Kratzer sind keine Katastrophe

Polieren geht über Studieren: Die häufig nur oberflächlichen Glasbeschädigungen lassen sich an Ort und Stelle ohne Abstriche bei der Qualität beheben. Bild: Glassresq

Reparatur.  Bereits eingebaute Fenstergläser zerkratzen während oder nach der Bauphase rasch und werden aufwendig ersetzt, auch wenn dies oft nicht notwendig ist. In vielen Fällen lassen sich Beschädigungen mit geeigneten Verfahren vor Ort beheben.

Wer regelmässig Glas verbaut, kennt seine Dauerhaftigkeit, aber auch seine Empfindlichkeit. Beim Einbau entstehen Schäden wie Brüche und Risse durch ungewollte Kollisionen mit anderen Bauteilen. Und auch später, etwa während der Bauphase, treten Beschädigungen auf. Oft sind Schreinereien mit Kratzern durch unsachgemässe Reinigung, Funkenwurf durch Schneidarbeiten oder Verätzungen durch Betonwasser konfrontiert. Erschwerend kommt dazu, dass Schäden meist erst nach der Schlussreinigung entdeckt werden, wenn das Objekt fertig ist. Auch «Scratchings», mutwillige Glasritzereien, gehören mittlerweile zu den häufigeren Schadbildern.

In vielen Fällen wird bei solchen Schäden direkt an einen Ersatz der betroffenen Gläser gedacht. Doch während Glas früher bei Beschädigungen meist vollständig ersetzt wurde, lassen sich heute viele Oberflächenschäden technisch reparieren. Dabei wird die beschädigte Stelle nicht einfach optisch kaschiert, sondern die Glasoberfläche wird gezielt bearbeitet und wiederhergestellt. «Heute lassen sich nahezu alle oberflächlichen bis tiefen Glasschäden und Kratzspuren technisch sanieren», sagt Dominic Duer, Geschäftsführer der Polygon Smart Repair AG in Wädenswil ZH. Die Firma ist auf Glasreparaturen am Bau spezialisiert und mit die-ser Mission regelmässig für Schreinereien unterwegs.

Interessant wird es bei grossen oder fest verbauten Verglasungen. Der organisatorische Aufwand für einen Ersatz kann erheblich sein. Nebst der Beschaffung des neuen Glaselements und der damit verbundenen Lieferfrist verursachen Montagearbeiten und die Entsorgung zusätzliche Umtriebe und Kosten. Eine Reparatur erfolgt hingegen vor Ort, die bestehende Scheibe bleibt eingebaut und muss nicht ersetzt werden. Dadurch reduzieren sich Aufwand und Umtriebe für alle Beteiligten massiv – insbesondere auch für die Kundschaft.

Mit etabliertem Verfahren zum Erfolg

Moderne Glasreparaturen basieren auf einem mehrstufigen mechanischen Bearbeitungsprozess. Im Prinzip basiert das Verfahren auf dem kontrollierten Polieren der Glasoberfläche. Dabei wird die beschädigte Stelle im Mikrometerbereich (0,001 mm) abgetragen und anschliessend fein poliert, bis der Kratzer optisch nicht mehr sichtbar ist. Je nach Verfahren wird dieser Prozess zusätzlich physikalisch unterstützt. Durch die gezielte Bearbeitung verändert sich die Struktur der Glasoberfläche im Mikrobereich. Der Kratzer wird dadurch nicht nur optisch reduziert, sondern tatsächlich auch geschlossen. Für das menschliche Auge ist die reparierte Stelle bei fachgerechter Ausführung meist nicht mehr sichtbar. «Das Ergebnis ist keine optische Kaschierung, sondern durch die richtige Technik eine tatsächliche Wiederherstellung der Oberfläche», erklärt Duer. Dass dieses Verfahren längst etabliert ist, zeigen die Zahlen eindrücklich. Die Anzahl sanierter Gläser in der Schweiz liegt mittlerweile bei jährlich mehreren Zehntausend.

