Ein Jobsharing der etwas anderen Art

Nils Reichmuth hatein Jahr lang als Projektleiter für zwei Schreinerbetriebe gearbeitet. Bild: PD

Arbeitsform.  Während eines Jahres hat Nils Reichmuth ein besonderes Arbeitsmodell gelebt: Er arbeitete für zwei Unternehmen in zwei Kantonen. Der 29-jährige Schwyzer hat viele positive Erfahrungen gemacht, obwohl das Experiment zeitintensiv war. Dennoch empfiehlt er es weiter.

Auf der einen Seite eine kleinere Schreinerei in Klosters-Serneus GR, auf der anderen ein Betrieb mit über 30 Mitarbeitenden in Seewen SZ. Ein Unternehmen konzentriert sich auf Zweitwohnungen mit hohem Ausbaustandard, das andere ist breit aufgestellt und bietet die ganze Bandbreite an Schreinerarbeiten an. Auch die Auftragsvolumen unterscheiden sich: Auf der einen Seite oft kleinere Arbeiten, auf der anderen grössere, strukturiertere und definiertere. Nils Reichmuth durfte während eines Jahres mit beiden jonglieren.

Der 29-jährige Schwyzer arbeitete in einem 70-Prozent-Pensum für die Kaspar Flütsch Vitalmöbel AG in Klosters, 30 Prozent war er bei der Schreinerei Schürpf GmbH in Seewen angestellt. «Nach meiner Schreinerlehre wechselte ich zu Schürpf» erzählt er. «Als ich nach einigen Jahren die Perspektive erhielt, eine Beförderung zu erhalten und später in die Geschäftsleitung zu kommen, dachte ich, dass ich zuerst gerne noch einen weiteren Betrieb sehen würde.» Kündigen wollte er allerdings nicht. Da erinnerte er sich an das Angebot eines Freundes, den er in der Weiterbildung zum diplomierten Holztechniker HF Holzbau an der ibW Höheren Fachschule Südostschweiz in Maienfeld GR kennengelernt hatte.

Suche nach einer passenden Lösung

«Nicola Flütsch war dabei, den Betrieb seines Vaters zu übernehmen, und machte mir das Angebot, für ihn zu arbeiten. Das fand ich spannend, da ich mich privat sowieso oft und gerne in den Bündner Bergen aufhalte.» Also setzten sie sich zusammen und suchten nach einer Lösung, die für alle Seiten passte. Für einen begrenzten Zeitraum. So kam es zum speziellen Jobsharing mit der 70:30-Lösung.

Reichmuth löste seine Wohnung auf und zügelte per Dezember 2024 als Wochenaufenthalter in eine WG nach Klosters. Übergangsweise wohnte er wieder bei seinen Eltern. «Das war eine Umstellung, und es war auch eher schwierig, am neuen Ort Anschluss zu finden. Denn es war ein ständiges Pendeln zwischen zwei Orten. Man gehört ein bisschen zu beiden, aber nie ganz», blickt er zurück. Im Dorf war er nicht oft unterwegs und hat sich auch keinem Verein angeschlossen. «Aber ich habe viel Zeit mit meinem Kollegen und dessen Familie verbracht und war oft draussen beim Sport. Das war super.» Er konnte sich das Privileg herausnehmen, frühmorgens schnell auf die Skipiste zu gehen oder mit dem Mountainbike eine Runde zu drehen und erst um 10 Uhr im Büro zu sein. «Das war Luxus.»

Interne Projekte betreut

Für die Kaspar Flütsch Vitalmöbel AG hat Reichmuth vor allem interne Projekte bearbeitet. «Ich war Projektleiter und für die Küchennormierung zuständig», erzählt er. «Ich habe mich der Betriebsoptimierung angenommen und alle Abläufe und Datenstrukturen durchleuchtet und angepasst sowie den Küchenverkauf neu aufgestellt. Zudem durfte ich eine neue Ausstellung planen.» Es hat ihm Spass gemacht, den Betrieb von aussen zu analysieren und Optimierungsvorschläge zu machen. In einem kleinen Betrieb mit acht Mitarbeitenden sei der Aufbau anders. «Für die Geschäftsführung gibt es natürlich viel mehr Themen zu bewältigen. Da kümmert sich beispielsweise eine Person um den Verkauf, die Planung und das Marketing.»

