Zusammen flexibel bleiben

Adrian Fankhauser (l.) hat die Plattform Krafttausch.ch von Serhat Cirahan bereits mehrmals benutzt. Bild: Monika Hurni

Zusammenarbeit.  Der Fachkräftemangel und schwankende Auftragslagen zwingen Schreinereien zu mehr Flexibilität. Einige Betriebe setzen dabei auf neue Formen der Zusammenarbeit – vom Austausch von Arbeitskräften bis zur gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur.

Kaum ein Schreiner, der das Problem nicht kennt: Die Arbeitsauslastung ist niemals stetig übers Jahr verteilt. Entweder stapeln sich die Aufträge und es fehlt an Mitarbeitenden, um den Termindruck zu bewältigen, oder die Maschinen stehen still und die Belegschaft muss mühsam beschäftigt werden. Während bei den einen Betrieben eine schwache Auftragslage, verschobene Termine oder verspätete Materiallieferungen zu einer Unterbeschäftigung der Mitarbeitenden führen, suchen andere aufgrund voller Auftragsbücher und kurzfristiger Auftragsspitzen händeringend nach erfahrenen Fachkräften.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Gerade kleinere und mittlere Schreinereien (KMU) verfügen kaum über personelle Reserven. Fällt ein Mitarbeiter aus oder kommt ein grösserer Auftrag kurzfristig hinzu, geraten eingespielte Abläufe rasch aus dem Gleichgewicht. Umgekehrt können Bauverzögerungen oder ausstehende Materiallieferungen dazu führen, dass Mitarbeitende trotz voller Auftragsbücher vor-übergehend nicht sinnvoll eingesetzt werden können. Diese Herausforderungen kennt auch Serhat Cirahan. Der Inhaber der Sec Innenausbau AG mit Geschäftssitz in Kirchberg BE berichtet von einer konkreten Situation, als er mit drei weiteren Monteuren auf einer Baustelle bereitstand, um Küchen einzubauen, das Material aber nicht geliefert wurde. «Das hat unsere gesamte Arbeitsplanung über den Haufen geworfen und mich in eine schwierige Lage gebracht», erinnert er sich. Er habe sich gedacht, dass es bestimmt irgendwo einen Betrieb gebe, welcher genau in diesem Augenblick froh wäre, gute Monteure zu finden. Dieser Gedanke liess ihn nicht mehr los, und so begann er, an einer Lösung zu tüfteln. «Ich wollte eine Möglichkeit schaffen, sich in der Branche rasch und unkompliziert zu vernetzen und sich gegenseitig zu helfen», erklärt er. Aus dieser Überlegung entwickelte er schliesslich die Plattform Krafttausch.ch, über welche Unternehmen freie Kapazitäten oder kurzfristigen Personalbedarf ausschreiben können.

Engpässe überbrücken

Die Nutzung ist einfach: Schreinereien und andere Unternehmen aus der Baubranche registrieren sich kostenlos auf der Plattform und legen ein Firmenprofil an. Anschliessend können sie entweder einen kurzfristigen Personalbedarf, freie Kapazitäten oder auch konkrete Projekte ausschreiben, für welche sie Unterstützung suchen. Andere registrierte Betriebe sehen diese Ausschreibungen und können ihr Interesse bekunden. Kommt es zu einer Übereinstimmung, stellt die Plattform den Kontakt zwischen den Unternehmen her. Die Betriebe klären anschliessend die Details des Einsatzes direkt miteinander. Die Mitarbeitenden bleiben während des gesamten Einsatzes beim ursprünglichen Arbeitgeber angestellt und versichert. Lohnzahlung, Sozialleistungen und die arbeitsrechtliche Verantwortung verbleiben beim eigenen Unternehmen. Die Nutzung der Plattform ist kostenlos. Erst wenn aufgrund einer Vermittlung ein Auftrag zustande kommt, fällt für das auftragnehmende Unternehmen eine Gebühr von drei Prozent des effektiven Auftragsvolumens an. Krafttausch.ch übernimmt keine Personalverleihfunktion, sondern vermittelt lediglich den Kontakt zwischen den Betrieben. Hier besteht für Cirahan der wesentliche Unterschied zu klassischen Temporärbüros. Während dort die Vermittlung von Arbeitskräften im Vordergrund steht, zielt Krafttausch.ch auf die Zusammen- arbeit zwischen den Betrieben ab. «Es geht nicht darum, Mitarbeitende dauerhaft zu verleihen, sondern lediglich darum, kurzfristige Engpässe zu überbrücken und vorhandene Kapazitäten besser auszulasten», erklärt er.

