Alles andere als unterste Schublade


Post ist da! Diese Lieferung fertig konfektionierter Schubladen wartet im Bankraum der Baltensperger AG auf die Endmontage. Bild: Sven Bürki


Post ist da! Diese Lieferung fertig konfektionierter Schubladen wartet im Bankraum der Baltensperger AG auf die Endmontage. Bild: Sven Bürki
Schubladen. Von Stahlzarge bis Holzschublade: Hersteller und Lieferanten bieten eine breite Auswahl an Produkten und Fertiglösungen. Die Schreinerzeitung wollte wissen, welche Angebote die Schreiner nutzen und ob überhaupt noch Schubladen selbst gefertigt werden.
Vorbei sind die Zeiten, in denen die Stahlzargenschubladen ausschliesslich in Weiss erhältlich waren. Vielmehr macht der stetige Vormarsch der dunklen Oberflächen, wie er allgemein in der Beschlagwelt zu beobachten ist, auch vor den Schubladenzargen nicht halt. Und so sind die Schubkastensysteme der namhaften Hersteller wie Grass, Häfele, Blum oder Hettich längst auch in dunklen, unbunten Farben wie Schwarz oder Anthrazitgrau erhältlich. Nebst Weiss, Grau und Schwarz in verschiedenen Nuancen sind zuweilen aber auch andere Farbtöne zu finden – so zum Beispiel der helle Erdton «Pyritbeige» bei der «Plicobox» von Blum oder das etwas dunklere «Cocoa» bei der «Vionaro V8»-Zarge von Grass. Die Hersteller bieten zudem vermehrt die Möglichkeit, ihre Zargensysteme nach individuellen Wünschen zu gestalten. Gleich mehrere solcher Optionen gibt es etwa beim Schubladenprogramm «Avantech You» von Hettich – zum Beispiel durch Abschlussprofile und sogenannte Designcapes in verschiedenen Oberflächen oder zum Selbstlackieren.
Auch das «Vionaro»-System von Grass und das «Legrabox»-Programm von Blum bieten Möglichkeiten zur Individualisierung. Bei der «Vionaro V8»-Zarge können etwa mit Cover- oder sogenannten Sheathing-Elementen individuelle Akzente gesetzt werden. Letztere legen sich formschlüssig über die Reling und werden im Profil der Zarge verankert. Bei Blum und der «Legrabox individual» lassen sich die vier Farbvarianten der Zarge indes durch Bedruckungen, Lasergravuren oder Prägungen ergänzen.
Seine Kreativität ausleben kann der Schreiner natürlich auch mit Holzschubladen aus der eigenen Produktion. Unterflurauszüge wie der «Matrix Runner UM» von Häfele, der «Movento»-Auszug von Blum oder «Dynapro» von Grass liefern hier die Basis für die Schubladen aus Schreinerhand. Und Hettich lancierte zuletzt die neue Generation des «Quadro»-Auszuges für Holzschubladen. Der «Quadro 5D» ist kompatibel mit dem «Actro»-Programm des Beschlagherstellers, wodurch bei einem Wechsel keine konstruktiven Änderungen mehr erforderlich sind.
In der Welt der Schubladen ist die Auswahl an möglichen Lösungen demnach gross. Zudem gibt es auf dem Markt inzwischen ein breites Angebot an Konfiguratoren für Fertigschubladen. Wer sich die Mühe und die Zeit im eigenen Betrieb also sparen möchte, kann die Schublade auch fix fertig montiert in die Werkstatt bestellen – ob es nun ein Holzschubkasten oder ein Stahlzargensystem sein soll.
Die Schreinerzeitung hat bei drei Schreinereien nachgefragt, ob und wie diese Angebote genutzt werden.
Die Schreinerei Baltensperger AG in Bülach ZH setzt inzwischen fast ausschliesslich auf Fertigschubladen. Geschäftsführer Severin Erkelenz ist überzeugt: Das Bestellen via Konfigurator gestaltet sich besonders bei grösseren Aufträgen deutlich einfacher. «Wo wir früher Zargen, Auszüge, Rückwand- sowie Fronthalter und unter Umständen auch noch die Einlegematten einzeln bestellt haben, kommt das nun alles beisammen und fertig montiert bei uns im Bankraum an», sagt Erkelenz. Dadurch sei das Risiko für Fehler deutlich reduziert und in der eigenen Produktion habe man wieder mehr Kapazitäten für andere Arbeiten.
