Vom Abstellgleis zurück auf die Schienen


Vom Bahnwagen ist vor dem Umbau abgesehen vom Chassis und Teilen der Wände nicht mehr viel zu sehen. Bild: Michi Läuchli


Vom Bahnwagen ist vor dem Umbau abgesehen vom Chassis und Teilen der Wände nicht mehr viel zu sehen. Bild: Michi Läuchli
Alte Bahnwagen erhalten in Winterthur eine zweite Chance: Als Projekt restaurierte ein Team aus zukünftigen Wagnern die historischen Fahrzeuge und sammelte dabei wertvolle Praxis in selten gewordenen Techniken.
Stoisch und unscheinbar stehen die alten Bahnwagen auf den Gleisen eines Werksgeländes, das sich nur wenige Gehminuten hinter dem Bahnhof Winterthur befindet. Durch eine kleine Tür zwischen den grossen Hallentoren gelangt man hinein ins Bahndepot. «Mit dem sonnigen Wetter ist es angenehmer, hier drinnen zu arbeiten; im Winter kann es schon etwas kalt werden», sagt Florian Leutwiler zur Begrüssung. Der 24-jährige Schreiner beendete vor fünf Jahren seine Lehre bei der Firma Koch Wagnerei-Antikschreinerei in Glattfelden ZH und arbeitete noch weitere zwei Jahre dort. Schliesslich zog es ihn nach Winterthur zur Historic Rail Services GmbH, wo er sich nun in einem kleinen Team behutsam um die maroden Waggons kümmert, damit sie nicht einfach dahinrotten, sondern wieder auf grosse Reise können. Offiziell ist er als Leiter Metallbau angestellt, da er auch viel Erfahrung in der Metallbearbeitung hat und zudem die Schweisserprüfung besitzt. In der Praxis ist der Restaurationsprofi für Schienenfahrzeuge auch für sämtliche Holzbau- und Wagnerarbeiten verantwortlich.
Fachwissen und Erfahrung gibt der passionierte Schreiner und Wagner gerne an andere Lernende weiter. «Ich wollte den Wagnerlernenden in der Schweiz die Möglichkeit bieten, an einem Kurs teilzunehmen, in dem sie etwas Besonderes erleben und gleichzeitig viel für ihre Lehre mitnehmen können. So etwas sieht man schliesslich nicht alle Tage.» Bereits vor zwei Jahren war Leutwiler an einem Bahnwagen-Umbauprojekt beteiligt, über das die «Lehrziit» damals berichtete. Nun ist er als Projektleiter für den Um- respektive Wiederaufbau des Bahnwagens «C² 102» verantwortlich. Für das Projekt kontaktierte er Wagner und Ausbildner Thomas Koch, der wiederum über die Fachgruppe Wagnerei & Skibau sämtliche Wagnereien in der Schweiz anfragte. Resultierend daraus sind nun sieben Wagnerlernende aus vier Betrieben während eines Monats damit beschäftigt, den «C² 102» wieder auf Vordermann zu bringen. Hinter der kryptischen Bezeichnung steht der letzte originale Personenwagen aus der Anfangszeit der Mittel-Thurgau-Bahn (MThB). Vom ursprünglichen Rollmaterial sind nur noch wenige Fahrzeuge erhalten geblieben. Dass dieser Wagen überhaupt noch existiert, grenzt laut dem Verein Historische Mittel-Thurgau-Bahn (VHMThB) an ein Wunder. Der Verein konnte ihn vor zwei Jahren erwerben und lässt ihn nun bei der Winterthurer Firma in Auftrag restaurieren. Nachdem Leutwiler das Okay für die Mitarbeit der Lernenden beim Verein erhielt, konnte der Umbau starten.
