Das heutige Schreinerhandwerk abgebildet

Ablösung: Die neue SIA-Norm 241 fällt einiges ausführlicher aus als die alte. Bild: Nicole D’Orazio

Regelwerk.  Die SIA-Norm 241 «Schreinerarbeiten» von 2015 fiel sehr knapp aus und war veraltet. Eine Kommission hat sie vollständig überarbeitet, die neue ist seit November 2025 in Kraft. Pierre Scheidegger, der die Gruppe leitete, erzählt, wie es lief und was sich geändert hat.

Schreinerzeitung: War es höchste Zeit, die seit 2015 bestehende SIA-Norm 241 «Schreinerarbeiten» zu überarbeiten?
pierre scheidegger: Ja, denn diese hatte kaum Inhalt und war meist veraltet. Zum Beispiel beinhaltete sie noch das chemische Beizen. Zudem gab es ein strukturelles Problem. Der SIA, der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein, hat die Gepflogenheit, zu Beginn der Normen Begriffserklärungen aufzuführen. Dort kann man vieles auflisten, sofern es hinten in der Norm wieder vorkommt. In der alten Version der «Schreinerarbeiten» gab es allerdings nur Begriffe und Definitionen, die kaum Zusatzinformationen oder Details enthielten. Sie hatte sehr wenig Fleisch am Knochen. Bei Fachexpertisen in meinem Beruf für den Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) bin ich mit der alten Norm oft angestanden und musste jeweils das Formelbüchlein des Bin, also ein Lehrmittel, zur Hand nehmen. Zum Beispiel bei der Holzfeuchte. Deswegen wollte die Kommission diese Begriffserklärung unbedingt ausbauen, damit es mehr Substanz gibt.
Ist das gelungen?
Ja, die Begriffe sind heute fast dreimal so lang, und es sollte nichts mehr fehlen. Im Anhang haben wir zudem alle Themen abgebildet, mit denen wir arbeiten. Es gibt neu einige Anhänge in der Norm. Zum Beispiel zu Leim mit den verschiedenen Komponenten und allen offiziellen Abkürzungen, die zuvor fehlten. Oder die Diagramme und Grössen zum Schwinden und Quellen von Hölzern, die wir aus dem Formelbüchlein übernommen haben.
Wer hat den Input zur Überarbeitung der Norm gegeben?
Das war der VSSM. Denn wie schon erwähnt, gab für uns Experten die Arbeit mit der alten Version einfach zu wenig her und machte meiner Meinung nach keine gute Falle. Wir Schreiner hatten immer etwas wehmütig auf die Norm 265 der Holzbauer geschielt, weil diese ausführlich war. Jede Berufsgattung hat eine eigene SIA-Norm. Deswegen werden diese auch Regeln der Baukunde genannt. Damit die Normen auch wirklich halten, was sie versprechen, müssen sie meiner Meinung nach primär von den jeweiligen Berufsfachleuten ausgearbeitet werden und nicht primär von Ingenieuren oder Architekten.
Das tönt nach viel Arbeit.

Ja. Die Kommission hat zwischen drei bis vier Jahre investiert.

Von wem wurden die Kommissionsmitglieder ausgewählt?

Das macht der SIA. Giuseppe Martino von der Geschäftsleitung hat mich als Präsident vorgeschlagen, weil ich schon lange dabei bin. Zudem achtet man darauf, dass auch angegliederte Verbände beziehungsweise solche vertreten sind, die ein Grundinteresse an der Norm haben. Deswegen sind der Küchenbau und die Innenarchitekten hinzugezogen worden. Mit Stefan Schrader hatten wir auch jemanden von Ecobau dabei, einem Verein, in dem sich Bauämter von Bund, Kantonen und Städten zusammengeschlossen haben mit dem Zweck, das ökologische, kreislauffähige und gesunde Bauen breit zu verankern. Ein interessanter Mann, der die Lignum-Dokumentationen zur Raumluftqualität verfasst hat.

Wie verlief die Zusammenarbeit?

Sehr gut. Natürlich haben wir viel diskutiert, aber konstruktiv. Während des Prozesses haben wir bei speziellen Themen auch immer wieder Unternehmer, Experten von Fabrikanten oder Personen aus der Bereichskommission eingebunden. In den letzten Jahren gab es in der Branche zum Beispiel am meisten Diskussionen um Kunstharzoberflächen. Diese haben entweder eine Beschichtung oder einen Belag. Letzteren erkennt man an den schwarzen Ecken entlang der Kanten, was mit der Dicke der Beläge zu tun hat. Bei Kunstharzbelägen wurde von Unternehmern jeweils gerne etwas getrickst, indem sie von «werksbelegt» sprachen. Deswegen holten wir Experten von Herstellern dazu, um das Thema genau zu regeln.