Die klare Sicht bleibt

Eine der häufigsten Fragen betrifft die Qualität nach der Reparatur. Viele Kunden befürchten sichtbare Verzerrungen im Glas. Moderne Systeme ermöglichen heute jedoch eine Bearbeitung ohne Qualitätsverlust. «Bei fachgerechter Ausführung sind reparierte Stellen in der Regel weder sichtbar noch fühlbar», betont Duer. Wichtig ist, dass keine Rückstände und Wellenbildungen wahrnehmbar bleiben. Um dies zu beurteilen, wird meist die Richtlinie 006 der Technischen Fachstelle für Glas am Bau (Sigab) zur visuellen Beurteilung von Glas am Bau herangezogen (siehe Infobox). Entscheidend für ein gutes Ergebnis sind die Qualität des eingesetzten Verfahrens sowie die Erfahrung der Person, welche die Reparatur vornimmt.

Die Grenzen kennen

Ungefähr 95 Prozent aller gängigen Schäden können erfahrungsgemäss repariert werden. Aber trotz der hohen Erfolgsquote sind Glasreparaturen nicht grenzenlos möglich. Technische Einschränkungen bestehen insbesondere bei strukturellen Schäden wie Glasbruch oder grösseren Rissen, wenn das Glas nicht mehr intakt ist und zu stark beschädigt wurde. In solchen Fällen ist ein Austausch unumgänglich. Schwierig wird es auch, wenn Kratzer und Beschädigungen im Randbereich eines Verglasungsfeldes liegen und daher für Polierarbeiten schlecht zugänglich sind. In solchen Fällen kann es wegen Platzmangel unmöglich sein, die beschädigte Stelle zu bearbeiten, ohne umliegende Rahmenteile in Mitleidenschaft zu ziehen. Sehr tiefe Beschädigungen mit starkem Materialverlust stellen ebenfalls höhere Anforderungen an die Reparatur und sind teilweise nicht mehr zu retten. In der Praxis machen jedoch oberflächliche Kratzer einen Grossteil aller Schäden aus, und diese lassen sich meist erfolgreich sanieren.

Sicheres, standardisiertes Vorgehen

Der Ablauf einer Glasreparatur ist auf Effizienz und kurze Einsatzzeiten ausgelegt. Nach einer ersten Einschätzung anhand von Fotos oder einer kurzen telefonischen Besprechung der Situation erhält die Kundschaft in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden eine Kostenschätzung. Bei komplexeren Schäden erfolgt eine kostenlose Begutachtung vor Ort. Die Reparatur selbst wird direkt auf der eingebauten Verglasung durchgeführt, eine Demontage des Glases ist meist nicht notwendig. Vor Beginn der Arbeiten wird der beschädigte Bereich sorgfältig gereinigt und rund um die Reparaturstelle abgeklebt, um angrenzende Flächen zu schützen. Anschliessend erfolgt die Bearbeitung der beschädigten Glasoberfläche in mehreren Polier- und Schleifstufen, bis die Oberfläche wieder möglichst gleichmässig und optisch klar erscheint.

Nach der Bearbeitung wird die gesamte Glasfläche gereinigt und kontrolliert. Ziel ist eine verzerrungsfreie Oberfläche ohne sichtbare Rückstände oder Wellenbildungen. Zusätzlich hilfreich: Das Verfahren liefert eine strukturierte, dokumentierte Schadenanalyse und damit eine hilfreiche Grundlage für Versicherungsfälle oder Klärungen zwischen beteiligten Gewerken. In der Regel liegen die Einsatzzeiten bei maximal einem Tag, je nach Anzahl und Eigenschaft der Schadstellen.

Zusatzgeschäft und Kundenbindung

Für Schreinereien kann das Thema Glasreparatur nebst einer Problemlösung bei Schäden an eigenen Produkten ein interessantes Zusatzgeschäft darstellen. Oft sind Schreinereien als Hersteller die erste Anlaufstelle für Endkunden, wenn Schäden an Gläsern auftreten. Die Möglichkeit einer Reparatur eröffnet hier zusätzliche Lösungsansätze für die Kundschaft und kann Zusatzaufträge bringen. Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Reparaturbetrieben ermöglicht es, solche Leistungen anzubieten, ohne selbst in aufwendige Spezialtechnik investieren zu müssen. Die Schreinerei kann als Problemlöserin auftreten und eine zufriedene Kundschaft langfristig binden.

