Stimmen aus der Branche

KI verändert Arbeitsabläufe im Schreinergewerbe Schritt für Schritt – vom Büro bis zur Werkstatt. Bild: Pixabay

Branchenstatement.  Die Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind auch in der hölzigen Branche angekommen. Die Schreinerzeitung hat nachgefragt, wie diese im Praxisalltag genutzt werden und wo die Chancen und die Gefahren liegen.

Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) sind längst nicht mehr nur ein Thema für Technologiekonzerne oder Forschungslabore. Auch im Schreinergewerbe halten sie Einzug in den Berufsalltag. Oft geschieht das weniger spektakulär, als es die öffentliche Diskussion vermuten lässt: beim Verfassen von Texten, bei der Recherche, in der Arbeitsvorbereitung, bei der Bildbearbeitung oder in digitalen Assistenzsystemen von Software und Maschinen.

Chancen erkennen, Grenzen verstehen

Zwischen Neugier, Aufbruchsstimmung und einer gesunden Portion Skepsis sammeln viele Schreinereien derzeit erste Erfahrungen mit KI-gestützten Anwendungen. Einige Betriebe setzen entsprechende Werkzeuge bereits gezielt ein, andere beobachten die Entwicklung noch zurückhaltend und prüfen mögliche Einsatzgebiete. Klar ist: Die Technologie verändert Arbeitsabläufe und eröffnet neue Möglichkeiten. Gleichzeitig bleiben Fachwissen, Erfahrung und handwerkliches Können die entscheidenden Grundlagen erfolgreicher Projekte.

Statements aus der Praxis

Die Schreinerzeitung hat Fachpersonen aus der Branche um ihre persönliche Einschätzung gebeten. Die folgenden Statements zeigen, wie unterschiedlich Digitalisierung und künstliche Intelligenz heute wahrgenommen und genutzt werden. Gemeinsam zeichnen sie ein aktuelles Stimmungsbild aus den Betrieben und machen deutlich, wo die Branche Chancen erkennt, wo Herausforderungen bestehen und welchen Platz KI künftig im Schreineralltag einnehmen könnte.

Kurze Umfrage auf Instagram

Des Weiteren hat die Schreinerzeitung auf ihrem Instagram-Kanal eine kurze Umfrage zu den Themen Digitalisierung und KI gemacht. Diese ist mit rund 20 Teilnehmenden natürlich nicht repräsentativ, aber dennoch interessant. Die Hälfte der Teilnehmenden bestätigte, dass sich ihre tägliche Arbeit durch die Digitalisierung etwas verändert hat. Bei 16 Prozent ist die Veränderung sogar gross. Bei rund einem Drittel hingegen hat sich bisher im Alltag nichts verändert. Für mehr als die Hälfte der Befragten sind Veränderungen durch KI und die Digitalisierung kein Problem, sondern normal. 27 Prozent gaben an, etwas verunsichert zu sein und 20 Prozent meinten, dass sie sich viele Gedanken dazu machen würden. Bezüglich möglicher Veränderungen wurde genannt, dass Pläne künftig an jedem Arbeitsplatz auf dem Bildschirm angezeigt werden, KI sowohl in der eigenen Softwareprogrammierung sowie der Planung und Visualisierung eingesetzt werden wird und es allgemein mehr Automatismus geben wird.

Roger Schweisgut, Geschäftsleiter, Borm Smart Software AG, Schwyz

« Als Hersteller von ERP- und CAD-Lösungen erleben wir täglich, wie Schreinerbetriebe KI für sich entdecken. Besonders dort, wo Informationen schneller gefunden, Texte oder Visualisierungen erstellt sowie Daten analysiert werden müssen, schafft KI einen spürbaren Mehrwert und entlastet die Mitarbeitenden. Gleichzeitig ersetzt KI weder Erfahrung noch Fachwissen. Handwerkliches Können, Kreativität und das Verständnis für Kundenbedürfnisse bleiben entscheidend. Die grösste Herausforderung liegt darin, KI sinnvoll in bestehende Prozesse und Softwarelösungen zu integrieren, damit die richtigen Informationen zur richtigen Zeit verfügbar sind. Ich bin überzeugt, dass KI schon bald ein selbstverständlicher Bestandteil sein wird, ähnlich wie CAD oder ERP heute. »

