht ein begrenztes Hochwasser mit einer Tür?
Das war spannend, in der Tat. Es braucht neben den Ideen natürlich auch die Hersteller und Aussteller, und das muss dann zusammenkommen mit einem spannenden Produkt. Wir haben es ganz bewusst nicht wiederholt, damit wir nicht zu sehr auf einzelne Produkte fokussieren. Aber das heisst nicht, dass es nicht wieder einmal so etwas in der Art geben kann.
Sie kennen die Schweiz gut, haben dort gelebt und gearbeitet. Gibt es mehr Trennendes oder Verbindendes bei den Fenstern und Türen zwischen beiden Ländern?
Die Schweizer denken anders, was sich im Umgang mit Normen sehr gut zeigt. In der Schweiz sind Normen eine Hilfestellung, etwas, an dem man sich orientiert, weil es hilft. Man glaubt nicht dogmatisch daran. In Österreich sind Normen etwas Verbindliches, man hält sich daran. Gerade im Bauwesen ist das ein wichtiger Aspekt, wenn ich etwa an die Bauanschlüsse denke mit den Abdichtungen im Bodeneinstandsbereich. In der Schweiz hat man die SIA 271, die solche Dinge regelt, aber man ist in der Schweiz so weit, dass man sich traut, davon abzuweichen, wenn man weiss, was man tut. Man traut sich, die Dinge anders umzusetzen, wenn man sich sicher ist, dass es funktioniert. In Österreich würde nie jemand abweichend von der Norm etwas ausführen, weil die Norm als Gesetz betrachtet wird. Man könnte das zwar auch vertraglich regeln, aber man hält sich lieber an die Normen.
Ist es nicht die gleiche Bauanschlussfuge und das gleiche Gewerkeloch in Österreich und der Schweiz?
Ja, das stimmt natürlich. Ich kann nicht sagen, warum manches anders gesehen oder anders behandelt wird. Ich denke, die Herausforderungen sind die gleichen, aber die Herangehensweise unterscheidet sich immer wieder. Mein Gefühl ist, dass wir Normenländer versuchen, jeweils dem anderen die Verantwortung zuzuschieben. Also ein Gewerk schiebt das Problem auf ein anderes, was nicht hilfreich ist. Es geht dabei um Kommunikation und weniger um Leitlinien, dann finden sich auch Wege, wie etwas funktionieren kann. Das betrifft den Umgang mit dem Gewerkeloch, aber längst nicht nur.
Der Sonnenschutz und die intelligente Gebäudeplanung in Zeiten des Klimawandels liegen Ihnen am Herzen. Tut sich bei den aktuellen Projekten in dieser Hinsicht etwas? Sehen Sie Fortschritte?
In den Köpfen hat sich etwas getan. Die Leute betrachten den aussen liegenden Sonnenschutz inzwischen als selbstverständlich. Aber umgesetzt wird er trotzdem oft nicht. Und das aus Kostengründen. Im Wohnungsbau, insbesondere in gemeinnützigen Bauten in Österreich, ist es schwierig, den Sonnenschutz in die Planung mit einzubringen. Das ist sehr schade, denn die Nutzer sind am Ende die Leidtragenden. Aber die Notwendigkeit eines Sonnenschutzes ist mittlerweile angekommen.
Welches sind die wichtigsten Punkte, die es bei Türen und Fenstern in naher Zukunft zu bearbeiten und zu lösen gilt? In erster Linie der Sonnenschutz?
Der Sonnenschutz ist definitiv ein wichtiger Punkt, in dem wir noch viel zu tun haben. Aber es gibt andere offene Fragen, die drängen. Punkto Kreislaufwirtschaft von Fenstern und Türen haben wir noch einiges Potenzial, das wir durchaus ohne grosse Probleme heben können. Die Produkte eignen sich hervorragend für die Umsetzung in der Kreislaufwirtschaft, und dies über alle Materialien hinweg.
Aber wir sind noch nicht dort, wo wir hin müssen. Als dritten Punkt möchte ich die Bauanschlüsse und alle Anschlüsse rund um das Fenster nennen. Das ist ein weiteres Feld, in dem wir noch viel Arbeit vor uns haben.

Wenn der Täter zweimal klingelt

Einbrecher klingeln meist an der Tür, bevor sie sich Zutritt verschaffen. So finden sie heraus, ob der Weg wirklich frei, sprich niemand zu Hause ist. Denn Aufmerksamkeit scheut der Einbrecher wie der Teufel das Weihwasser. Das sind Ergebnisse einer Studie mit Strafgefangenen zu den Motiven und Vorgehensweisen bei Einbruchsdelikten, einem der Themen am Salzburger Treff. «Alles, was Anwesenheit signalisiert, wirkt abschreckend», sagt Patricia Rosenauer, Co-Autorin der Studie. Während die Branche die Einbruchhemmung vor allem aus technischer Sicht entwickelt, haben die Forschenden in der Studie unter anderem 32 qualifizierte Interviews mit inhaftierten Tätern geführt.