Wirtschaftliche Vorteile

Besonders deutlich wird das Potenzial bei den Kosten. Je grösser und komplexer eine Verglasung ist, desto interessanter wird eine Reparatur wirtschaftlich. Ein Praxisbeispiel zeigt dies deutlich: Zwei Fenstertüren mit jeweils drei Kratzern (Grösse: rund, Format: A4) können für weniger als 700 Franken repariert werden. Der vollständige Ersatz derselben Elemente verursacht schnell Kosten von über 2000 Franken oder mehr. Bei grossflächigen Verglasungen, wie sie heute immer häufiger ausgeführt werden, fällt die Differenz meist noch deutlicher aus und ist daher besonders interessant. «Wir empfehlen, Gläser, die weniger als 150 Franken kosteten, zu tauschen; darüber ist eine Sanierung unbedingt zu prüfen», sagt Duer.

Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung

Was wirtschaftlich überzeugt, punktet auch im Bereich der Nachhaltigkeit. Diese Gedanken spielen zunehmend eine grosse Rolle. Funktionierende, intakte Verglasungen müssen bei einer Reparatur nicht entsorgt werden, lediglich die beschädigte Oberfläche wird bearbeitet. Dadurch lassen sich Materialverbrauch, Transportaufwand und Entsorgung stark reduzieren. Besonders bei grossen oder spezialisierten Verglasungen macht dies einen echten Unterschied und hilft mit, knappe Ressourcen zu sparen. Für die Kundschaft wird dieser Aspekt immer wichtiger und somit zu einem wertvollen Verkaufsargument. Es lässt sich festhalten: Wer eine Glasfläche ohne Qualitätseinbusse günstiger, mit weniger Umtrieben und viel ressourcenschonender instand stellen kann, muss nicht zweimal überlegen. Glasreparaturen dürften deshalb in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen, nicht als Provisorium, sondern als echte Alternative zum Ersatz.

www.glassresq.ch

Beurteilung von Glasfehlern nach SIGAB 006

Bei Licht betrachtet

Die Richtlinie 006 der Sigab definiert, wie Glasoberflächen in der Praxis beurteilt werden. Entscheidend ist dabei nicht die Betrachtung aus nächster Nähe, sondern der normale Eindruck im eingebauten Zustand. Die Kontrolle erfolgt grundsätzlich:

  • bei diffusem Tageslicht

  • ohne direkte Sonneneinstrahlung

  • ohne künstliche Beleuchtung zur Hervorhebung von Fehlern

  • ohne Markierung der Beanstandung auf dem Glas

  • senkrecht zur Scheibe aus einer Distanz von rund drei Metern

Ist aufgrund der Raumsituation kein Abstand von drei Metern möglich, gilt die vorhandene Raumtiefe als Betrachtungsdistanz.

Kleine Erscheinungen oder minimale optische Effekte gelten dabei oft als zulässig, sofern sie aus normaler Betrachtungsdistanz nicht störend sichtbar sind. Die Richtlinie beurteilt unter anderem:

  • Kratzer und Schleifspuren

  • Einschlüsse oder punktförmige Fehler

  • Verzerrungen und Wellenbildungen

  • Beschichtungs- und Farbabweichungen

  • Randbeschädigungen

  • optische Effekte bei ESG-Gläsern wie Verfärbungen und Unebenheiten

Wichtig: Nicht jede sichtbare Erscheinung gilt automatisch als Mangel. Entscheidend ist die Sichtbarkeit unter den definierten Betrachtungsbedingungen.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sich Reklamationen nicht immer allein mit Normen bearbeiten lassen. Auch bei zulässigen Erscheinungen können Kulanzlösungen sinnvoll sein, beispielsweise eine Kostenaufteilung zwischen Kunde und Lieferant oder Betrieb, denn die Kundenzufriedenheit steht oft im Vordergrund und ist das Wichtigste.

www.sigab.ch

Roland Wildi, RW

Veröffentlichung: 24. September 2026 / Ausgabe 39/2026

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