Wenn Holz und Stahl verschmelzen


Nun muss es schnell gehen: Das Aufziehen des heissen Reifens erfordert Teamarbeit und Schnelligkeit. Bild: Michael Nussbaum


Nun muss es schnell gehen: Das Aufziehen des heissen Reifens erfordert Teamarbeit und Schnelligkeit. Bild: Michael Nussbaum
Ein Holzspeichenrad verlangt traditionelles Handwerk und Geschick. Im überbetrieblichen Kurs lernten angehende Wagner die Arbeitsschritte von der Holzbearbeitung bis zum Aufziehen des glühenden Stahlreifens kennen.
Rund, gebogen, verjüngt und verzapft: Wagner bringen Massivholz durch verschiedene Bearbeitungstechniken in ganz unterschiedliche Formen und fertigen daraus Teile wie Holzschlitten, Gartenmöbel, Kutschen, Bahnwagen oder Holzräder. Die Räder wurden inzwischen zwar von Stahl-, Aluminium- und Gummirädern abgelöst und auch sonst fallen die Arbeiten eines Wagners mittlerweile in ein Spezialgebiet. Trotzdem haben sich in der Schweiz noch einige Lernende für das traditionelle Handwerk entschieden. Aktuell lassen sich sechs von ihnen zum Wagner ausbilden. Einige haben bereits ein Holzrad hergestellt, doch damit ist die Arbeit noch nicht abgeschlossen: Für die nötige Stabilität erhält das Rad einen Stahlreif. Wie dieser geschmiedet und aufgezogen wird, war für die angehenden Wagner Neuland. ÜK-Kursleiter Thomas Koch nahm dies zum Anlass, ihnen diese traditionellen Arbeitsschritte in einem eigenen Kurs näherzubringen.
Im ersten Teil des Kurses legten die Lernenden zunächst die Grundlage für ihr klassisches Holzspeichenrad: Nebst der geschichtlichen Entwicklung verschiedener Radkonstruktionen beschäftigten sie sich auch mit dem Aufbau und den einzelnen Bestandteilen eines solchen Rades. Im Zentrum stand die Nabe mit der Achsbüchse. «Der Achsdurchmesser legt im Grunde die Tragfähigkeit der Achse fest und wird aufgrund des erforderlichen Gewichts definiert», erklärte Kursleiter Koch.
Anschliessend ging es an die praktische Arbeit. Die Lernenden drechselten zunächst die Naben und fertigten danach die Speichen mit dem Ziehmesser, einem der wichtigsten Werkzeuge des Wagners. Gleichzeitig sammelten sie erste Erfahrungen im Stilschnitzen. Die Felge setzt sich aus sechs Segmenten zusammen, die an der Bandsäge ausgeschnitten und nicht dampfgebogen wurden. Anders sieht es bei kleineren Rädern aus: «Für kleinere Räder an Leiterwagen haben wir die Segmente auch schon gebogen.»
Dazwischen kamen die Naben zum Schmied, der die Nabenringe montierte. «Die Ringe sind notwendig, damit die Zapfen der Speichen mit der erforderlichen Kraft in die Nabe eingeschlagen werden können, ohne dass diese gesprengt wird», erklärt Koch. Danach konnten die Lernenden ihr Rad zusammensetzen. Dabei waren sie bei den Dimensionen weitgehend frei. Anhand einer Tabelle bestimmten sie die passenden Masse für ihr eigenes Rad.
Für Miron Frank aus Ennetbürgen LU, der seine Lehre bei der Ambauen Treppen AG in Beckenried NW absolviert und sich im dritten Lehrjahr befindet, war die Herstellung des Wagenrades etwas Besonderes. Zwar hatte er in seinem Lehrbetrieb bereits Erfahrungen mit Wagnerarbeiten gesammelt, ein ganzes Rad samt Reifen hatte er jedoch noch nie gemacht. «Das ist das erste Mal, dass ich ein solches Wagenrad herstelle. Auch was wir alles über die Holzräder erfahren haben und die ganze Geschichte dahinter, finde ich spannend.»