www.borm.swiss

Christof Dürr, Projektleitung und Avor, Schreinerei Zwicky AG, Aesch BL

« Bei uns wird KI bisher vor allem als unterstützendes Werkzeug im Entwurfs- und Beratungsprozess eingesetzt. Besonders hilfreich ist die Möglichkeit, Ideen und Varianten schnell zu visualisieren. So kann beispielsweise ein Foto einer bestehenden Tür hochgeladen werden, und es wird mir gezeigt, wie diese mit einer Oberfläche aus Tanne furniert aussehen könnte. Auch für erste Entwurfsideen, etwa eine Empfangstheke, lassen sich mit KI schnell provisorische Visualisierungen erstellen und mit Kundinnen und Kunden besprechen. Zukünftig sehe ich weitere Einsatzmöglichkeiten in unserem Betrieb: Materialien, Farben und Formen können unkompliziert variiert, Gestaltungsideen entwickelt und Inspirationen gesammelt werden. Gleichzeitig braucht es eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen. »

www.zwicky-schreinerei.ch

Aurel Gassner, Teamleiter Software-Support, Homag (Schweiz) AG, Höri ZH

« Künstliche Intelligenz ist für mich längst kein Zukunftsthema mehr, sondern ein zunehmender Bestandteil unseres Arbeitsalltags. Besonders im direkten Kontakt mit unseren Kunden eröffnet KI neue Möglichkeiten, Informationen schneller bereitzustellen, Prozesse zu vereinfachen und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Sie unterstützt uns dabei, technische Daten effizient auszuwerten, passende Lösungen schneller zu finden und Kundenanfragen gezielter zu beantworten. Gleichzeitig bleibt der persönliche Austausch, die Erfahrung unserer Mitarbeitenden und das Verständnis für die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden unverzichtbar. Die Herausforderung besteht darin, KI sinnvoll, transparent und verantwortungsvoll einzusetzen. Dort, wo sie Routineaufgaben übernimmt, gewinnen wir wertvolle Zeit für Beratung, Service und die Entwicklung nachhaltiger Kundenlösungen. Für mich ist KI deshalb vor allem ein Werkzeug, das unsere Kompetenzen ergänzt. »

www.homag-schweiz.ch

Reto Schürpf, Geschäftsführer, Schreinerei Schürpf GmbH, Seewen SZ

«Die Digitalisierung hat bei uns bereits einiges verändert. Wir haben beispielsweise unser Archiv digitalisiert. Platz ist kostbar, und die digitale Suche funktioniert inzwischen sogar besser als die analoge. Seit rund fünf Jahren setzen wir iPads als mobile Arbeitsplätze ein. Sie ermöglichen uns digitale Massaufnahmen, bei denen wir Masse direkt in Fotos eintragen können. Vor drei Jahren haben wir die Einsatzplanung digitalisiert, vor zwei Jahren den Kreditorenworkflow und seit einem Jahr stellen wir Arbeitsdokumente für Produktion und Montage online zur Verfügung. Diese drucken wir zwar noch parallel aus, aber auch hier werden wir uns Schritt für Schritt weiterentwickeln. Wir haben vor gut zwei Jahren sogar unsere alte Striebig mit einem PC und Etikettendrucker ergänzt, damit wir die Plattenzuschnitt-Optimierung digital haben. Das sieht witzig aus, aber ist hilfreich beim Zuschneiden. KI ist bei uns seit drei Jahren ein grosses Thema und unterstützt uns. Besonders eindrücklich finde ich die Möglichkeit, aus Skizzen oder Plänen fotorealistische Visualisierungen zu erstellen. Auch beim Programmieren sowie bei der Suche nach Lösungen und Fehlern in Software eröffnet KI ganz neue Möglichkeiten. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Technologien entwickeln, ist beeindruckend. Etwas kritischer sehe ich die Entwicklung bei der Cybersecurity. Mit den Möglichkeiten der KI werden auch Betrugsmaschen immer raffinierter. Hier müssen wir wachsam bleiben und dürfen bei aller Begeisterung die Risiken nicht unterschätzen. Ich kann sagen, dass die Digitalisierung unseren Betrieb bereits stark verändert hat. Ich bin überzeugt, dass noch einige weitere Veränderungen auf uns zukommen werden. Besonders grosses Potenzial sehe ich bei der Automatisierung administrativer Aufgaben. Auftragserfassung, Rechnungsstellung, Kalkulation und Teile der Finanzbuchhaltung könnten künftig automatisierter ablaufen. Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst eine kleine Schreinerei mithilfe von KI Geschäftsprozesse individuell abbilden kann. Entscheidend ist für mich, dass wir die Technologie gezielt einsetzen, um unsere Mitarbeitenden von administrativem Aufwand zu entlasten und ihnen mehr Zeit für das eigentliche Handwerk zu geben. »

