Bei den Wangen sieht es leer aus


Der grosse italienische Möbelhersteller Lema hat mit «L25» wieder einen Entwurf für offene Regal- und Schrankgestaltung im Programm. Bild: Lema


Der grosse italienische Möbelhersteller Lema hat mit «L25» wieder einen Entwurf für offene Regal- und Schrankgestaltung im Programm. Bild: Lema
Wangenkonstruktionen. Anstelle eines Korpus denkt man das Möbel von der tragenden Struktur her. Wangen prägen dann das offene Erscheinungsbild, bei dem die statischen Knotenpunkte entscheidend sind. Doch dafür gibt es bislang keine Beschläge für das Handwerk.
Gestalterisch kann man sie als Gegenentwurf zum klassischen, geschlossenen Korpusmöbel verstehen. Die Rede ist von Wangenkonstruktionen, die, manchmal auch als einzelne Ständer ausgebildet, herkömmliche Korpusseiten ersetzen. Tablare, Kleiderstangen oder Korpuselemente werden dabei mittels Traversen oder Beschlägen zwischen den Wangen gehalten. Gegenüber Korpussen ist die luftige Konstruktion hochgradig individualisierbar, erweiter- und nachrüstbar.
Ein weiteres Prinzip offener Konstruktion ist die Montage einer Rasterschiene an der Wand. Die Zwischenfelder werden sodann mit dekorativen Platten belegt. Die Kleiderstangen und Tablare werden dann durch einhängbare Konsolen oder Kragarme von den Schienen getragen.
Beide Konstruktionsarten werden seit langer Zeit im Ladenbau eingesetzt und auch für die Ausstattung von begehbaren Kleiderschränken und Wohnräumen sind sowohl Wangenkonstruktionen als auch solche mit Rasterschienen an der Wand üblich.
Generell standen Industrieregale, Bibliotheks- und Archivsysteme sowie das modulare Wohnen für die Transformation solcher Konstruktionen in den Wohnraum Pate. Entsprechend sind diese nicht neu, tauchen jedoch in neuen Gewändern immer wieder auf, so auch deutlich zu sehen in den letzten Jahren am Salone del Mobile in Mailand. Auffällig war, dass dabei alle Wohnbereiche mit eingeschlossen sind. Die offene Konstruktion ist ideal, um die Bereiche miteinander zu kombinieren und fliessende Übergänge zu schaffen. Ein Möbel, das zwischen Boden und Decke gespannt als Raumteiler dient, kann zwei verschiedene funktionale Bereiche bespielen, wirkt dabei aber leichter als ein Korpus.
Während Rasterschienen für die direkte Wandmontage von den Beschlagherstellern und Profilanbietern angeboten werden, sieht es bei den Beschlägen und Teilen für Wangen und Stangen zwischen Boden und Decke ziemlich mau aus. Man bekommt natürlich Stellfüsse, die jedoch meist als nicht sichtbare Teile erdacht und deshalb eher unansehnlich sind. Genauso wenig sind Lösungen erhältlich, wenn die Wange nicht bis zur Decke reicht, sondern abgewinkelt an der Wand befestigt werden soll.
Die Möbelhersteller verwenden hierfür eigene Beschläge, die dann selbstredend der eigenen Kollektion vorbehalten bleiben.
Die Beschlaghersteller für das Handwerk haben sich des Themas bislang nicht angenommen. Wer das umsetzen möchte, muss zuvor sein eigenes System entwickeln und umsetzen. Da es sich dabei überwiegend um einfache, meist gedrehte Teile mit Innen- oder Aussengewinde handelt, scheint das machbar. «Man findet sicher eine Werkstatt, die solche Teile macht. Dann braucht es aber jemanden, der die gewünschte Oberfläche realisiert. Und ob diese Werkstatt auch in der Ingenieursleistung, sprich Konstruktion eines Beschlages, Erfahrung und Know-how hat, steht nochmals auf einem anderen Blatt», sagt Adrian Hager, Inhaber der Hager Zierbeschläge AG in Niederurnen GL. Es sei deshalb sinnvoll, einen Partner zu haben, der alles könne. Nötig für den Beschlagprofi sei lediglich eine saubere, bemasste Skizze, dann würde die Zeichnung zur Freigabe erstellt und anschliessend offeriert werden. «Generell können wir Stückzahl eins umsetzen. Es ist dann einfach ein anderer Preis als bei einer grösseren Serie. Aber meiner Erfahrung nach legt sich kaum ein Schreiner hundert Stück eines Beschlages aufs Lager. Er bestellt, wenn er etwas braucht. Aber wir als Hager AG können das machen, und ich überlege gerade, ob wir solche Beschläge vielleicht entwickeln und produzieren sollten für das Handwerk», erklärt Hager.
