Auf die letzte Reise vorbereiten

Toni Gerig (69) in seiner Schreinerei in Amsteg UR. Bild: Caroline Mohnke

Leute. Toni Gerig aus Silenen UR ist Schreiner und bereitet Verstorbene für ihre letzte Reise vor. Mit seiner Frau leitet er eine Schreinerei in Amsteg. 

Der in Silenen am Fusse des Bristenstocks aufgewachsene Toni Gerig beherrscht nicht nur das Schreinerhandwerk, er macht auch Verstorbene für die letzte Reise parat. «In diese Arbeit bin ich hineingerutscht», sagt er am grossen Tisch in der Wohnküche seines Hauses in Amsteg UR. Vor etwas mehr als 30 Jahren habe ein älterer Silener Schreiner ihm mitgeteilt, dass er sein Sarglager übernehmen könne. Seine Frau Margrith erinnert sich an den Wintertag, als das Telefon klingelte und die erste Anfrage aus dem Weiler Intschi kam. «Ich richtete aus, dass mein Mann den Sarg bringe, aber einsargen werde er nicht», berichtet sie, und ihr Mann fährt fort: «Als ich oben ankam, begrüsste mich der Pfarrer mit den Worten: ‹Aber du hilfst schon dabei, den Leichnam in den Sarg zu legen?› Von da an war ich auch Bestatter.» Der Pfarrer habe gefragt, ob Gerig den Sarg auf seinem Autodach ins Dorf transportieren könne. Doch er habe stattdessen einen Hornschlitten vorgeschlagen.

Toni Gerig kam schon früh mit der Arbeit mit Holz in Kontakt. Auf dem Hof in Silenen, wo er mit seinem jüngeren Bruder und der älteren Schwester aufgewachsen ist, habe sein Vater Hornschlitten noch in der Stube angefertigt. «Auch die Güllenkarren machten wir in der Stube», lacht er. Nach dem Feierabend habe man Holz gesägt. Schliesslich begann er 1972 die Schreinerlehre. Mit seinem Onkel habe er auf dem Hof eine Seitengattersäge aufgebaut. «Im Sommer hatte man auf dem Land Arbeit, und im Winter beschäftigte man sich mit Holz.»

«Als ich oben ankam, begrüsste mich der Pfarrer mit den Worten: ‹Aber du hilfst schon dabei, den Leichnam in den Sarg zu legen?› Von da an war ich auch Bestatter.»

Vor gut 40 Jahren gründete das Ehepaar Gerig dann in Silenen ihre eigene Schreinerei. Bereits nach zwei Monaten konnten sie einen ersten Mitarbeiter einstellen. Was damals als Einmannbetrieb begann, ist heute auf zwölf Mitarbeitende gewachsen. «1988 errichteten wir hier in Amsteg einen Neubau, bestehend aus Schreinerei und Wohnhaus», erzählt der 69-Jährige. Zwei der vier Söhne arbeiten auch im Betrieb. «Der eine auf Montage, der andere im Büro.» Auch sein Bruder arbeitet im Betrieb. Margrith ist für das Büro zuständig und das Wohl der Mitarbeitenden: Jeden Tag um neun Uhr lädt sie in der Küche zum Znüni mit selbst gemachtem Brot, Fleisch und Käse ein. Am Nachmittag gibt’s ein Zvieri, meistens mit selbst gemachtem Kuchen und Kaffee.

Zusammenhalt ist der Familie wichtig. Die Gerigs haben von Anfang an immer zusammengearbeitet. «Viele Leute sagten, das könne doch nicht gut gehen.» Doch es funktioniere wunderbar, und Toni Gerig erinnert sich noch an die Zeit, als seine Frau mit den Buben auf die Baustelle kam. Sie seien immer ein gutes Team gewesen. Man könne eher sagen, es funktioniere nicht ohne den anderen, lachen beide. Am Sonntagabend kochen sie manchmal gemeinsam ein Gericht, das für einige Tage reicht. Beispielsweise etwas mit selbst gesammelten Pilzen. «Aber nur mit solchen, die wir kennen, denn im Kanton Uri gibt es keine Pilzkontrolle», sagt Toni Gerig und lacht.

Die Grosseltern von acht Enkelkindern fahren aber auch gerne Velo, wandern und beschäftigen sich im Garten. Freude machen auch der eigene Rebberg und die Obstbäume. Klingelt das Telefon, gehen die beiden auch zusammen an eine Einsargung. «Der Tod ist immer noch ein Tabuthema», sagt Margrith Gerig. Das fände sie schade. Und Toni Gerig erinnert sich daran, dass damals, als sein Grossvater starb, dieser mehrere Tage bis zur Beerdigung in der Stube aufgebahrt wurde und die Dorfbewohner Abschied nehmen konnten. «Wir haben auch unseren Eltern die letzte Ehre erwiesen mit dem Vorbereiten für die letzte Reise.»

Caroline Mohnke

Veröffentlichung: 19. Januar 2026 / Ausgabe 3/2026

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