www.schreinerei-schwyz.ch

Kasimir Hutzli, Avor, CNC-Maschinist und Programmierer, Saugy AG, Lenk BE

« Wir arbeiten bereits seit Ende der 90er-Jahre mit CAD und setzen seit 2011 eine CNC-Maschine ein, für die wir sämtliche Programme geschrieben haben. Die Digitalisierung hat unsere Arbeit somit schon lange begleitet und verändert. KI nutzen wir heute noch sehr wenig. Ich persönlich habe nicht unbedingt auf KI gewartet, beobachte die Entwicklung aber dennoch mit Interesse, aber auch mit einer gewissen Skepsis. Meine grösste Sorge ist, dass persönliches Fachwissen und über Jahre aufgebautes Know-how etwas verloren gehen oder bei der jüngeren Generation gar nicht mehr im gleichen Mass aufgebaut werden. Wer sich zu stark auf KI verlässt, läuft Gefahr, das eigene intuitive und logische Denken sowie die Kreativität weniger zu nutzen und weiterzuentwickeln. Für mich sollte KI deshalb ein unterstützendes Werkzeug sein, aber nicht das eigene Denken und Können ersetzen.»

www.schreinerei-lenk.ch

Adrian Fuchs, Sales & Marketing Director, Swiss Krono AG, Menznau LU

« Künstliche Intelligenz ist für uns kein Trend, sondern ein Werkzeug mit echtem Mehrwert. Bereits heute setzen wir KI in vielen Bereichen unseres Unternehmens ein – von der Qualitätsoptimierung in der Produktion bis zur Unterstützung von Verwaltung, Vertrieb und Marketing. Sie hilft uns, Informationen schneller nutzbar zu machen, Prozesse zu vereinfachen und neue Ideen effizient umzusetzen. Gleichzeitig eröffnet sie spannende Möglichkeiten für innovative Kundenlösungen, etwa im Bereich Visualisierung. Mit der Verstärkung unseres Teams durch einen KI-Spezialisten schaffen wir gezielt die Voraussetzungen, dieses Potenzial weiter auszubauen. Wir sehen KI als wichtigen Baustein, um Innovation voranzutreiben und unser Unternehmen zukunftsfähig weiterzuentwickeln. »

www.swisskrono.ch

Anja Heim, Mitinhaberin Schreinerei Häner GmbH, Niedergösgen SO (Werkstatt)

«Wir sind seit Gründung der Schreinerei 2020 digital unterwegs und können von überall auf unsere Pläne und Projektinformationen zugreifen. Das ist im Büro, in der Werkstatt und bei der Kundschaft sehr praktisch. Verändert haben sich vor allem die Möglichkeiten, unsere Ideen zu zeigen. Nach den ersten Skizzen zeichnen und visualisieren wir die Projekte in 3D. Mit KI können wir realistische Bilder mit passenden Materialien, Texturen und etwas Deko erstellen. Das ist eine tolle Unterstützung, weil sich die Kundschaft viel besser vorstellen kann, wie das fertige Möbel später aussehen wird. Hier sehe ich noch weiteres Potenzial. Bei einer Massanfertigung gibt es das fertige Möbel ja noch nicht. Dank der Bilder können wir mit den Kunden Materialien, Farben und Proportionen gleich besprechen. Dabei müssen wir natürlich darauf achten, dass die Darstellung dem entspricht, was wir tatsächlich herstellen können. Zurzeit testen wir ausserdem, ob uns KI bei der Zeitschätzung für Spezialanfertigungen unterstützen kann. Gerade bei Arbeiten, die wir nicht jeden Tag machen, wäre das hilfreich. Manchmal brauche ich von der KI Unterstützung, um fachliche Texte für die Kundschaft verständlich umzuschreiben. Mit KI wird sich sicher noch einiges verändern. Den Takt werden dabei wohl die Softwarehersteller angeben. Die Programme, die wir nutzen, wirken teilweise noch altmodisch – da sehe ich Potenzial. Weniger begeistert bin ich von manchen KI-Chatbots bei Lieferanten, mit denen wir uns neu herumschlagen. Diese davon zu überzeugen, dass wir Hilfe von einer echten Person brauchen, benötigt manchmal viel Geduld. Grundsätzlich finde ich die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz aber schon ziemlich cool und schaue neugierig auf das, was noch kommt. »

