Ein Holländer zieht für die Lehre in die Schweiz

Stolz steht Okke Bouwman vor der Aussentür, die er von A bis Z selbst hergestellt und montiert hat. Bild: Okke Bouwman

Neue Sprache, neues Land, echtes Handwerk: Okke Bouwman wagt mit 16 den Schritt in die Ostschweiz. Heute ist der gebürtige Holländer angehender Schreiner und überzeugt vom hiesigen dualen Bildungssystem.

Ein kompletter Neuanfang wartete im Sommer 2023 auf Okke ­Bouwman, als er seine Schreinerlehre in der Ostschweiz begann. Im neuen Land musste er nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern sich auch mit dem neuen Ausbildungssystem vertraut machen. «Ich wusste, dass es nicht einfach wird, aber dafür habe ich mich bewusst entschieden», sagt der heute 18-Jährige. «Ich wollte richtig arbeiten, nicht nur Schule.» Mittlerweile befindet er sich im dritten Lehrjahr. Der Weg dorthin führte über mehrere Länder und Kulturen – und zu einem bewussten Entscheid für das Schweizer Berufsbildungssystem.

 

Aufwachsen zwischen Holland und Spanien

Bouwman wuchs in Utrecht in den Niederlanden auf und lebte später mehrere Jahre in Navarra, Spanien. Seine Eltern wanderten dorthin aus und betreiben eine Herberge am Jakobsweg. Der Alltag ist international geprägt, Gäste aus aller Welt gehören dazu. Stillstand gab es kaum. Schon früh entwickelte der Holländer eine starke Faszination für Holz und Handwerk. Mit zwölf Jahren begann er zu schnitzen, arbeitete mit einfachen Werkzeugen und brachte sich vieles selbst bei. «Ich habe immer mehr machen wollen», erinnert er sich. «Irgendwann war klar: Das ist nicht nur ein Hobby.» Mit 13 stand für ihn fest, dass er Schreiner werden will. Doch sowohl in Spanien als auch in Holland stiess er auf Grenzen.

 

Handwerk ohne Anerkennung

In Spanien hat das Handwerk ein Imageproblem. «Meine Lehrer sagten mir: ‹Du hast gute Noten, du solltest etwas anderes machen›», erzählt Bouwman. «Handwerk gilt dort oft als etwas für Leute, die nichts anderes können.» Diese Haltung habe ihn irritiert – und zugleich darin bestärkt, seinen eigenen Weg zu gehen. Auch in Holland fand er nicht das, was er suchte. Die Ausbildung zum Schreiner ist dort stark schulisch organisiert. Viel Theorie, viel Kreati­vität, aber wenig echter Berufsalltag. «Man arbeitet viel für sich selbst, macht schöne Möbel, aber kaum was für Kunden», sagt er. «Unter Druck und mit Verantwortung zu schaffen oder monotone Arbeiten, die einfach dazugehören, lernt man so kaum.»

 

Der Weg in die Schweiz

Der entscheidende Impuls kam über eine persönliche Verbindung. Die Tochter seiner heutigen Gastfamilie arbeitete bei Bouwmans Eltern in der Herberge in Spanien. Sie erzählte ihm vom dualen Ausbildungssystem in der Schweiz, von Schnupperlehren und vom direkten Einstieg in den Betrieb. «Dass man einfach kommen und ausprobieren kann, fand ich extrem spannend.» Über ihr Netzwerk organisierte sie zwei Schnupperlehren in der Ostschweiz. Der 16-Jährige nutzte seine Schulferien im Winter und schnupperte je eine Woche in zwei Betrieben. Einer davon war die Nemo-Schreinerei in Mogelsberg SG.

 

Schnuppern, arbeiten, entscheiden

Dort durfte Okke von Anfang an mitarbeiten. Er montierte Möbel, half im Betrieb mit und fertigte ein eigenes kleines Projekt. «Es war nicht nur Zuschauen, ich war ein Teil vom Team, das freute mich.» Nach den Schnupperlehren hätten ihn beide Betriebe genommen. Seine Wahl fiel bewusst auf die Nemo-Schreinerei. «Das Team ist klein, der Umgang direkt. Ich habe mich dort einfach wohler gefühlt.»