Welche sind die grössten Änderungen in der neuen Norm?

Oberflächenbehandlungen werden neu Oberflächenbeschichtungen genannt, auch wenn das jahrelang ein geläufiger Begriff war. Da haben wir uns den anderen Berufsgattungen, insbesondere den Malern, angepasst. Das ist für mich auch noch ungewohnt. Wir haben bei den Beschichtungen auch die Mindestschichtdicken angegeben, was Grundierungen oder Fertigbehandlungen für innen wie aussen anbelangt. Ansonsten haben wir das heutige Schreinerhandwerk abgebildet. Daher sollte die Norm allen Schreinerinnen und Schreinern geläufig sein, weil sie dem State of the Art entspricht.

Ist die Norm 241 nun für alle Schreinerarbeiten verbindlich?

Ja, sie muss allerdings im Werkvertrag vereinbart werden, denn sie ist nicht allgemeinverbindlich. Lediglich die Normen 180 «Wärme- und Feuchteschutz» sowie 181 «Schallschutz im Hochbau» wurden von den Kantonen für allgemeinverbindlich erklärt. Sie haben somit Gesetzescharakter.

Weshalb wird die Norm, die seit November 2025 gilt, nicht allen Schreinerunternehmen zur Verfügung gestellt, wenn sie sich daran halten müssen?

Das gehört halt zum Geschäftsmodell des SIA. Alle Normen müssen gekauft werden. Schaden kann es sicher nicht, wenn die 241 in den Betrieben vorhanden ist, es ist aber kein Muss. Wenn es spezifische Fragen gibt, können sich Unternehmerinnen oder Unternehmer an die Abteilung Technik & Betriebswirtschaft des VSSM wenden. Wir helfen gerne weiter, können aber keine Kopien abgeben.

Gibt es mit der fertigen Norm noch einen nächsten Schritt?

Ja. Die CRB, die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung, wird nun die Ausschreibungstexte, zum Beispiel für Küche oder Wandschränke der Norm anpassen. Mit diesen arbeiten Architekten. In ein paar Jahren wird die Norm sicher wieder überarbeitet werden, um aktuell zu bleiben. Diesmal wurde zehn Jahre gewartet, die Version davor datierte sogar von 1988.

Sind Sie mit dem Werk zufrieden?

Ja, sehr. Meine Erwartungen wurden übertroffen, weil die Kommission so viel einbringen konnte. Gefreut hat mich zudem, dass wir in der Vernehmlassung kaum Rückmeldungen erhalten haben. Unser Vorgehen, schrittweise zu kommunizieren und Fachleute themenspezifisch einzubinden, war richtig. Die Arbeit machte Spass und hat mich gefordert.

www.sia.chwww.vssm.ch

Die Personen dahinter

Fünfköpfige Kommission am Werk

Die Kommission SIA 241 «Schreinerarbeiten» bestand aus folgenden Personen, welche die Norm überarbeiteten: Marco Kaufmann, Gommiswald SG (Vertreter von Küche Schweiz), Stefan Schrader, Zürich (Ecobau), René Weiss, Sulz AG (VSI.ASAI), und Urs Zurbuchen, Amlikon TG (VSSM). Präsidiert wurde die Kommission von Pierre Scheidegger, Wallisellen ZH, Projektleiter Technik & Betriebswirtschaft beim VSSM. Zudem wurden jeweils Experten und Unternehmende für Spezialthemen oder auch allgemeine Fragen beigezogen.

Nicole D’Orazio, ndo

Veröffentlichung: 15. Januar 2026 / Ausgabe 3/2026

Artikel zum Thema

11. September 2025

Beim SAZ ist es eine Minute vor zwölf

Wirtschaft.  Hilferuf vom Schreiner Ausbildungszentrum Zürich (SAZ): Der Ausbildungsbetrieb benötigt bis Ende September eine Finanzspritze von 300 000 Franken, sonst droht der Konkurs. Betroffen sind 38 Lehrstellen und zehn Arbeitsplätze. Wer will, kann spenden.

mehr
26. Juni 2025

Nachfolgeregelung aus dem Lehrbuch

Interview.  Mit 28 Jahren übernimmt Yanick Schläpfer Anfang 2023 die operative Leitung der Späti Innenausbau AG in Bellach SO. Im Interview spricht er über seine Motivation, die anspruchsvolle Übergabe und die Verantwortung, ein Familienunternehmen in eine neue Zukunft zu führen.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Wirtschaft