So konnte mehr darüber in Erfahrung gebracht werden, wie Täter ihr Umfeld vorbereiten. Etwa über Social Media. Man solle keine Posts in Echtzeit aus den Ferien auf die Reise schicken, denn dann kann jeder wissen, dass die Wohnung verlassen ist. «Die sind ein Riesenfaktor», so Rosenauer. Im Gespräch habe ein Täter gesagt: «Ich schaue auf Facebook, wer in den Ferien ist. Das ist für mich wie ein Katalog.» Täter würden sich leichte Ziele suchen, Risiken vermeiden und unter gar keinen Umständen Aufmerksamkeit erzeugen. Jeder Hund, der belle, sei deshalb wirksam, jede professionell ertüchtigte Tür und jedes Fenster mit einem Hinweis auf die Einbruchhemmung sei deshalb auch abschreckend. Aufmerksame Nachbarn, Beleuchtung und Kameras seien weitere Aspekte, die ein Objekt unattraktiv machen.

«Der wirksamste Nachbar ist der Hund. Das Bellen ist besser als die Alarmanlage», sagt Rosenauer. Attrappen seien nur bei Gelegenheitseinbrechern wirksam. Ein Profi erkenne diese. Professionelle Täter würden ein Objekt zunächst durch Beobachtung auskundschaften, benutzten eventuell Störsender für elektronische Sicherheitssysteme, hätten Baupläne und arbeiteten Fluchtrouten mithilfe von Google Maps aus. Jedoch sei nicht die vermeintlich grösste Beute das attraktivste Objekt, sondern die leichteste Beute.

Der Schall kommt über die Dämmebene

Bei der Montage von Fenstern lässt sich eine Entwicklung eindeutig feststellen: Durch die Verbesserung der Wärmedämmung von Gebäuden ist die Montage der Fenster aus der Mauerwerksebene in die Dämmebene verlegt worden. «Wird das Fenster in die Dämmebene gesetzt, wird der Schallschutz kritisch», sagt Bernd Sass vom IFT Rosenheim (D). Dort hat man sich unterschiedliche Einbausituationen von Fenstern aus der Sicht der Fugenschalldämmung genauer angesehen. Kombinationen mit Winkelmontage, solche mit Montagezargen, verschiedenen Abständen zum Baukörper, verschiedenen Dämmungen und Baukörperanschlüssen nahm das Team dabei unter die Lupe. Die gewonnenen Erkenntnisse mündeten in einen Vorschlag für einen sogenannten Bauteilkatalog mit einem rechnerischen Ansatz für die Bestimmung des bewerteten Fugenschalldämmmasses. Der raumseitigen Leibungsverkleidung kommt dabei besondere Bedeutung zu. Wird diese mit Materialien von mindestens 28 kg/m2 Masse ausgeführt, wirkt sich das auf die Schalldämmung günstig aus.

www.ift-rosenheim.de

Ein neuer Leitfaden

Um die sensiblen Schnittstellen in der Gebäudehülle durch Fenster und Türen, aber auch durch die Fensterbank und den Sonnenschutz geht es im neuen Leitfaden «Dicht ums Fenster». Darin enthalten ist alles für die Ausführung und Planung von dichten Anschlüssen an Fenstern und Türen. Da an den kritischen Punkten mehrere Gewerke beteiligt sind und aufeinandertreffen, hat Holzforschung Austria den Leitfaden mit anderen Verbänden zusammen erarbeitet. Dabei sind die einzelnen Schritte der Ausführung weniger strittig als die Ablaufplanung und die klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Genau da setzt der Leitfaden an und hat als wesentliches Element eine klare Definition von Voraussetzungen für die Folgegewerke. Durch eine Schnittstellen-Gewerke-Matrix werden die Aufgaben und Pflichten der Handwerksgruppen übersichtlich dargestellt. Der Leitfaden soll ab sofort unter fenstereinbau.info zur freien Verfügung stehen.

Kastenfenster luftdichter machen

In den Städten existiert eine erhebliche Anzahl an Kastenfenstern. Nun gibt es eine Qualifizierungsinitiative für diese historischen Fenster. Während das Schalldämmmass von Kastenfenstern konstruktionsbedingt recht gut ist, entspricht die Luftdichtheit kaum den Anforderungen.

Das zeigten Untersuchungen eines Teams von Holzforschung Austria und der TU Wien. Die Forschenden aus Österreich konnten an den historischen Fenstern zeigen, dass schon eine Dichtungsebene für eine erhebliche Verbesserung beim Luftverlust sorgt.

25 Jahre Fenster-Türen-Treff

Wo Forschung auf Praxis trifft

Seit 25 Jahren trifft sich die Branche zur Diskussion von Forschungsergebnissen rund um Fenster, Türen und Sonnenschutz auf Einladung von Holzforschung Austria. Was die Rosenheimer Fenstertage für Deutschland und die Windays für die Schweiz sind, ist der Fenster-Türen-Treff für Österreich. Zwar gibt es viel Austausch zwischen den beteiligten Institutionen und auch gemeinschaftliches Agieren der Hochschulen, doch ist ein wesentlicher Punkt des Branchentreffs der persönliche Austausch zwischen den Fachleuten aus der Praxis, den Zulieferern und den Forschenden.

www.holzforschung.at

Christian Härtel, CH

Veröffentlichung: 12. März 2026 / Ausgabe 11/2026

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