Nach der Lehre geht es hoch hinaus


Als beim Berner Münster neue Türen montiert wurden, durfte Felix Tschirky bei der Montage dabei sein. Bild: Felix Tschirky


Als beim Berner Münster neue Türen montiert wurden, durfte Felix Tschirky bei der Montage dabei sein. Bild: Felix Tschirky
Ob zufällig entdeckt oder bewusst gewählt: Drei Lernende zeigen, wie vielfältig der Schreinerberuf ist – mit Wettbewerben, eigenen Projekten und unterschiedlichen persönlichen Wegen zu Leidenschaft, Praxis und beruflichen Zukunftsplänen von heute.
«Eigentlich wollte ich nie Schreiner werden – bis ich es einfach ausprobiert habe», sagt Lars Rolli rückblickend. Der 19-Jährige aus Märstetten TG ist im vierten Lehrjahr und steht kurz vor seinem Lehrabschluss. Dass er heute mit Überzeugung im Beruf steht, war alles andere als geplant. Erst zog es ihn ins Büro, wo er als Hochbauzeichner schnupperte. Auch Zimmermann und Gärtner schaute er sich an. «Nichts hat mich aber richtig gepackt – bis mich mein Vater, der selbst Schreiner war, zur Schnupperlehre als Schreiner motiviert hat.» Die machte der Thurgauer bei der Schreinerei Fehlmann AG in Müllheim TG. Genau dort sprang der Funke über: Rolli bewarb sich direkt nach der Schnupperlehre und bekam die Lehrstelle. Der Start in die Lehre war jedoch fordernd: «Der Umstieg von der Schule ins Handwerk war anfangs streng, aber das ist immer so.» In den ersten beiden Lehrjahren arbeitete er hauptsächlich auf der Baustelle. Dann folgte für ihn schon bald die Teilprüfung, die eines seiner Highlights während der Lehre gewesen sei.
Ein weiterer Höhepunkt sei zudem die Sektionsmeisterschaft gewesen: «Ich nahm teil, gewann und qualifizierte mich für die Regionalmeisterschaft. Dort musste man innerhalb von zwei Tagen ein Möbel herstellen.» Rolli fertigte einen kleinen Couchtisch mit Schublade. «Konstruktiv anspruchsvoll – mit schrägen Elementen und verschiedenen Verbindungen.» Zwar wurde er noch rechtzeitig fertig, doch für einen Platz in den Top 3 reichte es leider nicht. «Die Erfahrung war es absolut wert.» Zusätzlich engagierte er sich in weiteren Lernendenwettbewerben, unter anderem beim Nachwuchswettbewerb der Thurgauer Schreiner «Schreiner Chance 2025». Zum Thema «leicht verstellbar» baute er ein spezielles Wettbewerbsmöbel. Lars Rolli entwickelte ein System aus vier identischen Korpussen mit integrierten Magneten, die überfurniert sind. «Die richtige Magnetstärke zu finden, war ein Tüfteln.» Die Elemente lassen sich flexibel miteinander kombinieren, wodurch unterschiedliche Formen entstehen. Durch die Magnete halten sie zuverlässig aneinander. Die Materialwahl: Räuchereichenfurnier auf einer MDF-Trägerplatte, massive Frontleisten und lackierte Flächen. «Auf dieses Projekt bin ich sehr stolz – nicht nur wegen der Ausführung, sondern weil Idee, Konstruktion und Gestaltung komplett von mir sind. Solche Teilnahmen gehörten in unserem Lehrbetrieb gewissermassen dazu – und ich war immer gerne dabei.» Für die Vorbereitung auf die Sektions- und Regionalmeisterschaften wurde ihm Arbeitszeit eingeräumt. Beim Möbelwettbewerb hingegen entstand sein Möbel in der Freizeit; Materialkosten und Maschinenstunden übernahm jedoch der Betrieb.
Den grössten Nutzen zieht der angehende Schreiner aus dem Arbeiten unter Zeitdruck. «Ich habe gelernt, schnell und trotzdem präzise zu bleiben.» Zudem wurden sein Vorstellungsvermögen und seine Fähigkeiten, Pläne zu lesen, deutlich besser. «Die komplexeren Wettbewerbspläne machten die Teilprüfung im Vergleich fast einfacher.» Vor der Sektionsmeisterschaft trainierte er zunächst im Team, später gezielt mit einem erfahreneren Lernenden weiter. Diese Vorbereitung habe sich ausbezahlt.
Am wohlsten fühlt sich Rolli in der Werkstatt. «Am liebsten mache ich Badmöbel, weil sie kompakt sind, man aber mit mega vielen Materialien arbeitet.» Dabei werden Furnier, Massivholz oder Corian verwendet. Vor allem für feine Oberflächenarbeiten und für das Furnieren lässt sich der Schreiner begeistern. «Auf der Baustelle dagegen braucht es Improvisationsgeschick, weil die Dinge oft nicht so sind, wie sie sein sollten, und ein gutes Gespür für die Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern».