Während im ersten Kursteil noch viel Theorie sowie das Drechseln und die Arbeit mit dem Ziehmesser im Zentrum standen, ging es im zweiten Teil in der Schmiede von Urs Teuscher bei Wiesendangen ZH an die Herstellung und das Aufziehen des Radreifens. Die benötigte Länge des Reifens ermittelten die Lernenden, indem sie mit einem Messrad die Felge abfuhren. Dabei wurden die offenen Fugen der einzelnen Bogensegmente und ein Prozent des Umfangs abgezogen. Das spätere Abkühlen und Schrumpfen des Metalls presst dann die Speichen und Felgensegmente perfekt zusammen.
Zunächst wurde der Flachstahl etwas länger abgelängt und mit der Handbiegemaschine vorgeformt. So liess er sich anschliessend in die motorisierte Biegemaschine einführen, wo ihn die Kursteilnehmer gemeinsam mit Hufschmied Oliver Krieg und Schmied Walter Hofmann Schritt für Schritt zum Ring formten. Danach wurden die Enden zusammengeschweisst und der Ring kontrolliert. War er noch nicht ganz rund oder lag nicht sauber auf dem Rad auf, wurde nachgerichtet. Bevor der Ring auf das Rad kam, wurde dessen Innenrand auf einer Seite leicht ausgeschmiedet. «Dadurch erhält der Reifen eine leicht konische Form und lässt sich besser über das Holz führen», erklärte Schmied Urs Teuscher. Das war wichtig, andernfalls hätte sich der Ring womöglich verkanten können, wäre nicht über die Felge gegangen und hätte sie beschädigen können.
Dann folgte der eindrücklichste Arbeitsschritt: Teuscher erhitzte den Stahlreifen in der heissen Glut bis auf etwa 1000 Grad. Dabei musste er laufend gedreht werden, damit sich der Stahl rundum möglichst gleichmässig ausdehnte und der Ring seine Form behielt. Ganz wichtig war hierbei, dass die Hitze im Reifen konstant blieb. Das schaffte der erfahrene Schmied, indem er den Teil, der nicht in der Glut lag, mit Sägemehl bedeckte. «Anhand der Farbe des Rauches kann ich kontrollieren, ob die Temperatur stimmt». War der Reifen vollständig erhitzt, musste es schnell gehen. Gekonnt packte ihn Teuscher mit der Schmiedezange, dann wurde er auf das am Boden fixierte Holzrad gelegt, mit den Zangen über das hölzerne Felgenbett gepresst, und schliesslich wurde das ganze Rad mit viel Wasser abgekühlt. Das ist wichtig, denn es verhindert ein Verkohlen der Lauffläche, gleichzeitig zieht sich das heisse Metall zusammen und presst die einzelnen Teile des Rades fest gegeneinander. Mit ein paar Hammerschlägen liess sich prüfen, ob der Reif gut auf dem Holzrad hielt, zudem konnte sich das Holz so auch noch richtig setzen. Weil Holz mit der Zeit bekanntlich auch abschwindet, wurden zusätzlich Sicherungsschrauben eingesetzt, damit sich der Reifen zukünftig nicht vom Rad löst.
«Gerade diese Einsicht in die Arbeit des Schmiedes ist ein wichtiger Bestandteil des Kurses. Die Lernenden sollen einmal selbst erleben, wie ein Schmied einen solchen Radreifen herstellt und montiert», sagte Koch. Für Wagner, aber auch Schmiede gehöre diese Arbeit nicht mehr selbstverständlich zum Alltag. Umso wertvoller war für die angehenden Wagner der Einblick in das Zusammenspiel von Holz, Stahl, Feuer und handwerklicher Erfahrung. Am Ende konnten sie ihr selbst gefertigtes Holzspeichenrad mit nach Hause nehmen.
Veröffentlichung: 05. November 2026 / Ausgabe 45/2026
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