Projekt als Herzensangelegenheit

Die Idee für die Plattform hatte Cirahan bereits 2022, bis daraus ein funktionierendes Modell wurde, verging allerdings einige Zeit. Der Schreiner entwickelte zunächst eine App, die sich auf den Austausch von Mitarbeitenden konzentrierte. In Gesprächen mit Schreinereien zeigte sich jedoch rasch, dass die Betriebe mehr wollten. Sie suchten nicht nur nach Personal, sondern auch nach Möglichkeiten, Produktionsaufträge oder Montagen an andere Unternehmen zu vergeben. «Der Markt wollte beide Richtungen», sagt Cirahan. Die ursprüngliche App verschwand wieder, an ihre Stelle trat eine webbasierte Lösung, auf der sowohl Personal als auch konkrete Projekte vermittelt werden können. Weit aufwendiger als die technische Entwicklung war die Überzeugungsarbeit. Mit dem ehemaligen Schweizer Fussballtorhüter Marco Wölfli konnte Cirahan ein bekanntes Gesicht zur Bekanntmachung seiner Plattform gewinnen. Daneben suchte Cirahan das Gespräch mit Betriebsinhabern, nahm Rückmeldungen auf und passte das Konzept immer wieder an. «Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit für mich», erklärt er sein Engagement. Als Teil der «Plattform Wald & Holz 4.0» der Berner Fachhochschule wurde die Plattform mit 7000 Franken gefördert. Der Kanton Bern steuerte weitere 20 000 Franken bei. Den grössten Teil der Entwicklungskosten hat Cirahan jedoch selbst getragen. Insgesamt habe er über die vier Jahre hinweg rund 300 000 Franken in das Projekt investiert. Aktuell hat die Plattform 88 registrierte Unternehmen. Ende April konnte Cirahan seine Plattform an der GV der Sektion Bern des VSSM präsentieren. «Dass der Verband dem Projekt diese Bühne geboten hat, bedeutet mir viel», sagt er. Noch wird die Plattform fast ausschliesslich im Kanton Bern genutzt, nun möchte Cirahan das Gebiet kontinuierlich ausweiten und sucht dafür noch Partner.

Man spricht die gleiche Sprache

Kurzfristige Planungen, die schwankende Auftragslage und der Fachkräftemangel verlangen von der Baubranche ein hohes Mass an Flexibilität. Deshalb gewinnt die Zusammenarbeit zwischen Betrieben zunehmend an Bedeutung – sei es beim Austausch von Know-how, bei der gemeinsamen Nutzung von Infrastruktur oder bei der gegenseitigen personellen Unterstützung.

Dieser Meinung ist auch Adrian Fankhauser. Der Inhaber der F&M Schreinerei GmbH in Kirchberg BE hat zurzeit sechs Mitarbeitende und sieht die Zusammenarbeit der Betriebe als wertvolles Mittel, um diesen Herausforderungen zu begegnen. «Bezüglich der Zusammenarbeit hat ein Umdenken stattgefunden», meint er. «Ältere Kollegen stehen diesem Thema oft eher kritisch gegenüber. Viele Betriebe sind über Jahrzehnte daran gewöhnt gewesen, sämtliche Arbeiten selbst auszuführen. Jüngere sind da meist offener.» Er selbst arbeite oft mit anderen Betrieben zusammen. Dafür habe er auch schon die Plattform Krafttausch.ch genutzt. «Wenn ich Unterstützung brauche, dann will ich jemanden, auf den ich mich verlassen kann», sagt er. Entscheidend sei, dass die Person die Anforderungen kennt und ohne lange Einarbeitung selbstständig arbeiten kann. Hier sieht er den Vorteil gegenüber der klassischen Temporärlösung: «Bei einer Vermittlung in der Branche spricht man die gleiche Sprache», sagt er.

Bereitschaft nimmt zu

Fankhausers Erfahrungen zeigen auch, dass Personalkooperationen nicht immer gleich unkompliziert sind: «2024 hatte ich nicht genug Arbeit und habe deshalb freie Kapazitäten ausgeschrieben, erhielt darauf aber keine Rückmeldung», erinnert er sich. Der Grund war simpel: Viele Betriebe verfügten selbst über zu wenig Arbeit. Wenige Monate später füllten sich die Auftragsbücher wieder, und Fankhauser war froh um zusätzliche Arbeitskräfte. Je mehr Betriebe für eine Zusammenarbeit bereit sind, desto eher besteht die Chance, das Problem zu lösen, auch wenn es in einer Region allgemein zu wenig oder zu viel Arbeit hat.

