Junger Geist in alten Mauern

Eine raffinierte Schreinerarbeit beim Eingang nimmt einerseits die Briefkästen auf, andererseits ist sie Raumtrenner und Teil der modernen Küchenzeile. Bild: Manuel Martini

Denkmal.  Ein mittelalterliches Haus in Stein am Rhein wird nach dem Umbau zur Wohngemeinschaft für Junge und Junggebliebene. Bei der Sanierung des denkmalgeschützten Objekts bedurfte es individueller Handwerkslösungen.

Mitten in der Altstadt von Stein am Rhein SH erwarb die örtliche Windler-Stiftung vor drei Jahren ein denkmalgeschütztes Haus in schlechtem Bauzustand neben dem Museum Lindwurm. Inzwischen ordnet sich das 600 Jahre alte Gebäude mit seiner neu verputzten, hellgrünen Fassade unauffällig ins Strassenbild ein. «Bereits in der Evaluationsphase zur künftigen Nutzung kamen wesentliche Impulse von der Bauherrschaft», sagt Peter Dransfeld, verantwortlicher Architekt aus Ermatingen. Die originelle Idee, etwa 300 Quadratmeter Wohnfläche als Wohngemeinschaft zur Verfügung zu stellen, befürwortete auch Stadtpräsidentin Corinne Ullmann.

Substanzerhalt und moderner Komfort

Die drei Geschosse beherbergen je zwei Zimmer unterschiedlicher Grösse sowie eine gemeinsam genutzte Nasszelle. Auch Erdgeschoss mit Küche und Waschraum sowie das ausgebaute Dachgeschoss mit Wohnzimmer und Dachterrasse sind für die gemeinsame Nutzung gedacht. «Es waren sehr viele anspruchsvolle Aufgaben zu lösen», sagt Dransfeld über den Umbau, an dem auch die kantonale Denkmalpflege und Archäologie beteiligt waren. Über die Bauzeit von rund anderthalb Jahren seien dank engagierter Handwerker qualitätvolle Lösungen entstanden, sagt Dransfeld. «Ein übergeordnetes Ziel der Bauherrschaft war es, maximal viel historische Bausubstanz zu erhalten und dabei modernen Wohnraum zu schaffen», führt der Architekt im Erdgeschoss des Hauses aus. So wurden 23 Balkenköpfe und sehr viele Oberflächen erhalten oder gar erst freigelegt. «Dank der Zimmerleute und ihrer freitragenden Treppenkonstruktion ist das Seitenmauerwerk über die ganze Gebäudehöhe sichtbar.» Sie sei die historische Brandwand, auf der man die verschiedenen Bauphasen ablesen könne.

Gestalterische Herausforderungen

Auf begrenztem Raum wurden im Erdgeschoss viele Funktionen des alltäglichen Bedarfs integriert. «Wir waren täglich mit unerwarteten baulichen Fragestellungen konfrontiert», sagt Dransfeld. Zum Beispiel sollte im Erdgeschoss sowohl ein Windfang mit Briefkästen wie auch eine Küchenzeile und ein Esstisch ihren Platz finden. Dieser wurde in geölter Eiche ausgeführt. Das Team der Bantli AG Schreinerei und Holzbau aus Eschenz realisierte einen Raumteiler mit satinierten Glasscheiben, der auf der einen Seite Platz für Briefkästen bietet und auf der anderen Seite Stauraum für Küchenutensilien. «Gleichzeitig dient er im unteren Bereich als Rückwand für die Küchenzeile, welche neben der Spüle auch das Kochfeld mit integriertem Abzug beherbergt», sagt Daniel Ochsner, Projektleiter bei Bantli. So wurde mit wenig Volumen viel Raum geschaffen. Entlang der gegenüberliegenden Wand verläuft eine Bank, die von den Schreinern exakt in eine historische Wandnische eingepasst wurde. Einbauschränke bieten weiteren Stauraum. Alle Schranktüren wurden mit eingelegten Aluminiumgriffleisten realisiert und mit einer ultramatten Fenix-Kunstharzoberfläche in drei verschiedenen Farben belegt.

