Nicht einfach «irgendwie geschreinert»

Projektbesprechung in der Schreinerei. Bild: Sekem

Ägypten.  Das 1977 gestartete Projekt «Sekem» gilt heute als Beispiel nachhaltiger Entwicklung. Ein wichtiger Teil davon ist die Berufsbildung. Und für die Ausbildung von Schreinerinnen und Schreinern ist Technik und Know-how aus der Schweiz wichtig und weiterhin notwendig.

Was braucht es, um in der Wüste eine moderne Schreinerei aufzubauen? Maschinen, Holz und vor allem: ein fundiertes Bildungssystem. Die Sekem-Schreinerei in Ägypten setzt seit über zehn Jahren auf Schweizer Wissen. Doch um den hohen Standard zu halten, sind die 36 Lernenden weiterhin auf Lehrmittel und Manpower von Profis aus der Schweiz angewiesen.

In Ägypten ist eine solide Berufsbildung der Schlüssel zur Flucht aus der Armut. Die Sekem-Schreinerei ist hier ein Leuchtturmprojekt: 36 Lernende (davon die Hälfte junge Frauen) absolvieren dort eine dreijährige Ausbildung. Das Besondere ist die enge Verzahnung mit der Schweiz. Seit 2012 Maschinen aus der Schweiz den Grundstein legten, wird dort nicht «irgendwie geschreinert», sondern nach angepassten Schweizer Lehrplänen ausgebildet. Ein Erfolg, der massgeblich durch das grosszügige Engagement Schweizer Firmen ermöglicht wurde, etwa durch Eigenmann, Holzwespi und die Stiftung Terra Vecchia. Die zentrale Kontaktperson seit dem Beginn der Unterstützung ist der Schreiner Francis Corbat. Der gebürtige Fricktaler war nach seiner Lehre 25 Jahre selbstständig. Später liess er sich in Sozialer Arbeit ausbilden und war in verschiedenen Einrichtungen in Schreinereien tätig, etwa bei der Stiftung St. Jakob in Zürich oder Terra Vecchia in Brienzwiler BE. «Ich will etwas weitergeben. Sei es hier in der Schweiz an benachteiligte Jugendliche oder eben in Ägypten. Mein Engagement dort ist für mich auch ein Zeichen von Dankbarkeit», sagt Corbat.

Anspruchsvolles «Learning by doing»

Die Ausbildung bei Sekem folgt dem dualen Prinzip. Doch ein Lehrplan ist nur so gut wie seine Vermittlung. «Hier liegt die aktuelle Herausforderung», sagt Corbat. Die Lehrwerkstatt ist direkt in die Produktion integriert. Das bedeute «Learning by doing» auf hohem Niveau – etwa beim Bau von Fenstern und Möbeln für die Sekem-Universität, das Sekem-Gästehaus oder private Kunden. «Doch damit die Qualität reproduzierbar bleibt, fehlt es oft an den Grundlagen, die wir in der Schweiz als selbstverständlich erachten», sagt Corbat. Etwa Fachbücher oder technische Hilfsmittel zur Erstellung von Arbeitsabläufen und Planungsunterlagen für die Produktion. Auch Lehrmittel und Werkzeuge seien Mangelware und würden etwa für eine stabile Serienfertigung benötigt (siehe Kasten).

Noch fehlt eine Staubabsaugung

Weitere wichtige Themen seien Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. «Ein kritischer Punkt ist die Luftreinheit. Aktuell arbeitet die Schreinerei noch ohne Staubabsaugung – eine enorme Belastung für das Team», sagt Corbat. Ein konkretes Projekt zur Installation einer Anlage stehe zwar bereit, doch es seien Partner gesucht, die helfen, diesen wichtigen Gesundheitsstandard umzusetzen.