Trotz eines anspruchsvollen Einstiegs fällt Lars Rollis Fazit eindeutig positiv aus: Er hat viel gelernt, viel erlebt – und dabei spürbar an Sicherheit gewonnen. Für seine Individuelle Praktische Arbeit (IPA) fertigte Rolli im Rahmen eines Kundenauftrags eine Ankleide aus Schwarznuss. Die obere Fronttüre wurde mit Leinentapete veredelt, dafür zunächst beidseitig furniert und lackiert, anschliessend mit der Tapete belegt. Den Auftrag von A bis Z selbstständig auszuführen, habe ihm grosse Freude bereitet.
Auch seine nächsten Schritte sind bereits geplant: Nach den Sommerferien bleibt er seinem Lehrbetrieb als Maschinist erhalten. «Das Coole bei uns ist, dass wir ab dem vierten Lehrjahr an die CNC dürfen – und wenn man den Betrieb überzeugt, bekommt man früh viel Verantwortung.» So konnte er bereits umfangreiche Erfahrungen sammeln. Im Februar 2027 beginnt er den Zivildienst, anschliessend plant er eine Reise – das Ziel ist noch unklar.
Auch Cyril Schoch aus Zollikofen BE kam eher zufällig zum Schreinerberuf. «Werken hat mir eigentlich immer gefallen», sagt er. Sein Werklehrer habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es dafür auch eine Ausbildung gebe. Also begann der 19-Jährige, verschiedene Schreinereien kennenzulernen. Trotzdem machte er noch eine Schnupperlehre als Automatiker. «Das war ein absolut langweiliger Job», sagt er und lacht. «Die machen ganz viel Verkabelung. Du hast einfach deinen Plan und musst die Kabel von einem Ort zum anderen ziehen. Das war für mich überhaupt nicht spannend.»
Dann war ihm recht schnell klar, dass er Schreiner werden möchte. «Schlussendlich ging es nur noch darum, den richtigen Ausbildungsort zu finden.» Den fand der 19-Jährige bei der Technischen Fachschule in Bern (TFB).
Für die Aufnahme an der TFB musste er nicht nur eine Bewerbung einreichen, sondern auch sein praktisches Können unter Beweis stellen. «Wir mussten ein Vogelhäuschen bauen und zusätzlich einen schriftlichen Test machen.» Einige Wochen später kam schliesslich die Zusage.
Schoch blickt zufrieden auf seine Ausbildung zurück. «An der TFB konnte man vieles gut lernen.» Dennoch habe ihm etwas gefehlt: «Die Praxis kam zu kurz.» Das habe er besonders gemerkt, als er für sein Praktikumsjahr zur Badertscher Innenausbau AG in Bern wechselte. «Als ich dort angefangen habe, fühlte ich mich schon etwas verloren», erinnert er sich. Die Abläufe im Betrieb seien deutlich praxisorientierter als im schulischen Umfeld. «Jetzt bin ich fast ein Jahr dort und weiss langsam, was ich machen muss.» Trotzdem sei die Ausbildung an der TFB keineswegs nur Theorie. Die Lernenden arbeiten regelmässig an echten Kundenaufträgen. «Wir haben auch Innenausbauzeichner in der Ausbildung, und dann entstehen immer wieder richtige Projekte, zum Beispiel Küchen.» Dadurch lernen die Lernenden früh, wie Aufträge in der Praxis abgewickelt werden.
An ein Projekt erinnert sich Cyril Schoch gerne: den Bau seines eigenen Bettes. «Da konnte ich meinen Ideen völlig freien Lauf lassen.» Rund drei Monate arbeitete er daran – immer wieder zwischen anderen Arbeiten in der Werkstatt. Entstanden ist ein Bett mit massivem Eichenrahmen, grossen Schubladen unter der Liegefläche und einem Kopfhaupt, das er mit Stoff überziehen liess. Geplant, gezeichnet und gebaut hat er alles selbst: «Das war eigentlich mein Highlight der ganzen Lehre.» Auch seine IPA hatte einen persönlichen Bezug. Für seine Eltern fertigte er ein TV-Möbel an. «Das habe ich ebenfalls selbst geplant.» Die Fronten und die Deckplatte wurden mit Eichenfurnier belegt, während der Korpus weiss beschichtet ist. Das Möbel steht heute bei seinen Eltern im Wohnzimmer.
Unvergesslich bleibt für ihn auch die erste Woche bei Badertscher. Gleich am Anfang ging es auf eine Baustelle in Basel. Dort montierte das Team Sanitärkabinen aus HPL-Vollkernplatten. «Die Platten waren sehr schwer. Das werde ich nie vergessen.» Teilweise seien die Elemente bis zu zwei auf drei Meter gross gewesen. «Der Architekt wollte sie bis direkt unter die Decke haben.» Die grossen Platten mussten von Hand bewegt und montiert werden. Für den jungen Schreiner war das eine intensive Erfahrung. «Meine Technik beim Heben war damals noch nicht besonders gut», sagt er schmunzelnd.