Vom Bahnwagen selbst ist abgesehen vom Fahrgestell, den Rädern und Teilen der Wände nicht mehr viel zu sehen. Die grobe Demontage wurde bereits im Vorfeld erledigt, dazu gehörte auch die exakte Massaufnahme der Originalteile. Um die exakten Profilquerschnitte für die Nachbildung zu erhalten, schnitt Mitarbeiter Marco Hanimann einen Teil des Grundschwellers heraus. Mit viel Aufwand zeichnete er dann im CAD die Pläne, die nun massgebend für die Restauration sind. Für das Projekt wurden die Lernenden jeweils in zwei Gruppen eingeteilt, die nun während zweier Wochen mit dem Rohumbau – also dem Bau des Wagenkastens – beschäftigt sind. «Meine Idee war es, dass jede Gruppe jeweils von A bis Z den kompletten Prozess von der Demontage über das Reissen und Produzieren bis hin zur Montage erlebt», erklärt Florian Leutwiler.
Für Simon Adlmaninger ist nicht nur der Umbau speziell, sondern auch seine Geschichte: Der 22-Jährige studierte in Österreich zuerst an einer Höheren Technischen Lehranstalt im Bereich Holztechnik und Wirtschaft, bevor er sich entschloss, Wagner zu werden. Das alte Handwerk fasziniere ihn einfach sehr, und er wolle etwas mit den Händen machen, statt im Büro zu sitzen. «Weil es in Österreich nur eine Lehrstelle als Wagner gibt und die schon besetzt war, entschied ich mich, in die Schweiz zu ziehen und mich hier ausbilden zu lassen», sagt Adlmanninger, der nun weit weg von zu Hause wohnt. Seine verkürzte Lehre kann er bei der 3R AG in Sulgen TG machen. Nach einer einwöchigen Schnupperlehre habe es für beide gepasst, und der Vertrag sei unterschrieben worden. Sein Lehrbetrieb stellt unter anderem Schlitten, Gartenbänke und diverse Spezialanfertigungen her. Für ihn ist der Bahnwagenumbau dennoch etwas Besonderes: «Solche Massivholzverbindungen macht man heutzutage nicht mehr oft, das war früher ganz anders», sagt der Österreicher begeistert. Mit einem alten Kettenstemmer ist er daran, in einem Grundschweller die Löcher für die Zapfenverbindungen auszustemmen. Das erfordert viel Kraft, schliesslich bringen die massiven Eichenbalken mit zwölf Metern Länge und einem Querschnitt von rund 150 × 200 Millimetern einiges auf die Waage. «Die Löcher an die bestehenden Zapfen anzupassen, ist bei 36 Löchern pro Balken eine rechte Herausforderung.» Dazu hat er mit einem Kollegen den Balken auf das Eisenlager angehoben und die Zapfen der Querfriese mit dem Winkel heruntergerissen, nur das garantiert ein ordentliches Ergebnis. «Geleimt wird hier gar nichts, der Balken wird später gesteckt und mittels Eisennägeln mit den originalen Querfriesen verbunden.» Zudem wird die Konstruktion respektive werden die äusseren Grundschweller mit den im Chassis liegenden Eisen-Gewindestangen verschraubt.
Für Lucien Müller ist es schon der zweite Bahnwagenumbau, an dem er mitwirken kann. Er lässt sich bei Thomas Koch zum Wagner ausbilden. «Die Arbeit hier ist megaspannend. Es sind viele fachliche Kompetenzen gefragt», sagt der 18-Jährige. «Wir haben damit begonnen, die Spanten zu demontieren, verrostete Schrauben zu lösen und das gesamte Täfer zu entfernen – dabei fiel auch viel Abfall an. Zunächst konnten wir recht grob vorgehen, bevor wir die Wände Stück für Stück von oben herab zersägten und herausnahmen.» Nun ist sorgfältiges, durchdachtes Arbeiten gefragt: Konzentriert notiert er an weiteren Balken die einzelnen Bearbeitungsschritte. «Die Zapfenlöcher markierte ich bereits, jetzt zeichne ich die Ausschnitte für die Holzwinkel an, die später eingelassen werden.» Das muss exakt angerissen werden. Dabei ist wichtig, die Bearbeitung eindeutig zu kennzeichnen. «Eine Wellenlinie bedeutet durchgehender Materialabtrag, eine Strichlinie nur teilweise, bis zu einer bestimmten Tiefe. Diese Normen muss man einhalten und so anzeichnen, dass jeder die Bearbeitung eindeutig versteht. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass ich auch die Bearbeitungen später mache.»