Neue Verglasung mit Vakuumglas

Im ersten Stock liegt das Juwel des Hauses, eine Stube mit einer gotischen Balkendecke sowie einer Originalbohlenwand und Freskomalerei. Mehrere Farbschichten wurden von einer Mitarbeiterin des Restaurierungsateliers Rolf Zurfluh entfernt, um die Decke wieder freizulegen. In allen Räumen zur Strasse hin sind die historischen Fenster mit Einfachverglasung erhalten geblieben, doch eine energetische Sanierung verlangt auch Isolierung beim Fensterglas, also entschied man sich für Vakuumglas. Die schwarzen, kaum sichtbaren Pünktchen, welche die beiden 0,4 Millimeter dicken Scheiben auf Abstand halten, garantieren das Vakuum. «Durch eine minimale Aufdopplung des Fensterflügels integrierten wir acht statt vier Millimeter dicke Glasscheiben», sagt Urs Itel, Geschäftsleiter der Vogel Fensterbauer AG, Goldach SG. «Mit dieser endgültigen Glasstärke erreichten wir eine Isolierung vergleichbar der Dreifachverglasung.» Der Einbau erfolgte im Kittbett, anschliessend wurde mit Ölkitt verfugt. «Eine Besonderheit war, dass wir das ganze Rahmenelement im Zuge der Gebäudeisolierung herausnehmen konnten statt wie üblich nur die Fensterflügel», berichtet Itel. Bei dieser Gelegenheit wurden die in die Jahre gekommenen unteren Friese ersetzt. Sodann erhielten alle Fensterflügel dieser Art auch neue Wetterschenkel und einen neuen Anstrich mit echter Ölfarbe. «Eine weitere Herausforderung bestand in der Trocknungszeit der Ölfarben in Verbindung mit dem Ölkitt.» Denn der Ölkitt muss rund sechs Wochen trocknen, der folgende Auftrag der Ölfarbe braucht nochmals dieselbe Trocknungszeit. Die Firma Vogel hatte die Fenster grundiert geliefert, der Maler am Bau hat sie gestrichen.

Mal innen, mal aussen gedämmt

An den Wänden zur Strassenseite hin entschied man sich für Innendämmung, um das Gebäude energetisch zeitgemäss zu sanieren und die historische Fassade zu erhalten. «Auf der Nordseite, im Innenhof, wo keine historische Fassade erhalten war, wählte man eine Aussenwärmedämmung mit Putzfassade und neuen Fenstern. Die Anforderungen an den Brandschutz waren nicht enorm, sondern entsprachen dem aktuellen Stand für eine solch beengte Altstadtsituation», sagt Architekt Dransfeld. Der Brandschutz in der Altstadtgasse wird über die durchgängigen Brandwände zu den angrenzenden Häusern sichergestellt. An der Nord- und Südfassade, zum Hof und zur Strasse hin, durften keine brennbaren Materialien verwendet werden.

Besondere Gaubenfenster

Im Dachgeschoss beeindrucken Fenster, die sich nach aussen öffnen, um mehr Sicht freizugeben. In die eher schmalen Gauben sollte jeweils ein doppelflügeliges Sprossenfenster eingesetzt werden und trotzdem möglichst viel Licht einfallen, sagt Bantli-Projektleiter Ochsner. «Dank der wettergeschützten Lage konnten wir nach aussen öffnende Fenster erstellen und so in der Breite Licht gewinnen. Der Verzicht auf herkömmliche Fenstergetriebe ermöglichte es, dass die Breite der Rahmenfriese auf ein Minimum reduziert werden konnte.» Der Verschluss wurde mit einfachen Vorreibern gelöst. In Kombination mit den aufgesetzten Sprossen widerspiegelt das Fenster den historischen Charakter. Die schmalen Flügel können mühelos von innen gereinigt werden, ohne dass sie ausgehängt werden müssen.