Sind Stahlzargenschubladen gewünscht, kommt bei der Baltensperger AG hauptsächlich die «Legrabox» von Blum zum Einsatz. Dass beim Schubladenboden der «Legrabox» eine zusätzliche Bearbeitung nötig ist, habe unter anderem auch eine Rolle gespielt beim Entschluss, auf Fertigschubladen zu setzen. «Wir haben das Fälzen des Bodens zwar eine Zeit lang noch selbst gemacht, waren aber sowohl mit der Variante mit dem Bodenfalzgerät von Blum als auch mit der Bearbeitung auf der Kehlmaschine nie wirklich glücklich», sagt Erkelenz.
Bis auf einige Ausnahmen – etwa wenn eine spezielle Farbe oder Massivholz gewünscht wird – bestelle man auch die Holzschubladen als Fertigprodukt und über die Konfiguratoren von Häfele oder SFS, wie Erkelenz sagt. Hinter den Schubladenkonfiguratoren der beiden Lieferanten steht das belgische Unternehmen Van Hoecke N.V.
«Innerhalb von zehn bis vierzehn Tagen nach Bestellung sind die Schubladen jeweils bei uns», sagt Erkelenz und fügt an: «Zu dem Preis, zu dem wir die Holzschubladen fertig einkaufen, könnten wir diese nie selbst herstellen, und die Qualität entspricht dabei unseren sowie den Anforderungen unserer Kunden.»
Das Holzschubladenprogramm von Van Hoecke – die «Ta’Or Box» – ist gemäss dem Unternehmen kompatibel mit der «Legrabox» und kann eins zu eins ausgetauscht werden. Zur Auswahl stehen verschiedene furnierte und beschichtete Oberflächen. «Für manche Kunden ist das fast schon zu viel der Auswahl», wie Severin Erkelenz resümiert.
Auch bei der Schreinerei Spicher AG in Brugg im Aargau werden Schubladen fertig konfektioniert bestellt. Allerdings sind es hier nur die Stahlzargenschubladen, die über die Konfiguratoren von Opo oder SFS geordert werden. Zudem handelt es sich dabei lediglich um einen kleinen Teil aller Schubladen, welche die Schreinerei in ihren Möbeln verbaut. Denn zu einem Grossteil kommen Holzschubladen aus der eigenen Produktion zum Einsatz – in der Regel gar in Massivholz.
«Mindestens drei Viertel unserer Küchen verkaufen wir mit Massivholzschubladen», sagt Markus Erne, zuständig für das Marketing und die Beratung bei der Schreinerei. So fertigt das Unternehmen rund 800 bis 1000 Schubladen pro Jahr aus Eiche, Nussbaum oder einer anderen Holzart. Für die klassische Spicher-Massivholzschublade kommt aber bevorzugt Ahorn zum Einsatz. Deshalb wird diese Holzart auch gezielt und, der Verwendung entsprechend, in sinnvollen Brettdicken eingekauft. Um die Wertschöpfung in der Region halten zu können, nutze man ausschliesslich Schweizer Holz von regionalen Sägereien. «Aus unserer Sicht ist das ein grosser Pluspunkt gegenüber den Holzschubladen, die man bestellen kann», sagt Erne.
Damit sie bezahlbar bleiben, werden in der Produktion die Massivholzschubladen von zwei bis vier Küchen jeweils zusammengefasst. Ausserdem ist das Richten und Bearbeiten der Schubladenteile in der Regel eine Lehrlingsarbeit. Dabei werden die Lernenden aber keinesfalls zu monatelanger Schubladenproduktion verdonnert. So stehe dafür im zweiten und dritten Lehrjahr vielleicht alle zwei Monate ein Arbeitsblock von eineinhalb Wochen auf dem Programm, wie Erne sagt. «Unsere Lernenden mögen diese Arbeit meist ganz gerne.» Schliesslich seien es genau die Arbeiten, die dem Schreiner generell Spass machen – mit Massivholzzuschnitt, Abrichten und Dickenhobeln, Bearbeiten an der Kehlmaschine sowie Schleifen, Verputzen und Ölen.