 

Ankommen ohne Deutsch

Zu Beginn sprach Okke Bouwman kein Deutsch. Während der Schnupperzeit verständigte er sich auf Englisch mit seinem Vorgesetzten. Doch ihm war klar: Das würde sich ändern müssen. «Ich habe meinem Chef gesagt, dass ich Deutsch lernen werde. Mir war bewusst, dass es sonst nicht geht.» Deutsch lernte er nicht in Kursen, sondern im Alltag – im Betrieb, in der Berufsschule und in der Gastfamilie, bei der er bis heute wohnt. «Am Anfang war es schon schwierig», gibt er zu. «Aber nach zwei, drei Monaten war es kein grosses Problem mehr.» Auch Schweizerdeutsch verstand er bald.

 

Unterstützung und Verantwortung

Als Minderjähriger war der Start auch administrativ anspruchsvoll. «Bankkonto und Versicherungen waren Dinge, die ich unterschätzt habe», sagt der junge Erwerbstätige. Doch er erhielt Unterstützung von seiner Gastfamilie, die ihm bei den Formalitäten half. Rückhalt bekam er auch von seinen Eltern. «Sie haben mich ermutigt, es zu versuchen», so der angehende Schreiner. «Sie sind selbst ausgewandert und wissen, dass man manchmal einfach hineinspringen muss.»

 

Handwerk mit Stellenwert

Was Okke Bouwman an der Schweiz besonders schätzt, ist der Stellenwert des Handwerks. «Hier wird das Schreiner-Sein ernst genommen», sagt er. «Es ist ein richtiger Beruf, mit Verantwortung und Respekt.» Im Betrieb lernte er früh, wie wichtig Normen, ­Planung und Genauigkeit sind. Im Vergleich zur Ausbildung in Holland empfindet er das Schweizer System als strukturierter. «In Holland ist vieles kreativer», sagt er. «Das hat Vorteile. Aber hier lernt man, wie der Beruf im Alltag wirklich funktioniert.»

 

Vielseitigkeit im Betrieb

Die Nemo-Schreinerei ist breit aufgestellt. Möbel, Küchen, Türen, Fassaden, Umbauten, Montagen. Für Bouwman ist genau das ein grosser Pluspunkt. «Ich mag es, dass es immer wieder neue Arbeiten gibt, dadurch lernt man ständig etwas dazu.» Besonders wichtig ist ihm das Arbeiten im Team. «Zusammen Lösungen finden und voneinander lernen – das macht mir Spass.» Die Belegschaft ist jung, der Umgang direkt. «Man arbeitet konzentriert, aber es darf auch gelacht werden.»

 

Lernen über die Arbeit hinaus

Herausfordernd waren für ihn als Ausländer nicht nur fachliche Themen. Ordnung, Sauberkeit und Rhythmus im Betrieb lernte er erst mit der Zeit. «Putzen gehört dazu», sagt er nüchtern. «Gerade als Lernender.» Rückkehrgedanken hatte er nie. «Es ist nicht immer einfach, in jeder Ausbildung und in jedem Lebensabschnitt gibt es Herausforderungen.» Schwierige Tage gehörten dazu, ebenso wie Phasen von Überforderung. «Das ist Teil des Lernens.»

 

Blick nach vorn

Zurzeit ist Okke Bouwman im dritten Lehrjahr, die Teilprüfung steht kurz bevor. Seine Zukunft lässt er offen. «Ich will zuerst das Handwerk richtig beherrschen», sagt er. Ob er später in der Schweiz bleibt oder wieder weggeht, weiss er noch nicht. Sicher ist für ihn nur eines: Die Entscheidung für die Schweizer Lehre war richtig. «Man lernt hier nicht nur einen Beruf», sagt er. «Man lernt, selbstständig zu werden.» Sein Rat an andere junge Menschen ist klar: «Man muss offen sein und sich anpassen. Nicht erwarten, dass sich alles an einen selbst anpasst. Wenn man das akzeptiert, bekommt man extrem viel zurück.»

 

Michi Läuchli

 

www.nemoag.ch

Veröffentlichung: 08. Januar 2026 / Ausgabe 1-2/2026

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