Die Faszination des fast Unsichtbaren

Der Skywalk im polnischen Swieradów-Zdrój (Bad Flinsberg) hat seine gläserne Terrasse 62 Meter hoch über dem Boden. Bild: Stefan Hilzinger

Glasboden.  Mit Glas kann man wörtlich Brücken bauen und sogar Tageslicht durch den Boden eines Parks holen, um es vier Etagen tiefer zu nutzen. Die technischen Möglichkeiten des spröden und doch so starken Materials lassen kühne Entwürfe machbar werden.

Glas ist ein faszinierendes Material, da es eine klare Durchsicht erlaubt und nicht da zu sein scheint, obwohl es den Weg in die Blickrichtung verschliesst. Die Herstellungstechniken wurden so optimiert, dass riesige Scheiben in unterschiedlich dicken Ausführungen hergestellt und zu Verbundglaselementen verarbeitet werden kön- nen. Wandgrosse Fensterflächen sollen Innenräume mit der Aussenwelt verbinden und das Tageslicht ins Gebäude lassen. Sobald vor so einem Fenster ein Balkon mit normalem Geländer verläuft, ist die Wirkung vorbei. Die Glashersteller haben daher auch Brüstungsgeländer aus Glas geschaffen und sogar Bodenelemente, welche begehbar sind und den freien Blick nach unten erlauben.

Etwas orientierungslos «schweben»

Klare, durchsichtige Glasböden bieten einen gewissen Nervenkitzel, da sich ein Begehen nicht mit normalem Sicherheitsempfinden vereinbaren lässt. Es gibt architektonische Spielereien wie beispielsweise in einer privaten Villa, wo der Boden eines Verbindungszimmers im Obergeschoss aus Klarglas ist und so das Licht von einem darüberliegenden grossen Dachfenster nach ganz unten bringt. Beim Begehen entsteht das Gefühl, mitten im Raum zu schweben. Beliebt sind auch Balkone und dergleichen in Tourismusgebieten – vor allem bei besonderen Aussichtspunkten wie auf dem Bild aus dem polnischen Bad Flinsberg.

Entsprechend den Anforderungen

Damit Glasbodenprojekte erfolgreich umgesetzt werden können, müssen die Glashersteller den notwendigen Elementaufbau jeweils der Situation entsprechend berechnen und ausführen. Das Gleiche gilt dann auch für den Aufbau und die Fixierung bei den Glasauflagen, damit, egal aus welchen Gründen, irgendwelche Spannungen und äusseren Einflüsse keine Schäden anrichten können. Besondere Anforderungen lassen dann schon mal neue, bessere Produkte entstehen. Ein aussergewöhnliches Beispiel stellt das Salesforce Transit Center in San Francisco dar. Das über 400 Meter lange, viergeschossige Gebäude enthält einen zweistöckigen Busbahnhof, Läden, Büros und einen riesigen Dachgarten. Über einen grossen Bereich sollten eine begehbare Oberlichtfläche sowie eine Glaskuppel Tageslicht bis in das Erdgeschoss bringen. Die Stadt gilt als besonders erdbebengefährdet, was bei allen Bauten berücksichtigt werden muss. Der Anforderungskatalog für dieses Projekt war dann auch entsprechend anspruchsvoll.

Erdbebensicheres Brandschutzglas

Vetrotech und Greenlite Glass Systems Inc. haben gezielt für dieses Objekt an diesem Standort das System «Contraflam Liteflam-XT-120» entwickelt und prüfen lassen. Entstanden ist so etwas wohl Einzigartiges: Ein erdbebensicheres Brandschutzprodukt in Gestalt von begehbarem Glas – und das mit einem Opferglas – sowie eine Aussen-Fussbodenverglasung, mit einem Feuerwiderstand von zwei Stunden. Die Gesamtdicke beträgt 162 mm.

Die austauschbare Opferscheibe dient als Verschleissschicht und ist als Verbundsicherheitsglas (VSG) mit aussen liegender Einscheibensicherheitsglasscheibe (ESG) ausgeführt. Zur Verbesserung der Rutschhemmung ist die Oberfläche mit dem «Xtragrip»-Siebdruck versehen. Da die länderspezifischen Vorgaben unterschiedlich sind, betont Vetrotech Saint-Gobain, dass dieses Glassystem für die USA entwickelt wurde und anderswo wieder neue, andere Lösungen gesucht werden müssten.

