Zukaufen oder selber fertigen?

Massivholzfront des italienischen Küchenbauers Minacciolo: Solche Fronten selber zu fertigen, ist eine grosse Herausforderung. Bild: Minacciolo SA

Fertigung.  Soll man Küchenfronten selber herstellen oder zukaufen? Für beide Fälle gibt es gute Argumente. Doch nicht immer ist der Preis die einzige Entscheidungsgrundlage. Wichtig ist neben der Einrichtung auch die Strategie der Betriebe.

«Wir leben von der Wertschöpfung, wir vergeben sie darum nur ungern nach auswärts», sagt Anita Bischof, Projektleiterin bei der Firma Moser Küchen AG in Appenzell. Das Unternehmen fertigt rund 120 Küchen pro Jahr und stellt wann immer möglich alles selber her. Dazu gehören auch die Fronten. Mit dem Konzept «Die Wertschöpfung möglichst im Haus behalten» ist die Küchen- und Innenausbaufirma nicht allein. Viele Unternehmen haben ihr Betriebskonzept zwar mittlerweile auf eine gewisse Spezialisierung ausgelegt. Kaum ein Betrieb fertigt heute Küchen genau gleich effizient wie Treppen, Fenster oder gar Fassaden.

Anschluss schnell verloren

Im Küchenbau ist die Spezialisierung weiter fortgeschritten als in anderen Sparten des Innenausbaus. Die Tiefe der Spezialisierung ist praktisch nur noch mit derjenigen des Fensterbaus vergleichbar. Besonders fruchtbar wirkt sich die Beschränkung auf den Küchenbau im Bereich Kundenberatung und die Fertigung der Fronten aus. Wer nicht regelmässig Küchenprojekte abwickelt, verliert bei Apparaten und Beschlägen schnell den Anschluss. Genau gleich bei den Fronten: Beschichtete Platten zu bekanten, ist relativ einfach. Doch für die Fertigung aufwendiger Fronten in Massivholz oder Hochglanzlack braucht es neben viel Fachwissen und Routine auch die passende Betriebseinrichtung. Man muss das technische Niveau stets auf höchstem Level halten, um überhaupt noch kostendeckend produzieren zu können.

Kostendeckung unsicher

«Wir besinnen uns auf das, was wir am besten können», sagt Reto Wipf, Projektleiter bei der Wipf Küchen AG in Meisterschwanden. Fronten aus Massivholz etwa stellt das Unternehmen nicht mehr selber her. «Wir haben immer wieder solche Produkte im eigenen Haus gefertigt und nacher auch nachkalkuliert. Die Rechnung ist aber längst nicht immer aufgegangen», sagt der junge Projektleiter. Neben der Massivholzbearbei-tung hat Wipf auch den Spritzraum praktisch aufgegeben. «Wir spritzen nur noch kleine Arbeiten selber, denn unsere Anlagen sind veraltet, entsprechen nicht mehr den aktuellen Anforderungen.» Heute bestellt er die Küchenfronten – jedenfalls die aufwendigen – bei einem Spezialisten und ist damit gut gefahren. Beschichtete Platten formatiert und bekantet die Firma Wipf aber nach wie vor selber. Das kommt dem Auftragsportfolio des Betriebes entgegen. Wipf fertigt viele Küchen mit beschichteten Fronten. «Von den etwa 80 Küchen, die unseren Betrieb jährlich verlassen, sind 75 mit beschichteten Fronten ausgerüstet», erklärt Wipf. Mit dem externen Vergeben der aufwendigen Arbeiten kann sich das Unternehmen viele Investitionen in die Betriebseinrichtung sparen. «Auf eine CNC-Anlage können wir getrost verzichten, denn unser Bohrautomat kann Korpusteile schneller und kostengünstiger bearbeiten», ist Reto Wipf überzeugt.

Kompetenz erhalten ist teuer

Doch wer Arbeiten nach auswärts vergibt, muss längerfristig Abstriche bei der Fertigungskompetenz in Kauf nehmen. Dieser Faktor ist Hans Rechsteiner von der gleichnamigen Küchenbaufirma in Gossau wichtig. «Wir bestellen nur Fronten, die wir überhaupt nicht selber herstellen können», sagt Rechsteiner. Massivholz- oder Furnierfronten sowie auch Hochglanzoberflächen lässt er im eigenen Betrieb fertigen. Durch dieses System kann der Unternehmer die technische Kompetenz des Betriebes hochhalten, was in Zeiten mit weniger guter Auslastung Vorteile bringe. Zudem kann Rechsteiner den bestehenden Maschinenpark auslasten. Doch auch dieses Argument könnte früher oder später infrage gestellt werden, etwa wenn eine grössere Investition erforderlich sein sollte. Einen Produktionsbetrieb so zu unterhalten, dass stets kostendeckend produziert werden kann, erfordert immer wieder Investitionen. Man muss sich dabei schon gut überlegen, wie weit diese Sinn machen und ob der Ersatz einer einzelnen Anlage nicht noch weitere zwingende Investitionen nach sich zieht.