www.schreinerei-haener.ch

Andreas Bischof, Geschäftsführer, Andreas Bischof GmbH, Unterwasser SG

«Die Digitalisierung hat meine tägliche Arbeit stark verändert. KI nutze ich intensiv in der Administration, bei Kalkulationen, mit eigenen spezialisierten Bots und für Visualisierungen auf Basis unserer 3D-Planungen. Digitalisierung ist allerdings ein sehr breiter Begriff. Nicht alles, was technisch möglich ist, bringt auch einen Nutzen. Wenn die Systeme funktionieren, sind sie eine enorme Erleichterung. Wenn nicht, kann der Aufwand beträchtlich sein. Unsere Planung, Arbeitsvorbereitung und Fertigung sind heute stark digitalisiert. Ein grosser Schritt war die vollständige Umstellung unserer IT auf eine cloudbasierte, virtuelle Umgebung. Gerade mit unseren CAD-Programmen war das eine Herkulesaufgabe. Heute benötigen wir an den Arbeitsplätzen nur noch einfache Rechner oder Laptops mit Dockingstations und sind arbeitsplatzungebunden. Die Programme und die Rechenleistung laufen virtuell. Trotz des grossen Aufwands sind wir überzeugt, dass dies der richtige Weg für die Zukunft ist. Gleichzeitig merken wir, dass wir viele unserer über Jahre gewachsenen Arbeitsabläufe zuerst genauer definieren und vereinheitlichen müssen, ehe wir sie digitalisieren können. Sonst nehmen wir bestehende Probleme mit. Das grösste Potenzial sehe ich in der Vernetzung und Automatisierung unserer Prozesse. Die grösste Herausforderung sind heute die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Programmen. Hier wünsche ich mir von den Softwareanbietern mehr Offenheit und Öffnung der API-Schnittstellen. Wir stehen beispielsweise kurz davor, eigene Apps für betriebliche Abläufe zu entwickeln, die auch in ein bestehendes ERP integriert werden sollen. Eine weitere Idee ist, allgemeine Apps für Massaufnahmen und schnelle Kundenbedienung zu bauen. Mit dem Ziel und der Hoffnung, dass wir bei einfacheren Anfragen sehr schnell werden können. Beim Verabschieden könnten wir den Kunden dann praktisch schon die fertige Offerte zusenden. Des Weiteren sehe ich bei standardisierten Werkzeichnungen grosses Potenzial. Weshalb sollen wir beispielsweise eine Tür immer wieder neu zeichnen, wenn sich aus wenigen Parametern automatisch ein Werkplan mit Fertigungsdaten erstellen liesse? Was mir zudem fehlt, sind gemeinsame Branchenstandards in der Digitalisierung und dem Datenaustausch. Im Holzbau funktioniert der Datenaustausch zwischen CAD-Systemen und CNC-Maschinen verschiedener Hersteller bereits recht gut. In der Schreinerei hingegen ist das noch immer wesentlich komplizierter. Am liebsten würde ich mich mit einigen anderen Schreinerbetrieben zusammentun und gemeinsam eine wirklich durchgängige digitale Lösung entwickeln mit bestehenden Lösungen. »

www.andreasbischof.ch

Noah Gautschi/nicole D’Orazio

Veröffentlichung: 22. Oktober 2026 / Ausgabe 43/2026

Artikel zum Thema

22. Oktober 2026

Vorausschauende Wartung mit KI

Wartung.  Mithilfe von künstlicher Intelligenz werden Wartungs- und Serviceleistungen besser planbar. Dies durch die Interpretation von Maschinendaten. Michael Gwerder zeigt im Experteninterview, was bereits möglich ist und worauf man achten sollte.

mehr
22. Oktober 2026

Grundlage jeder Produktion

Massgebend.  Selbst ein einfacher Korpus mit Tür und Tablar kann nicht ohne konkrete Vorgaben hergestellt werden, weshalb über alle Ausbildungsstufen eine einheitliche Planung vermittelt wird. Mit dem neuen Bildungssystem sind die Ansprüche diesbezüglich sogar gestiegen.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Digitalisierung