Die Späne fliegen jetzt auch bei den Männern

Drechseln ist für die meisten Lernenden Neuland. Bild: Michael Nussbaum

Zum ersten Mal stand der Nachwuchsworkshop auch Männern offen. Gemeinsam vertieften die Teilnehmenden ihr Können und fertigten einen Hocker mit Furniereinlagen, runden Formen und gedrechselten Beinen.

Fernab des gewohnten Lehrbetriebs treffen sich junge Schreinerinnen und Schreiner, um in einer kleinen Runde Neues zu lernen und gemeinsam etwas zu erschaffen. Genau dafür steht der dreitägige Nachwuchsworkshop des VSSM, der jährlich und dreimal im Kurszentrum des Freilichtmuseums Ballenberg in Hofstetten BE veranstaltet wird. Nach fünf Jahren als «Frauenpower-Workshop» gab es dieses Jahr nun auch für Männer die Möglichkeit, sich für den Kurs anzumelden. Nebst der Arbeit am eigenen Möbelstück blieb genügend Zeit für neue Kontakte und gemeinsame Erlebnisse. Im Zentrum des Workshops stand aber die Fertigung eines individuellen Hockers.

Ein Hocker, viele Ideen

Zuerst wurde das Design der Sitzfläche und der Beine gewählt. «Bei der Gestaltung der Beine und Sitzfläche sind die Teilnehmer völlig frei. Auch wie viele Furnierstreifen sie einlassen und wie breit oder schmal diese ausfallen, entscheiden sie selbst», sagt Samantha Kämpf, Projektleiterin Grundbildung beim VSSM. Sie organisiert jeweils die Kurse und leitet den Teil, in dem die Teilnehmenden am ersten Halbtag die Sitzfläche planen und realisieren. Einzige Vorgabe war, dass der Einstichpunkt nicht direkt auf der späteren Kontur liegen durfte, damit die Bearbeitung sauber ausgeführt werden kann. Ansonsten waren die Teilnehmenden frei. Mittels Oberfräse und eines notwendigen Zirkels liessen sich die Formen herausarbeiten. Zu Beginn rissen die Lernenden die Sitzfläche an. Je nach gewählter Form unterschied sich damit das weitere Vorgehen. Anschliessend wurde die Kontur mit dem Oberfräsenzirkel gefräst, der je nach Konstruktion entweder am Rand der Sitzfläche fixiert wird oder über einen Dübel im Zentrum. Dank der Kreativität der Teilnehmer und deren Werkzeuge kamen ganz unterschiedliche Ergebnisse zum Vorschein.

Rundum neue Erfahrungen

Andri Indermühle, Lernender im dritten Lehrjahr bei der Röthlisberger AG Schreinermanufaktur in Schüpbach BE, nutzte den Kurs bewusst als Weiterbildung. Die Arbeit mit Einlagen und runden Formen gehört nicht zu seinem täglichen Handwerk, weshalb ihn das Angebot besonders ansprach. «Solche Arbeiten machen wir im Betrieb eigentlich nie, deshalb ist es eine willkommene Abwechslung zum Alltag», sagt der 20-Jährige. Deshalb war er gespannt auf das Fräsen und anschliessende Einkleben der Furnierstreifen. Zwar hatte er die Technik bereits im Rahmen einer Übung kennengelernt, selbst umgesetzt hatte er sie jedoch noch nie. Auch das Arbeiten mit einem Handoberfräsenzirkel war für ihn neu. Der Berner arbeitet üblicherweise mit Plattenmaterialien. «Massivholz kommt im Betrieb zwar vor, nimmt aber eher einen kleinen Stellenwert ein.» Umso mehr freute er sich auf den zweiten Kurstag, bei dem er die Beine drechseln konnte. Bei der Gestaltung seines Hockers setzte er auf eine klare Formensprache: Die Sitzfläche ist fast durchgehend rund gestaltet. «Ich habe versucht, die runde Form überall aufzunehmen», sagt Indermühle.

