Aufbruch ins Unbekannte

Bild: Franziska Herren

Leute. Das Abenteuer begann im Jahr 2000 mit einem Inserat in der Schreinerzeitung. Gesucht wurden Schreiner für ein Projekt in Kirgisien, das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) durchgeführt wurde. Marco Leupi war damals Mitte Zwanzig und hatte Lust auf dieses Wagnis.

Marco Leupi wusste zwar nicht genau, wo Kirgisien liegt. Google Maps war noch nicht erfunden, und auf der Karte konnte er das Land auch nicht gleich entdecken. «Ich dachte, Kirgisien sei irgendwo in Russland. Und Russland hat mich schon als Kind fasziniert. Das grosse unbekannte Land.» Voller Abenteuerlust und mit ein paar Worten Russisch im Sprachschatz brach er auf.

Mit dem Mercedes abgeholt

Von Zürich aus flog er in die kasachische Stadt Almaty. «Am Flughafen holte mich mein Privatchauffeur mit einem Mercedes ab, und zusammen fuhren wir über die Grenze nach Kirgisien», erinnert sich Leupi. Die ersten zwei Wochen verbrachte er in einem Gasthaus am Yssyk Köl – einem der grössten und höchstgelegenen Seen der Welt – und lernte im Privatunterricht Russisch. Danach begann sein Einsatz in einer staatlich geführten Schreinerei mit integrierter Sägerei. Er sollte den Mitarbeitenden fachliches, organisatorisches und sicherheitstechnisches Know-how vermitteln.

 

«Ganz nach Schweizer Art wollte ich, dass wir spätestens um neun Uhr mit der Arbeit beginnen. Ich merkte aber bald, dass die Angestellten sich nicht daran hielten.» Niemand war motiviert. Nach einiger Zeit fand Leupi heraus, dass die Mitarbeitenden seit drei Monaten keinen Lohn mehr bekommen hatten. Er sprach mit der Leitung, organisierte das Geld und bezahlte die Angestellten mit Geldbündeln.

«Wenn der Strom ausfiel, setzten wir uns in der Schreinerei auf den Boden und spielten Karten.»

Auch Stromausfälle gehörten zu den täglichen Herausforderungen. «Wenn der Strom ausfiel, setzten wir uns in der Schreinerei auf den Boden und spielten Karten.» Einmal im Monat traf sich Leupi mit anderen Schweizern in einem amerikanischen Pub in der Hauptstadt Bischkek. «In diesem Pub lernte ich meine jetzige Frau kennen. Eine Tatarin.» Leupi verlängerte seinen Vertrag, bis er anstelle eines halben Jahres zwei Jahre in Kirgisien bleiben konnte.

Planänderung nach traurigem Verlust

Mit seinem Mitbewohner Thomas, einem Schreiner, der ebenfalls in einem Deza-Projekt arbeitete, wollte er später eine eigene Schreinerei aufbauen. «Eines Abends fuhr Thomas mit einem Auto in die nächste Stadt und verunglückte dabei tödlich. Niemand wusste, wie es passiert war», erzählt Leupi. Nach diesem tragischen Ereignis liess er das Vorhaben fallen. Er reiste mit seiner Freundin in die Schweiz. Bald heirateten sie und gründeten eine Familie. Vor zehn Jahren erfüllte sich Leupi einen Traum. Mit seinem Vater und einem Freund reiste er mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok. Im Viererabteil kam er mit den wechselnden Passagieren ins Gespräch. Einer davon war ein alter U-Boot-Kapitän, der ihnen jeweils morgens mit einem Gläschen Wodka zuprostete.

Regelmässig besucht er Kirgisien

Heute führt der mittlerweile 50-jährige Leupi eine Küchenbaufirma in Rotkreuz. Noch immer reist er regelmässig nach Kirgisien. «Das Land hat sich extrem verändert», stellt er fest. «In der Hauptstadt kaufte man damals auf dem Basar ein. Es gab einen Laden, der Europa hiess. Dort konnte man europäische Artikel zu höheren Preisen kaufen. Heute gibt es viele Geschäfte, in denen alles erhältlich ist.»


Franziska Herren

Veröffentlichung: 01. Juni 2026 / Ausgabe 22/2026

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