«Ein Wunder in der Wüste»

Die Sekem-Initiative wurde 1977 von Ibrahim Abouleish (1937 bis 2017) gegründet. Er studierte Chemie und Medizin in Österreich und hatte die Vision, ein Stück Wüste 60 Kilometer nordöstlich von Kairo durch biologisch-dynamische Landwirtschaft fruchtbar zu machen. Er erhielt 2003 den Right Livelihood Award, den alternativen Nobelpreis. Heute ist das Projekt «Sekem» ein weltweit anerkanntes Modell für nachhaltige Entwicklung und wird von seinem Sohn Helmy weitergeführt. Nebst der Landwirtschaft und der Produktion von Textilien und Phytomedizin umfasst Sekem ein breites soziales Netzwerk: Schulen, ein medizinisches Zentrum, eine Universität und eben das Berufsbildungszentrum, zu dem die Schreinerei gehört. «Sekem» bedeutet übersetzt aus dem Altägyptischen so viel wie «Kraft der Sonne».

www.sekem.com/de

Stefan Hilzinger/PD

Gastinstruktor/innen gesucht

Maschinen allein können keine Handwerker ausbilden. Der wichtigste Pfeiler des Projekts ist der Wissensaustausch vor Ort. Der Schweizer Schreiner Francis Corbat hat über Jahre gezeigt, was ein einzelner Experte bewirken kann. Doch die Schreinerei braucht eine breitere Basis an Unterstützung. Deshalb sucht Sekem Schreinerinnen und Schreiner aus der Schweiz für einen Einsatz vor Ort, die Lust haben, ihr Wissen und Können für zwei bis vier Wochen in einem völlig anderen Umfeld weiterzugeben, das heisst erfahrene Berufsleute, die:

  • lokale Ausbilder in neuen Fertigungs- techniken coachen,
  • gemeinsam mit den Ausbildern vor Ort Lehrmittel und Kurse entwickeln,
  • die Wartung und Justierung des Maschinenparks überwachen.
  • Fachbücher, Werkzeuge, Maschinen

Ausserdem sucht die Sekem-Schreinerei Lehrmittel und Fachliteratur (auch ältere Ausgaben) sowie Werkzeuge. Gesucht werden zudem stationäre Maschinen, Handmaschinen oder Schraubzwingen – eben alles, was die ägyptischen Berufskollegen gebrauchen können. Schliesslich ist auch eine direkte finanzielle Unterstützung für den Kauf moderner Präzisionsmaschinen für die Werkstatt möglich (auch mittels Sachspenden), um den Sprung zur seriellen Fertigung zu schaffen. «Holz verbindet Kulturen. Helfen Sie mit, dass aus ägyptischem Holz und Schweizer Know-how eine lebenswerte Zukunft für 36 junge Menschen entsteht», sagt Francis Corbat.

Förderverein in Gründung

Um die Unterstützung der Sekem-Schreinerei aus der Schweiz auf mehrere Personen zu verteilen, ist derzeit die Gründung eines Fördervereins im Gange. Francis Corbat erteilt gerne weitere Auskünfte unter Telefon 079 834 63 12 oder E-Mail francis.corbat[at]gmail[dot]com. hil

www.sekem-freunde.ch

Veröffentlichung: 30. April 2026 / Ausgabe 18/2026

Artikel zum Thema

30. April 2026

Ein Jobsharing der etwas anderen Art

Arbeitsform.  Während eines Jahres hat Nils Reichmuth ein besonderes Arbeitsmodell gelebt: Er arbeitete für zwei Unternehmen in zwei Kantonen. Der 29-jährige Schwyzer hat viele positive Erfahrungen gemacht, obwohl das Experiment zeitintensiv war. Dennoch empfiehlt er es weiter.

mehr
30. April 2026

Vom Lernenden zum Eigentümer

Übernahme.  Samuel Duss hat Ende 2025 die Markenrechte der Schweizer Möbelmarke «Team by Wellis» erworben. Das bekannte Designlabel feiert nun unter seiner Regie mit vier Möbeln ein Comeback. Hergestellt werden diese in der Schreinerei Duss in Grosswangen LU.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Wirtschaft