Bitte ohne Ausrutschen

Nicht nur die Elementaufbauten, sondern nur schon die vorgeschriebenen Rutschhemmungen können je nach Land anders ausfallen. Beim Madras-Glas aus dem Angebot der Galvolux SA gibt es die Rutschhemmung «Pixel Flooring» mit chemisch eingeätzten reliefartigen Punkten. Die Punktoberflächen sind rau und matt, wodurch die Durchsicht verschleiert wird. Das hat den zusätzlichen Nutzen, dass Personen von unten nur schemenhaft erkennbar sind und von oben nicht in die Tiefe gesehen werden kann. Auch Treppenstufen werden so ausgeführt, um das Begehen angenehmer zu gestalten. Es gibt eine Version von Madras mit geätzten Punkten, die durchsichtig sind. Dessen geringere Rutschfestigkeit reicht aber nicht für jedes Land aus.

Auch die Flachglas Schweiz AG bietet mit ihrer begehbaren Lösung «vetroSafe Floor» vier mehr oder weniger durchsichtige, einseitig geätzte Glastypen zur Rutschsicherung an. Zusätzlich gibt es die Version «Vetrofloat antislip OW». Bei ihr wird auf die Glasoberfläche eine Beschichtung aufgetragen, die individuell vollflächig oder im gewünschten Design gestaltet werden kann. Je nach Design der Beschichtung wird die optische Leichtigkeit des Materials betont, und auch der Grad des Sicherheitsempfindens lässt sich einstellen.

Mit ganzjährig grosser Frequenz

Die Hunkeler + Hediger Metallbau AG aus Schöftland hat in Oensingen beim Bahnhofsperron einen Glasboden eingebaut, der Tageslicht in den Zugang zur Unterführung bringt. Ein solcher Boden ist einer meist hektischen, ganzjährigen Nutzung bei jedem Wetter und vielfältigen, zusätzlichen Belastungen ausgesetzt.

Die dafür geschaffenen Glaselemente der Flachglas Schweiz AG liegen spannungsfrei auf den Unterlagen. Die umlaufenden Fugen sind mit einem möglichst druckfesten Stopfmaterial verfüllt und anschliessend mit einem SSG-Kleber (Structural Sealant Glazing) versiegelt. Sind die Fugen nicht druckfest verfüllt, werden beispielsweise durch Wanderstöcke sehr schnell Löcher in der Fugenversiegelung entstehen. Die SSG-Verklebung ist Befestigung und Dichtung in einem und sorgt für eine spannungsarme Übertragung der Kräfte. Überfrierende Nässe im Winter ist bei einer so genutzten Fläche ein Problem, da die rutschhemmenden Strukturen ausgeglichen werden, noch bevor das Eis selbst eine raue Oberfläche hat. Entsprechend braucht es eine gröbere Rutschhemmung als sonst üblich.

Damit Schneeräumen möglich ist

Oberlichter sind nicht immer einfach Dachfenster, sondern können nur schon durch ihre frei zugängliche Lage auch betreten werden. Bei einer solchen Planung sind der Ort, die zu erwartenden Witterungseinflüsse sowie die Schneelast und sicher auch die Personenfrequenz mitzuberücksichtigen. Daneben sind Vorgaben, wie sie auch bei vertikalen Fenstern gelten, bezüglich klarer Durchsicht und verschiedenen Schutzmöglichkeiten realisierbar.

Das Dach der Talstation des Matterhorn-Expresses in Zermatt hat ein grosses, vierteiliges Oberlicht, dessen Glaselemente von der Glas Trösch AG geliefert wurden. Auf dem Dach grenzt eine Terrasse an diese Fläche, die umzäunt ist. Dennoch muss das Glas ausser einer definierten Schneelast auch die Personenlast zum Schneeräumen tragen.

www.vetrotech.comwww.galvolux.comwww.flachglas.chwww.hunkeler-hediger.chwww.glastroesch.com

Andreas Brinkmann

Veröffentlichung: 24. September 2026 / Ausgabe 39/2026

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