Risiko weitergeben

Doch auch Rechsteiners Betrieb kauft in bestimmten Fällen Fronten zu. «Aluminiumoberflächen kaufen wir zu, weil wir diese gar nicht fertigen könnten», sagt der Unternehmer. Zudem lohne sich auch die Herstellung von Hochglanzfronten nicht in jedem Fall. «Die Kunden haben eine sehr genaue Vorstellung, wie die Qualität einer solchen Oberfläche sein muss, sie sind auch bereit, dafür viel Geld auszugeben», sagt Rechsteiner. Er habe darum immer einen gewissen Respekt, diese Ansprüche auch erfüllen zu können. Mit zugekauften Fronten könne man einen Grossteil dieser Unsicherheit vergessen, das Risiko an den Zulieferer weitergeben.

Einkaufen unumgänglich?

Alternativ zu lackierten Hochglanzoberflächen stehen heute auch vorbeschichtete Acrylplatten zur Verfügung. Klebt man Kantenmaterial an, muss das bündig gefräste Material wieder glatt poliert werden. Bei kleinen Mengen kann dies von Hand erfolgen, sinnvollerweise setzt man dazu aber ein Polieraggregat direkt auf dem Kantenleimer ein. «Solche vorbeschichteten Hochglanzfronten bieten wir auch an, unsere Kantenanleimmaschine verfügt aber nicht über ein Polieraggregat», sagt Rechsteiner. Aus diesem Grund kauft er auch diese Fronten zu. Zudem gäbe es immer wieder Anfragen zu Kanten mit Nullfuge. Die Anschaffung der entsprechenden Infrastruktur mit Laser- oder Plasmaanlage zum Bekanten kommt für kleine und mittlere Unternehmen kaum infrage. Trotzdem will der Unternehmer solche Fronten anbieten. Zumal heute öfters bereits im Devis die fugenlose Kante ausgeschrieben sei.

Attraktive Ausstellung dank Zukauf

Dass man durch den Zukauf von Fronten sein Angebot massiv erweitern kann und dadurch mehr Kundschaft in seine Ausstellungsräume lockt, ist unbestritten. «Wenn ein Kunde nach einer speziellen Oberfläche fragt und sie nicht angeboten bekommt, geht er womöglich woanders hin», meint Rechsteiner. Das wolle er auf jeden Fall verhindern. Auch auf die Beeinflussung des Kunden, um ihn auf eine bestimmte Produktschiene zu lenken, sollte man verzichten. Kunden, sind dann zufrieden, wenn sie eine für sie optimale Lösung bekommen. Alles andere hinterlässt ein ungutes Gefühl, was sich negativ auf eine langfristige Geschäftsbeziehung auswirken würde.

Spezialitäten im Angebot

«Wer eine ansprechende Ausstellung mit hochwertigen Produkten unterhält, strahlt Kompetenz aus», weiss Martin Häni, Kundenberater der Firma Lanz-Fronten. Das Unternehmen hat sich auf die Produktion von Fronten spezialisiert und hat sowohl die Einrichtung als auch die Kompetenz, um spezielle Fronten wie etwa Aluminiumoberflächen zu fertigen. Als zweiter wichtiger Anbieter in der Schweiz hat sich die Firma Beat Bucher AG etabliert. Beide Hersteller decken neben Standardoberflächen auch ganz spezielle Bedürfnisse ab. Lanz hat sich neben der Alufront mit der Herstellung von Massivholz- und Furnierfronten einen guten Namen erarbeitet, Bucher hat mit Keramik-, Stein- und Betonfronten für Aufmerksamkeit gesorgt. Als dritter Anbieter hat sich ebenfalls die Firma Woodcoat mit pulverbeschichteten Fronten etabliert.

www.lanzfronten.chwww.bbag.chwww.woodcoat.ch

wi

Veröffentlichung: 13. Dezember 2012 / Ausgabe 50/2012

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