Eine neue Sicht auf das Handwerk

Für Nevio Dubois-dit-Bonclaude bot der Workshop eine spannende Möglichkeit, über den Tellerrand des eigenen Betriebs hinauszuschauen. Der 18-Jährige befindet sich im vierten Lehrjahr und absolviert seine Ausbildung bei der Türen Meier AG in Biberist. Sein Ausbildungsbetrieb liegt im Kanton Solothurn, er wohnt im Kanton Bern. «Mich interessiert die Sichtweise von anderen Leuten und der Austausch mit anderen Lernenden», sagt er. Besonders spannend sei es, zu erfahren, wie in anderen Betrieben gearbeitet wird. «Es ist interessant, zu sehen, wie andere gewisse Arbeiten handhaben.» Im Arbeitsalltag ist er hauptsächlich in der Produktion tätig. «Ich arbeite viel an der CNC», erzählt er. Komplexe Aufgaben reizen ihn dabei besonders: «Ich mag Arbeiten, bei denen man überlegen und Lösungen finden muss.» Auf den Workshop blickte er gespannt voraus. Insbesondere freute er sich auf Arbeiten, mit denen er bisher kaum Berührungspunkte hatte. «Gedrechselt habe ich noch nie, darauf freue ich mich besonders.» Ganz fremd waren ihm handwerkliche Arbeiten jedoch nicht. Auch in den überbetrieblichen Kursen habe er bereits verschiedene Arbeitstechniken von Hand ausgeführt. Ob sein Hocker rechtzeitig fertig wird? Da zeigte sich der angehende Schreiner zuversichtlich: «Ich denke, das schaffe ich fertig. Vielleicht reicht es nicht mehr für die Oberflächenbehandlung oder das Lackieren.»

Vom Profi lernen

Beim Drechseln entscheidet unter anderem die Wahl des richtigen Werkzeugs über Arbeitsfortschritt und Oberflächenqualität. Erst das Zusammenspiel aus passendem Werkzeug, korrekter Handhabung und scharfen Schneiden ermöglicht präzise Drechselarbeiten und hochwertige Oberflächen. «So zeigt sich, dass hinter den scheinbar einfachen Formen viel handwerkliches Können steckt», sagt Ueli Mischler, Drechsler und Kursleiter. Schritt für Schritt zeigte er den Teilnehmern, wie sich der Vierkantstab mit den entsprechenden Werkzeugen zu einem geschweiften Rundstab verwandeln lässt.

Um die Rohlinge grob herauszuarbeiten, kommt erst die Schruppröhre zum Einsatz. Sie ist das grösste und schwerste Werkzeug im Sortiment und eignet sich besonders, um kantige Werkstücke rasch in einen Zylinder zu verwandeln. Dank ihrer Masse läuft sie ruhig und trägt viel Material ab. «Für feine Konturen oder anspruchsvolle Formen ist sie jedoch weniger geeignet», erklärt Mischler.

Sobald die Grundform erstellt ist, kommen spezialisierte Werkzeuge zum Zug. Mit Stechbeiteln lassen sich sogenannte Schultern, Einstiche und saubere Übergänge ausarbeiten. Flachstähle werden eingesetzt, um Flächen zu glätten oder Zylinder präzise auszudrehen. Je nach Profil und Schneidengeometrie ermöglichen sie unterschiedliche Bearbeitungsschritte und Oberflächenqualitäten. Eine besondere Rolle spielt dabei die Form des Werkzeugs. «Runde Schneiden laufen oft ruhiger und verringern die Gefahr, dass das Werkzeug im Werkstück einhakt», sagt der Drechselprofi. Dadurch lassen sich Rattermarken und unerwünschte Schläge reduzieren. Gerade für Einsteiger ist eine saubere Werkzeugführung entscheidend, um kontrolliert Material abzutragen und ein gleichmässiges Ergebnis zu erzielen. In einem zweiten Schritt veranschaulichte Mischler anhand eines Beispiels, wie das Schleifen der Oberfläche geht: «Recht viel Druck, langsame Bewegungen und das Schleifpapier immer etwas bewegen.»