Bei den Schubladenhöhen arbeitet die Schreinerei mit internen Standards. «Wir haben eine Höhe für das Kochfeld, eine für die normale Schublade, und dann haben wir eine Höhe für die Relingschublade», erklärt Erne. Damit können grundsätzlich alle Situationen abgedeckt werden. Auch bei den Einteilungen für Besteck oder andere Utensilien komme ein festgelegter Raster zum Einsatz. «So können unsere Kunden auch nach Jahren noch zusätzliche Einteilungseinsätze nachbestellen», sagt Erne. Wie die Produktionszahlen vermuten lassen, sind die Massivholzschubladen aus der eigenen Produktion bei den Kunden der Schreinerei Spicher durchaus beliebt. «Natürliche Materialien haben bei uns in der Firmengeschichte eine lange Tradition, und so suchen die Leute bei uns genau das – viel Massivholz, wenig Spanplatte», sagt Erne. Wenn dennoch mal eine Küche ohne Massivholzelemente gewünscht wird, kommt statt einer Schublade aus Holz dann auch eher mal eine Stahlzarge zum Einsatz.
Auch die Schreinerei Merk AG in Uster ZH realisiert regelmässig Küchen mit selbst gefertigten Massivholzschubladen. Um sich mit dem Eigenprodukt von den Fertigschubladen mit verdeckten Zinken abzuheben, hat man sich für durchgehende Schwalbenschwanzverbindungen entschieden. Gefräst werden die Zinkenverbindungen auf der CNC. «Wir haben die Programme laufend optimiert, um die Bearbeitungszeit auf der Maschine möglichst zu reduzieren», sagt Lorenz Meier, Geschäftsführer und Inhaber der Schreinerei.
Das Massivholz für die Schubladen kauft das Unternehmen in Standardgrössen und fertig ausgehobelt ein. Zuvor habe man auch schon Bretter genutzt, die, bedingt durch das Einspannen des Stammes, bei der Furnierproduktion übrig bleiben. «Dieses Holz konnten wir günstig bei den Furnierlieferanten einkaufen», sagt Meier. «Allerdings mussten wir feststellen, dass das Produkt dennoch zu teuer wird, wenn wir das Holz selbst und ohne Vierseiter abrichten und aushobeln müssen.»
Bei den Küchen der Schreinerei Merk kommen die Massivholzschubladen zwar regelmässig, aber nicht standardmässig zum Einsatz. Eine normale Grundofferte rechne man grundsätzlich mit Stahlzargenschubladen. Als Produkt kommt dann ausschliesslich die «Legrabox» von Blum zum Einsatz. Diese wird jeweils über den Konfigurator der Beat Bucher AG bestellt. «Wir arbeiten nun schon seit vielen Jahren eng mit der Firma Bucher zusammen und schätzen die Zusammenarbeit sehr», sagt Meier.
Ein Faktor bei der Entscheidung, die Schubladen als Fertigprodukt einzukaufen, sei der verfügbare Platz in der Werkstatt gewesen. Zudem möchte man sich auch auf andere Arbeiten fokussieren – etwa auf die Herstellung von Besteck- und Gewürzeinsätzen aus Massivholz, welche die Schreinerei auf der CNC fräst.
Produkten und Angeboten, die neu auf den Markt kommen, steht man bei der Schreinerei Merk generell offen gegenüber. Gleichzeitig zeigt sich Meier sehr überzeugt vom eigenen Schubladenprogramm, das man aktuell anbietet. «Wir haben auch mal über ein individuelles Design bei den Zargenschubladen diskutiert, sahen aber keine Notwendigkeit, in unseren Möbeln eine goldige Zarge oder etwas Ähnliches zu verbauen», sagt Meier. So decke das Standardprogramm der «Legrabox» grundsätzlich alle Bedürfnisse ab. Wenn es etwas Spezielles sein soll, komme dann eine Schublade aus der eigenen Werkstatt zum Einsatz. «Da bin ich halt Schreiner und habe mehr Freude an unseren Massivholzschubladen als an einer aus Stahl», sagt Meier.
www.baltensperger-ag.chwww.spicher.chwww.merk-schreinerei.ch
Veröffentlichung: 30. April 2026 / Ausgabe 18/2026
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