Konische Badmöbel

Der gemütliche Wohnraum mit den Dachschrägen verfügt ebenfalls über eine kleine Küchenzeile und einen Nassbereich. «Eine Herausforderung war für uns, dass die Badezimmermöbel aufgrund der baulichen Situation nicht parallel sind, sondern im Grundriss jeweils konisch zulaufen», sagt David Beuggert, Geschäftsführer der Schreinerei Beuggert & Leibacher AG, Stein am Rhein. «Wir mussten das technisch umsetzen, zum Beispiel durch Schubladen mit einem schrägen Frontdoppel.» Die Möbel sind aus massivem Eichenholz. «Sie wurden geölt, was dem Holz eine kräftige und natürliche Erscheinung gibt», weiss Beuggert. Abdeckungen und Lavabo wurden aus Staron angefertigt. Der Mineralwerkstoff lässt sich fugenlos verarbeiten. Dank des konischen Verlaufs der Badmöbel durfte der Fliesenleger erst nach der Montage der Möbel fliesen. Zuerst wurde der Unterbau montiert, anschliessend die Abdeckung mit dem Lavabo. So schliesst das Möbel bündig mit den Wänden ab.

Vorgängig zu all den Einbauten musste die primäre Tragstruktur zu einem grossen Teil rekonstruiert werden, denn das Dach war über viele Jahre nur provisorisch gedeckt gewesen. «Ursprünglich war das Haus teilweise als Bohlenständerbau, teilweise als Fachwerk errichtet worden, im Lauf der Jahrhunderte wurde aber vieles verändert», sagt Reto Gentsch, verantwortlicher Zimmermann und Geschäftsführer der Schwendimann Holzbau AG, Unterstammheim ZH. Vieles wurde rekonstruiert. «Die Geschossdecken als Balkenlagen waren an vielen Stellen auf den Wänden defekt und konnten teilweise saniert und verstärkt werden», erklärt Gentsch. Einige Balkenlagen mussten aber ersetzt werden.

Ein neues Dach mit Vordach

Auch die Dachkonstruktion wurde ersetzt und öffnet sich mit einem Kehrfirst zur Dachterrasse hin. Auf der Hofseite wurden schmale Giebelgauben eingebaut, mit den bereits genannten, nach aussen zu öffnenden Fenstern. «Das Dach hatten die Zimmerleute in Elementen vorgefertigt, mit innen sichtbaren Dreischichtplatten und isoliert mit Isofloc.» Die Laube zum Hof ist mit einem verlängerten Vordach gedeckt und ermöglicht so einen Aussenraum auf jedem Stockwerk. «Diese neue Holzkonstruktion steht auf neuen Fundamenten.» Eine weitere Herausforderung war das Treppenhaus mit der schrägen Wand zum angrenzenden Gebäude. «Mit den Wangen aus Massivholzplatten und den massiven Eichtritten passt es sich als neues Element am alten Standort wunderbar in die Gebäudestruktur ein», zeigt sich Gentsch zufrieden.

www.bantli.comwww.beuggert-schreinerei.chwww.dransfeld.chwww.restaurierungsatelier.chwww.schwendimannholzbau.chwww.vogel-fensterbauer.ch

Manuela Ziegler

Veröffentlichung: 27. August 2026 / Ausgabe 35/2026

Artikel zum Thema

27. August 2026

Sprung in die nächste Zeitebene

Federführung.  Wenn bestehende Bauten an neue Anforderungen angepasst werden, müssen sie auch fit für die Zukunft gemacht werden. Tief im Kanton Obwalden verwurzelt nimmt sich ein spezialisiertes Planungsbüro mit eigener, kleiner Schreinerei solcher Aufgaben von A bis Z an.

mehr
27. August 2026

Offenheit mit eleganter Note

Neugestaltung.  Offene Räume und massgeschneiderte Schreinerarbeiten prägen den Umbau eines Einfamilienhauses in der Region Willisau. Bei der Ausführung setzte die Kellenberger AG Schreinerei auf natürliche Materialien und eine zeitlose Gestaltung.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Umbauen