Ebenfalls beim Umbau dabei ist die angehende Schreinerin Fachrichtung Wagnerin Jasmin Murer, die ihre Lehre bei der Ambauen Treppen AG in Beckenried NW macht. «Dass wir im Betrieb mit so viel Massivholz arbeiten, ist für mich ein grosser Bonus.» Dort sei sie auf das Restaurationsprojekt aufmerksam gemacht und gefragt worden, ob sie mitmachen wolle. «Natürlich habe ich sofort ja gesagt, weil ich wusste, dass ich viel lernen kann und es spannend wird.» Dabei gab es Dinge, die die 17-Jährige lernen konnte: «Vieles wird mit der CNC ausgeführt. So viele klassische Verbindungen machen wir im Betrieb nicht mehr. Das kommt mir für die Teilprüfung, die ich bald habe, sehr gelegen.» Soeben ist sie daran, die einzelnen Friese an der Kehlmaschine zu bearbeiten. Unter Beobachtung von Projektleiter Leutwiler nimmt die Handwerkerin die Teile, setzt sie an die Rückschlagssicherung und fährt dann sicher und ruhig entlang der drehenden Spindel. «Abgesetzt kehlen habe ich zwar schon gemacht, das ist aber schon eine Weile her, deshalb ist das eine perfekte Übunge für mich».
Vierter im Bunde und erst im vergangenen Sommer gestartet ist der Lernende Timo Dircksen, der ebenfalls bei Koch lernt. «Das ist schon ein cooles und spannendes Projekt. Mir macht es Spass, hier mitzuarbeiten», sagt der 17-Jährige. Mit Handoberfräse und Stechbeitel nimmt er an den Friesen das nötige Material für die Überplattungen weg. «Normalerweise bauen wir neue Dinge, hier gefällt mir die Restauration und Kombination von Altem und Neuem.» Mit etwas Stolz benutzt er dafür seine eigenen Stechbeitel, die er auch ab und zu in der Freizeit braucht. Für Dircksen ist der Umbau von Bahnwagen eine Abwechslung. Üblicherweise fertigt er Räder und Speichen – eine Arbeit, bei der er das Handwerk besonders schätzt.
Nachdem die erste Gruppe ihre Arbeiten fertiggestellt hat, erledigt die zweite Gruppe die zweite Seite. «Den anschliessenden Innenausbau machen wir dann selbst. Für einige Arbeiten arbeiten wir mit spezialisierten Partnerfirmen zusammen», sagt Leutwiler. Das betrifft beispielsweise die Asbestproblematik: Weil früher Bahnwagen mit Asbest ausgekleidet wurden, sind heute aufwendige und gründliche Sanierungen notwendig. Dennoch soll der «C² 102» bis Ende Jahr wieder auf die Schiene zurückkehren.
www.historail.chwww.mthb.chwww.holzkoch.chholzlabor.orgwww.ambauen.chwww.schlitten.ch
Veröffentlichung: 02. April 2026 / Ausgabe 14/2026
Du absolvierst aktuell eine Schreinerlehre und möchtest deine Fähigkeiten auf die nächste Stufe heben? Dann sind die dreitägigen Intensiv-Workshops in Brienz genau das Richtige für dich.
mehr
Du absolvierst eine Schreinerlehre, liebst deinen Beruf und möchtest das auch nach aussen zeigen? Dann haben wir genau das Richtige für dich: Für unseren neuen TikTok-Nachwuchskanal suchen wir eine Botschafterin und einen Botschafter, die den Schreinerberuf authentisch, kreativ und mit Begeisterung präsentieren. Auf dem Kanal zeigst du, was unseren Beruf so besonders macht – vom Werkstattalltag über spannende Projekte bis hin zu echten Einblicken in deine Ausbildung. Du wirst zum Gesicht einer neuen Generation von Schreinerinnen und Schreinern und inspirierst andere Jugendliche für diesen vielseitigen Beruf.
mehr