Er ist auf den Bären gekommen


Jean-Pierre Rausis in seinem Atelier mit ein paar seiner Bären-Skulpturen. Bild: Nicole D’Orazio


Jean-Pierre Rausis in seinem Atelier mit ein paar seiner Bären-Skulpturen. Bild: Nicole D’Orazio
Seine künstlerische Ader und sein Talent hat Jean-Pierre Rausis als Kind entdeckt. Früher malte er vor allem Landschaften, speziell die Berge. Seit seiner Pensionierung konzentriert sich der gelernte Schreinermeister und Dozent auf Bärenmotive in Alltagssituationen. Er schnitzt diese aus Holzblöcken.
Ein Raum voller Bären. Im Atelier in Jean-Pierre Rausis’ Haus reiht sich eine Bärenskulptur an die nächste. Ein Bär malt Sonnenblumen, einer spielt Kontrabass und wieder ein anderer schiebt in einem Einkaufswagen seine Habseligkeiten vor sich her. Seit seiner Pensionierung ist der Künstler aus Schliern bei Köniz BE auf den Bären gekommen. «Früher habe ich vor allem Landschaften als Reliefmalerei gemacht. Auf einmal habe ich angefangen, Bären in allen möglichen Situationen des Alltags oder in Berufsformen zu zeichnen und dann zu schnitzen», erzählt der 76-Jährige.
Die Skulpturen schnitzt er zuerst mit verschiedenen Motorsägen im Könizer Wald aus einem Holzblock. Später bearbeitet und bemalt er sie in seinem Atelier. Zu jeder Skulptur kann er eine Geschichte erzählen. Das Schnitzen hat den Walliser bereits als Bub fasziniert. Damals konnte er es aber nicht richtig ausüben, da ihm Zeit und Ausrüstung fehlten. Für ihn hat sich somit ein Kreis geschlossen, weil er sich dafür nun so viel Zeit nehmen kann, wie er möchte. Rausis hat sein künstlerisches Flair bereits als Kind entdeckt. Geboren und aufgewachsen ist er in Orsières in einem Walliser Tal. Mit elf Jahren wurde er mit einem anderen Buben auf die Alp geschickt, wo sie als Hirten auf Rinder, Kühe und Geissen aufpassten. «Wir waren weg von zu Hause und weit von der nächsten Siedlung entfernt. Wir lernten schnell, uns selbst zurechtzufinden», erzählt er.
Mit der Malerei hat er dank eines Onkels angefangen. Dieser hatte ihm das Material geschenkt. «Ich malte die Landschaft, die Walliser Berge. Ein Lehrer erkannte mein Talent und förderte mich.» Ab und zu kam es vor, dass ihm Wanderer über die Schulter blickten und prompt ein Bild kaufen wollten. Auch eine Wirtin und andere fanden Gefallen an seinen Werken. So verdiente er sich etwas dazu.
Mit der Lehre als Möbelschreiner kam das Holz als wichtiges Element in sein Leben. Er arbeitete in verschiedenen Unternehmen. Zum Beispiel in Genf, wo er seine Frau kennenlernte, und dann später im Appenzell, von wo seine Frau stammt. «Für mich war es immer wichtig, dass wir gute, qualitativ hochwertige Möbel und Innenausbauten herstellen», sagt er. «Ich durfte in vielen tollen Betrieben arbeiten und ständig etwas dazulernen.» Traditionelle Möbel mag er sehr. Einige zieren noch heute sein Zuhause.
Sein Können und seine Motivation brachten Rausis beruflich rasch weiter. Von der Werkstatt wechselte er ins Büro und übernahm immer mehr Planungs- und Führungsaufgaben. Parallel machte er in Lausanne die Prüfung zum Schreinermeister. In seiner Gruppe war er damals der einzige Walliser, der bestand, wie er sich nicht ohne Stolz erinnert.
Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung stiess Rausis eher zufällig auf die Möglichkeit des Unterrichtens. Aus einem Probesemester wurden an der Berner Fachhochschule (BFH) für Holz in Biel ganze 25 Jahre. «Ich war ein eher strenger Lehrer», sagt er und schmunzelt. «Mir war es wichtig, die jungen Leute ernst zu nehmen, sie individuell zu fördern und sie für den Beruf zu begeistern. Denn das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass man etwas gerne macht.»
Mit seinem Rucksack an Erfahrung, dem praktisch orientierten Ansatz und seiner Begeisterung für Holz gelang ihm dies. Mit vielen seiner Studenten pflegt Rausis heute noch Kontakt. Das bedeutet ihm viel. «Eine Gruppe besuchte meine letzte Bären-Ausstellung. Das war sehr schön.»
Nicole DʼOrazio
Veröffentlichung: 02. November 2026 / Ausgabe 44/2026
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