In seinem 30-Prozent-Pensum für die Schreinerei Schürpf GmbH hat Reichmuth vom Bündnerland aus teils im Homeoffice, teils vor Ort gearbeitet. «Auch hier habe ich mich einiger interner Themen angenommen wie der Türennormierung», sagt er. «Zudem habe ich mich mit dem Marketing vertraut gemacht, für das ich seit Anfang 2026 nach meiner Rückkehr verantwortlich bin.» Neben kleineren Küchenverkäufen hat er Kleinaufträge abgewickelt.

Mit der Zeit anstrengend

Die ersten Monate verflogen und waren spannend. «Ich habe gemerkt, dass die Doppelbelastung an meinen Energiereserven zehrt.» Das ständige Eindenken in zwei Betriebe, das viele Pendeln und die Wochenendfahrten zu Familie und Freunden waren auf Dauer anspruchsvoll. Ende Dezember 2025 war das Experiment beendet. «Ich ziehe ein absolut positives Fazit. Für mich war es ein toller Austausch, und ich habe viel für mich mitgenommen», bilanziert Reichmuth. Es sei spannend gewesen, einen neuen Betrieb und neue Leute kennenzulernen. «Schön, wenn man zwei Arbeitgeber hat, die einem so etwas ermöglichen. Ich kann solch ein Arbeitsmodell nur empfehlen, allerdings nur für eine begrenzte Zeit.»

Seit Anfang 2026 hat der Schwyzer wieder nur noch einen Arbeitgeber, die Schreinerei Schürpf, wo er als Projektleiter und Leiter Marketing und Strategie angestellt ist. «Es ist schön, zurück zu sein. Es ist allerdings etwas anders, da ich eine neue Position bekleide», sagt Reichmuth. Seinen Horizont möchte er weiterhin erweitern. «Mein Plan ist, bald eine Weiterbildung in Unternehmensführung zu absolvieren. Das wird bestimmt interessant.»

www.schreinerei-schwyz.chwww.vitalmoebel.ch

Die Sicht der Arbeitgeber

Beide Schreinereien ziehen ein positives Fazit

Bei der Schreinerei Schürpf GmbH wusste man, dass sich Nils Reichmuth neue Impulse wünscht, und war offen, eine Lösung zu finden. «Wir schätzen Nils und hatten Bedenken, ihn zu verlieren», sagt Reto Schürpf, Mitglied der Geschäftsleitung. Durch die offene Kommunikation entwickelte man die Möglichkeit eines Jobsharing-Modells. «Wir fanden die Idee gut. So kam er aus dem Hamsterrad raus und sah, wie es an einem anderen Ort funktioniert. Eine super Sache.» Genügend Aufträge für ihn mit dem kleineren Pensum zu finden, sei kein Problem gewesen. «Die Koordination lief durch die gute Selbstorganisation von Nils sehr gut.»

Auch ans BVG denken

In den zwei Betrieben hat man sich auch Gedanken über den BVG-Koordinationsabzug gemacht. Man müsse aufpassen, wie das Arbeitgeber und -nehmer handhaben wollen. «Zwei Anstellungen, oder doch besser als Verleih? Wir haben uns für zwei Anstellungen entschieden.» Schürpfs Fazit zum Experiment fällt positiv aus. «Wenn Vertrauen und Per- spektiven stimmen, würden wir das wiederholen. Das Halten von Mitarbeitenden ist ein wichtiges Thema im Personal. Das nehmen inzwischen auch KMUs aktiver wahr.»

Schnelle Einarbeitung wichtig

Das Jobsharing war für die Kaspar Flütsch Vitalmöbel AG ideal, weil man als kleiner Betrieb flexibel war. «Aufgaben für Nils zu finden, war nicht schwierig. Gemeinsam konnten wir Prozesse aufbauen und weiterentwickeln. Danach konnte er Themen selbstständig bearbeiten und unabhängig vom Tagesgeschäft umsetzen», sagt Ge- schäftsleiter Nicola Flütsch. Dank seiner Ausbildung hat Reichmuth viel Wissen mitgebracht. «Er war fachlich praktisch sofort einsatzbereit und musste nur die betriebsspezifischen Abläufe kennenlernen.» Das habe zu einer kurzen Einarbeitung geführt, was eine wichtige Voraussetzung für ein solches Modell sei. «Ohne diese Basis wäre eine Teilzeitanstellung in einem zusätzlichen Betrieb viel schwieriger.»

Flütschs Fazit fällt ebenfalls positiv aus. Gerne hätte er Reichmuth länger behalten. Er ist offen, ein Sharing mit einer anderen Person zu wiederholen, und empfiehlt es weiter.

Nicole D’Orazio, ndo

Veröffentlichung: 30. April 2026 / Ausgabe 18/2026

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