Bei der Umsetzung von Wangenkonstruktionen gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen können sie als Stützenkonstruktion zwischen Boden und Decke gespannt werden. Aber nicht jedes Gebäude verfügt über einen druckfesten Deckenaufbau. Dann ist alternativ die Befestigung an der Wand möglich. Mit entsprechenden Beschlägen sollte beides realisierbar sein.
«Man darf den Aufwand bei der Montage nicht unterschätzen. Wangenkonstruktionen sind deutlich aufwendiger, als einfach Schienen an der Wand zu befestigen», sagt Willi Küng, Inhaber der Inbau AG in Cham ZG. Dafür bekomme der Kunde jedoch ein sehr stylishes Möbel.
Küng ist Partner des italienischen Herstellers Eureka sowie der Immer AG in Uetendorf BE. Über den Beschlaghändler kann der Schreiner auf den Profilbaukasten von Eureka als Hersteller von Aluminium-Regalständern und zugehörigen Elementen zugreifen. Daneben bietet Häfele ebenfalls ein Aluminiumstangen-Sortiment für die Umsetzung solcher Konstruktionen an. Vorteilhaft dabei ist die Verfügbarkeit der funktionierenden Lösungen. Andererseits kann der Schreiner nicht viel mehr, als die Korpusse, Tablare und Elemente zwischen den Ständern beisteuern, von Beratung, Planung und Montage einmal abgesehen. Für den Kunden kann das Wohnen mit solchen Konstruktionen herausfordernd sein. So leidet die visuelle Ruhe eines Raumes mit den offenen Elementen. Die Regale müssen stets aufgeräumt sein. Die Anforderungen an Statik und Montage sind hoch, damit das Ganze am Ende sitzt. Und schliesslich fällt der Preis gegenüber Korpuskonstruktionen meist höher aus. Soll eine Beleuchtung integriert werden, kann der Aufwand je nach baulicher Situation noch deutlich zunehmen.
Dennoch scheinen Lösungen, die Regal, Raumteiler und Schrank in einer offenen Tragstruktur vereinen, gefragt zu sein. Einfacher wäre es für den Schreiner, wenn wertige und formschöne Beschläge verfügbar wären.
www.hagerag.chwww.haefele.chwww.immerag.ch
«Wangenhängebeschlag» ist ein etwas sperriges Wort. Der Beschlag wird verwendet, um ein hängendes Möbel (oder ein entsprechend ausgeformtes Teil davon) unsichtbar an der Wand zu befestigen. Typische Anwendungen sind Regale und Konstruktionen, bei denen sich Korpusaufhängebeschläge mangels Rückwand nicht eignen. Wer einen solchen Beschlag im Internet sucht, landet unweigerlich bei dem Modell des italienischen Herstellers Camar. Die einschlägigen Schweizer Handelsbetriebe greifen auf diesen Beschlag zurück.
Die Beschläge sitzen verdeckt in den Seitenwangen des Möbels. Der Haken greift in eine an der Wand befestigte Gegenplatte ein. Nach dem Einhängen lässt sich das Möbel in Höhe und Tiefe ausrichten.
Die Abbildung zeigt den Camar-Beschlag des Typs 821/12, bei dem die Verstellung 15 mm in der Höhe und 12 mm in der Tiefe beträgt. Dazu braucht es zwei 6-mm-Bohrungen in den Wangen der 12 mm breiten Frästasche, um an die Verstellschrauben zu gelangen. Beim Modell 821/12 beträgt die Belastbarkeit pro Beschlag 60 kg.
Daneben gibt es noch zwei weitere, stärkere Varianten, den 821/15 und den 821/20. Letzterer kann pro Beschlag 100 kg Gewicht tragen. ch
Veröffentlichung: 03. September 2026 / Ausgabe 36/2026
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