Das etwas andere Spielzimmer

Der 46-jährige Schreiner und Sportler Herby Bissig hat in seinem ehemaligen Kinderzimmer eine kleine Boulderwand eingerichtet. Bild: Caroline Schneider

Seinen Nachnamen trägt er nicht umsonst. Der durchtrainierte Sportler Herby Bissig mit den sehnig muskulösen Gliedern ist ausdauernd und zäh. Er beweist in der Tat Biss. «Rund 50 Kilometer Joggen pro Woche ist Standard», sagt der 46-jährige Schreiner. Er braucht die Bewegung in der Natur. Es sei ein unabdingbarer Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag und «in etwa so wichtig wie für den Pegeltrinker das Bier am Morgen früh». Nebst dem Joggen ist Bissig häufig an Felswänden anzutreffen. Klettern und Joggen gehören zu seinen grossen Leidenschaften. Der Schreiner schwimmt gerne gegen den Strom: «Mainstream und 08/15 sind mir ein Gräuel. Heutzutage gehört es zum guten Ton, dass auch Manager einen Viertausender besteigen.» Bissig sucht das Aussergewöhnliche fernab von Trampelpfaden und Menschenmassen. Und er braucht stets «ein kleines bisschen» Herausforderung. So hat er im letzten Jahr den Eiger-Ultratrail absolviert. Die 101 Kilometer lange Strecke führt an folgenden Etappenorten vorbei: Grosse Scheidegg, Grindelwald First, Bachalpsee, Schynige Platte, Wengen, Männ- lichen und der Traverse unter der Eigernordwand. 6700 Höhenmeter (Steigung und Gefälle zusammengerechent 13 200 Höhenmeter) gilt es zu überwinden. Auf diesen Wettkampf hat er ein Jahr lang trainiert. «Ich habe etliche Laufschuhe verbraucht», sagt der Sportler mit seinen stahlblauen Augen, die so klar sind wie ein Bergsee. Bissig hat den Ultratrail in 19 Stunden 24 Minuten geschafft. «Ich habe dabei einen Zehennagel verloren, aber das gehört dazu», sagt er mit einem kecken Schmunzeln.

Wer sich einen risikofreudigen Draufgänger vorstellt, der hat weit gefehlt. Bissig bleibt auf der sicheren Seite. Deshalb interessiert er sich beispielsweise nicht für Skitouren. «Ich habe schlicht und einfach zu grossen Respekt vor Lawinen. Trotz guter Planung bleibt immer ein Restrisiko bestehen.» Um ein gutes Grundlagentraining fürs Klettern in den eigenen vier Wänden zu absolvieren, hat seine Lebenspartnerin Astrid die Idee gehabt, in Bissigs ehemaligem Kinderzimmer in Pfäffikon SZ eine Boulderfläche einzurichten. In der Beziehung fungiert sie oftmals als Impulsgeberin. Bissig setzt ihre Ideen gekonnt um, zusammen bilden sie ein perfektes Team. «Wir haben bei Bächli Bergsport angefragt, ob sie uns sponsern.» Dort war man begeistert von der Idee, und so wurden die beiden mit Griffen und Matten versorgt. Bissig, der in Lachen SZ in einem mittelgrossen Betrieb als CNC-Maschinist und Werkstatt-Vorarbeiter arbeitet, brauchte rund vier Wochen, um sein ehemaliges Kinderzimmer in eine Boulderfläche umzuwandeln. Für die unterschiedlich farbig ausgesteckten Routen und für die Abstände zwischen den Griffen hat er sich von den Boulderecken in den Kletterhallen inspirieren lassen. «Beim Bouldern kannst du dich mehr verausgaben als beim Klettern», erklärt er. Zudem sei Klettern sehr zeit-intensiv und hänge von der Witterung ab.

Das Bouldern habe Auftrieb erhalten, da der Eintritt in die Kletterhalle so teuer und das Material kostspielig sei. Da Bissig kein Freund von Menschenansammlungen ist, kann er die oftmals überfüllten Kletterhallen heute gekonnt umgehen.

Nach dem Joggen verzieht er sich in sein 12 m2 grosses Spielzimmer. «Oder in die Folterkammer», meint seine Partnerin mit einem Lachen. Er mache bloss ein bisschen Fingertraining, verteidigt sich Bissig. «Das braucht er einfach», sagt Astrid, legt ihre Hand auf seine Schulter und schaut ihn liebevoll an.

«Mainstream und 08/15 sind mir ein Gräuel. Heutzutage gehört es zum guten Ton, dass auch Manager einen Viertausender besteigen.»

cs

Veröffentlichung: 07. April 2016 / Ausgabe 14/2016

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