Heute arbeitet Schoch sowohl in der Werkstatt als auch auf Montage. Gerade diese Abwechslung gefällt ihm. Das Praktikumsjahr habe ihm gezeigt, wie der Berufsalltag tatsächlich funktioniert. «Es ist einfach viel praxisorientierter.» Nach seinen Sommerferien arbeitet Schoch noch für ein Jahr bei der Schreinerei, bis er dann seinen Militärdienst leistet. Doch eigentlich hat der junge Berner ganz andere Pläne: «Mein Kindheitstraum ist es, Lokführer zu werden, und dafür braucht man eine abgeschlossene EFZ-Lehre.»
Nicht nur Hobel, Akkubohrmaschine oder Meter gehören zum Alltag von Felix Tschirky , sondern auch Sportgeräte. Der 20-Jährige aus Thun geht regelmässig ins Fitnessstudio und hat vor Kurzem wieder mit Laufsport begonnen. Vielleicht steht schon bald der Thuner Stadtlauf auf seinem Programm. «Einfach wieder für die Ausdauer», sagt er. Neben dem Sport verbringt er viel Zeit mit seiner Freundin und seiner Familie.
Dass er einmal Schreiner werden würde, war allerdings lange nicht klar. Als in der Schule die Berufswahl anstand, hatte er keinen Traumberuf vor Augen. «Ich wusste eigentlich nicht, was ich machen will», erzählt er. Deshalb schnupperte er in ganz unterschiedlichen Berufen – im Detailhandel, als Gärtner und in weiteren Bereichen. Nur eines war für ihn früh klar: «Den ganzen Tag im Büro sitzen, das bin ich nicht.» Der entscheidende Hinweis kam schliesslich aus der Familie. Die Eltern schlugen vor, doch einmal bei jener Schreinerei vorbeizuschauen, die früher bereits Arbeiten für die Familie ausgeführt hatte. Nach ersten Schnuppertagen war schnell klar, dass es passen könnte. «Besonders das Team und der Chef überzeugten mich. Hier hat einfach alles gepasst.»
Heute blickt er auf vier abwechslungsreiche Lehrjahre zurück. Sein Betrieb, die Schreinerei Stutz in Thun, ist mit etwa zwölf Mitarbeitenden eher klein, deckt aber ein breites Spektrum ab – von Küchen über Möbel bis hin zu Montagearbeiten und Serviceaufträgen. Genau diese Vielfalt schätzt er rückblickend besonders. «Ich durfte wirklich alles machen», sagt er. Das sei nicht selbstverständlich. Von anderen Lernenden in der Berufsschule habe er gehört, dass sie teilweise monatelang dieselben Arbeiten erledigen müssten. Er hingegen konnte sowohl in der Werkstatt als auch auf Montage Erfahrungen sammeln. «Im vierten Lehrjahr durfte ich sogar selbstständig kleinere Arbeiten vor Ort übernehmen». Dabei gibt es einige Highlights, auf die er gerne zurückschaut: «Der Einbau von neuen Brandschutztüren im Berner Münster war unvergesslich. Die Türen mussten wir per Lastenkran durch die schmale Öffnung im Dach nach oben hieven.» In Erinnerung geblieben sind ihm auch diverse Restaurationsarbeiten, darunter ein runder Tisch, den er mit einer Sternfuge neu furnierte und lackierte. Für ihn ist auch seine IPA ein Höhepunkt der Ausbildung: ein Couchtisch aus Wenge mit Schubladen auf beiden Seiten. Damit die Fugen durchlaufen, fräste er seitlich Nuten ein und führte die Schub- laden auf Gehrung aus. Die Tischfläche besteht aus einer Steinplatte, umrahmt mit einem Messingfilet. Das Ganze liess der Schreiner in einen Wengerahmen ein.
Trotzdem weiss Tschirky inzwischen genau, wo seine Stärken und Vorlieben liegen. «Ich bin eher der Werkstatt-Typ», sagt er und lacht. Zwar sei die Montage spannend, weil man immer wieder neue Orte und Situationen kennenlerne. Gleichzeitig brauche das aber viel Flexibilität. «In der Werkstatt kann man sich besser auf die Arbeit konzentrieren.» Ihm gefällt es, an einem festen Arbeitsplatz Möbel oder Küchenelemente zusammenzubauen und Projekte Schritt für Schritt entstehen zu sehen.
Nach dem Lehrabschluss bleibt der Schreiner noch bis Ende Jahr im Lehrbetrieb. Diese Lösung ermöglicht ihm, in Ruhe die nächsten Schritte zu planen. Einen Wechsel zieht der 20‑Jährige auch in Betracht: «Ich will auch einmal etwas anderes sehen.» Neue Betriebe, andere Arbeitsweisen und zusätzliche Erfahrungen reizen ihn. Nun richtet sich der Blick nach vorne. Erstmal will er Geld sparen und vielleicht ein Auto kaufen. Gleichzeitig hält er Ausschau nach neuen beruflichen Möglichkeiten. Eines ist für ihn dabei klar: «Ich möchte nicht jeden Tag eine Stunde pendeln.» Am liebsten bleibt er in der Region Thun und findet dort eine Stelle, die ihm weiterhin Freude macht – möglichst mit viel Werkstattarbeit. Denn dort fühlt er sich nach wie vor am wohlsten.
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Veröffentlichung: 02. Juli 2026 / Ausgabe 27-28/2026