Fankhauser beobachtet, dass die Bereitschaft zur Kooperation in der Branche zunimmt. Bereits heute vergeben viele Schreinereien einzelne Produktionsschritte an Kollegen, lassen spezielle Bearbeitungen extern ausführen oder unterstützen sich gegenseitig bei Montagen. Oft entstehen solche Partnerschaften auch aus persönlichen Kontakten oder gemeinsamen Projekten. «Früher hat man sich vielleicht eher als Konkurrenz gesehen», sagt Fankhauser. Heute stehe häufiger die Frage im Vordergrund, wie beide Seiten profitieren können. Wer selbst einmal Unterstützung erhalten hat, sei später eher bereit, auch anderen zu helfen.

Konkurrenz ist kein Thema

Dass Kooperation nicht zwingend über eine digitale Plattform entstehen muss, zeigt Serhat Cirahan gleich selbst. Er hat sich als einer von zwei selbstständigen Schreinern in die Hauser Schreinerei GmbH in Ostermundigen BE eingemietet. «Früher hatte ich einen eigenen Betrieb mit drei Mitarbeitenden, nun arbeite ich allein und setze auf den Kooperationsgedanken», sagt er.

«Konkurrenz war bis anhin nie ein Thema, da wir in unterschiedlichen Gegenden aktiv sind», sagt Geschäftsführer Mathias Löffel. «Falls einer von uns einen ‹Konkurrenzkampf› durch eine Offerte gewinnen sollte, darf er diesen Auftrag auch mit gutem Gewissen ausführen. Es herrscht der freie Markt, und wir können alle respektvoll damit umgehen.»

Gemeinsame Nutzung der Werkstatt

Diese Lösung bringt für alle Beteiligten Vorteile, denn auch die Hauser Schreinerei ist mit zwei Personen ein Kleinstbetrieb. So nutzen die vier Personen dieselbe Werkstatt, arbeiten jedoch vollständig eigenständig. Jeder akquiriert seine eigenen Aufträge, erstellt seine Offerten und trägt das unternehmerische Risiko selbst. Gemeinsam genutzt werden dagegen Infrastruktur und Maschinen. Die Selbstständigen verfügen über eigene Lagerflächen und Arbeitsplätze, bezahlen einen fixen Beitrag für die Nutzung der Werkstatt sowie eine nutzungsabhängige Gebühr für die stationären Maschinen. Eigene Werkzeuge und Fräser können jederzeit eingesetzt werden.

Das Modell ermöglicht es den Selbstständigen, auf eine professionell eingerichtete Werkstatt zurückzugreifen, ohne selbst eine komplette Infrastruktur finanzieren zu müssen. «Bei uns arbeitet jeder unabhängig an seinen Aufträgen. Braucht er bei einer Arbeit Hilfe, ob kurz oder auch länger, helfen wir uns gegenseitig aus», sagt Löffel. Die gegenseitigen Einsätze werden nach einheitlichen Ansätzen verrechnet. «So wissen alle von Anfang an, mit welchen Kosten sie rechnen müssen. Es soll immer Win-win sein.»

Partnerschaftliche Kooperation

Viele Betriebe arbeiten heute enger zusammen als noch vor einigen Jahren. Kooperationen können helfen, kurzfristige Schwankungen aufzufangen und vorhandene Ressourcen besser zu nutzen. Voraussetzung dafür ist Vertrauen. Der Fachkräftemangel und immer kurzfristigere Änderungen in den Bauabläufen dürften diese Entwicklung weiter verstärken. Welche Form der Zusammenarbeit ein Betrieb wählt, hängt von seinen Bedürfnissen ab – entscheidend ist die Bereitschaft, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Digitale Plattformen können Kontakte vermitteln – tragfähige Kooperationen entstehen jedoch dort, wo Betriebe bereit sind, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten.

www.krafttausch.chwww.fm-schreinerei.chwww.hauser-schreinerei.ch

Monika Hurni

Veröffentlichung: 16. Juli 2026 / Ausgabe 29-30/2026

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