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Ursina Ganzoni (61) vermittelt auch als Dozentin nach wie vor ihren Stolz und ihre Freude darüber, Schreinerin zu sein. Bild: Franco Brunner

Leute. Grossvater Lehrer, Vater Lehrer, Schwester Lehrerin. Vieles sprach dafür, dass auch Ursina Ganzoni dereinst vor einer Schulklasse stehen würde. Eigentlich. Doch die heute 61-jährige Bündnerin entschied sich für einen anderen Weg.

Ganzoni wollte gestalten, anpacken und mit den Händen arbeiten. Also wurde sie Schreinerin. Nicht aus Trotz oder Rebellion, sondern schlicht und einfach aus echter Überzeugung. «Der Schulwerkraum meines Vaters mit all den Materialien und Werkzeugen hat mich schon als Kind fasziniert», erinnert sie sich. Während andere im Schulalter vielleicht vom Klassenzimmer träumten, zog es sie schon damals eher an die Hobelbank.

Sie verteidigt das Handwerk mit Leidenschaft

Dass sie Schreinerin wurde, empfindet Ganzoni bis heute als Glücksfall. «Ich bin noch immer unglaublich stolz auf diesen Beruf.» Gerade heute, wo sie sich beruflich stark im gestalterischen Umfeld bewegt, verteidigt sie das Handwerk mit grosser Leidenschaft. Denn gutes Design beginne für sie immer mit dem Verständnis für das Material. An Leidenschaft fehlt es ihr ohnehin grundsätzlich nicht. «Ja, bei mir muss immer etwas laufen», sagt sie lachend. Sonst könne sie schon auch mal etwas anstrengend werden. Der Blick auf ihre berufliche Karriere zeigt eindrücklich, dass da in den vergangenen Jahren so einiges «gelaufen» ist und es dies immer noch tut.

«Ich sehe es als grosses Privileg, Menschen ein Stück weit auf ihrem Weg begleiten zu dürfen.»

Sie schwärmt von der Engadiner Lehrwerkstatt

Die Schreinerlehre absolvierte sie in der Engadiner Lehrwerkstatt für Schreiner in Samedan – damals als eine der wenigen Frauen. Nach der Ausbildung blieb sie ein paar Jahre als Arbeitsvorbereiterin und Schreinerin in der Lehrwerkstatt tätig. Rückblickend spricht sie mit grosser Wärme über diese Zeit. Über den Zusammenhalt unter den Lernenden, über die Berufsschule, über Freunde fürs Leben. Und über ihren damaligen Chef und Mentor Ernst Schmid. Er erkannte früh ihr Potenzial, förderte sie konsequent und machte ihr Mut, sich ständig weiterzuentwickeln. Lernen, so vermittelte er, höre nie auf. Eine Überzeugung, die sie bis heute begleitet.

Das Lehrer-Gen holte sich doch ein

Was folgte, waren diverse Weiterbildungen sowie eine Innenarchitekturausbildung mit späteren Freelance-Anstellungen in diversen Architekturbüros und Schreinereien. Stillstand war auch hier nie ihre Sache. Und dann holte sie das Lehrer-Gen eines Tages doch noch ein. Zunächst sprang sie bloss als Stellvertreterin bei den Schreinerklassen der Gewerbeschule Samedan ein.

Heute unterrichtet sie in der Oberstufenschule in Stampa im Bergell Werkunterricht, technisches Zeichnen sowie bildnerisches Gestalten und arbeitet an der ibW Höheren Fachschule Südostschweiz als Dozentin und seit 2009 auch als Fachvorsteherin der Abteilung Interior Design an den ibW-Standorten Maienfeld, Ziegelbrücke und Zürich. Dass sie am Ende doch Lehrerin wurde, empfindet Ganzoni heute fast als Fügung: «Ich sehe es als grosses Privileg, Menschen ein Stück weit auf ihrem Weg begleiten zu dürfen und sie danach dann irgendwann selbstständig fliegen zu sehen.»

Der Pension schaut sie mit gemischten Gefühlen entgegen

Eine Rolle, der die dreifache Mutter indes mit gemischten Gefühlen entgegenblickt, ist jene der Pensionärin. Nicht, weil sie das Älterwerden fürchtet. Sondern weil sie sich einen Alltag ohne Gestalten, Lernen und Begleiten kaum vorstellen kann.

Ganz ohne Aufgaben wird sie bestimmt auch dann nicht bleiben. Dafür sorgen schon einmal ihre drei Enkelkinder. Und vielleicht bleibt ja auch wieder mehr Zeit für Ausfahrten mit dem roten Fiat-Spider-Cabriolet über die Bündner Pässe – voller Neugierde, Freiheitsliebe und mit der Lust, immer wieder neue Wege einzuschlagen.


Franco Brunner

Veröffentlichung: 14. September 2026 / Ausgabe 37/2026

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