Begeisterung an der Drehbank

Auch Randy Bühlmann hatte besonders das Drechseln angetan. «Deswegen meldete ich mich extra an», erzählt der angehende Schreiner. Der 18-Jährige befindet sich im dritten Lehrjahr und absolviert seine Ausbildung bei der Holzinnovation Mörschwil AG. Dass traditionelle Handwerkstechniken auch heute noch relevant sind, steht für ihn ausser Frage. «Tischbeine oder ähnliche Werkstücke kann man nicht einfach so mit der CNC produzieren.» Bei Bühlmann zu Hause steht eine kleine Drehbank. «Es ist schade, wenn man so eine Maschine hat, aber nicht weiss, wie man damit umgeht.» Obwohl er sich bereits für das Thema interessiert hatte, sammelte er im Kurs seine ersten praktischen Erfahrungen an der Drehbank. Die Arbeit sei anfangs ungewohnt gewesen. «Es ist schon gewöhnungsbedürftig. Vor allem muss man mit dem Drechselwerkzeug den exakten Winkel richtig treffen.» Mit dem bisherigen Ergebnis zeigt er sich jedoch zufrieden: «Das erste Stück ist gut geworden. Beim zweiten kann ich es noch etwas besser machen.»

Die grösste Herausforderung sieht er darin, mehrere Werkstücke identisch herzustellen. «Alle vier Beine gleich hinzubekommen, ist nicht so einfach. Man muss die Masse und Durchmesser genau übernehmen und während des Drechselns immer wieder überprüfen.» Gerade diese Präzision mache die Arbeit aber auch spannend. Mit Massivholz arbeitet der Lernende gerne. Entsprechend gross ist die Freude darüber, eine Technik kennenzulernen, die in vielen Betrieben nur noch selten zum Einsatz kommt. Dass dabei nicht immer alles auf Anhieb klappt, gehört dazu. «Am Anfang hat es einmal geknallt», erzählt Bühlmann. Inzwischen habe er den Dreh aber raus und komme gut voran.

Faszination Handwerk

«Ein Drehbank steht zwar bei uns im Betrieb, gedrechselt habe ich damit aber noch nie», sagt Simon Enzler. Er macht seine Schreinerlehre bei der Schreinerei Hölzli in Degersheim SG. Umso grösser war das Interesse des Lernenden, das traditionelle Handwerk selbst auszuprobieren. Der 19-Jährige befindet sich im vierten Lehrjahr und meldete sich aus eigener Initiative für den Kurs an. «Ich habe den Kurs gesehen und fand ihn interessant, das wollte ich einfach unbedingt mal ausprobieren.» Besonders reizt ihn die Möglichkeit, etwas kennenzulernen, das im normalen Berufsalltag kaum vorkommt. «Hier lernt man etwas, das man sonst fast nirgends machen kann.» Entsprechend motiviert machte er sich an die ersten Werkstücke. Sein Ziel formuliert er mit einem Lachen schlicht: «Am Ende möchte ich den Hocker mit nach Hause nehmen und sagen können, dass er ganz ordentlich geworden ist.»

Weg ist es schnell

Die Arbeit an der Drehbank verlangt Präzision und Konzentration. Zwar kommt Enzler gut voran und hat bereits drei von vier Beinen fertiggestellt, unterschätzen sollte man die Aufgabe aber nicht. Das Material lässt sich sehr schnell abtragen. Entsprechend wichtig ist sorgfältiges Arbeiten. Besonders wichtig sei es, die Vorlage immer wieder genau zu kontrollieren. «Man muss ständig vergleichen und aufpassen, dass man nicht zu viel wegnimmt.» Trotz der Herausforderung gefällt dem Sankt Galler die Arbeit. «Mit dem Drechseln läuft es bis jetzt gut.» Für Simon Enzler steht deshalb nicht das perfekte Resultat im Vordergrund, sondern die Erfahrung, eine neue Technik kennenzulernen und auszuprobieren. Genau dafür hat er sich angemeldet.

Michael Nussbaum

Veröffentlichung: 01. Oktober 2026 / Ausgabe 40/2026

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