Das gekonnte Spiel mit dem Tageslicht

Die kleine, schmale Fensterfläche lässt für den langen Gang nur sehr wenig Licht hindurch. Bild: Andreas Brinkmann

Tageslicht.  Das natürliche Licht der Sonne ist äusserst belebend und durch nichts zu ersetzen. Entsprechend lohnt es sich, etwas Aufwand zu betreiben, um mit diesem so besonderen Licht die Räume in Gebäuden auf kreative Weise zu fluten.

Das heutige Leben in der Schweiz bedeutet für einen sehr grossen Teil der Bevölkerung, dass sie die meisten Tage in geschlossenen Räumen verbringt und das Licht der Sonne über Fenster und halbtransparente Flächen nach innen gelangt. Wer dann in seiner Freizeit ganze Tage in der freien Natur am Licht verbringt, merkt, dass das eine äus-serst positive Wirkung hat. Man fühlt sich ruhiger, ausgeglichener, fitter und spürt eine positive Wirkung auf Körper und Geist.

Tagesrhythmen und Gesundheit

Neben der Erkenntnis, dass Freizeit belebt, ist mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen, dass das Spektrum von Tageslicht für die körperliche und seelische Gesundheit massgeblich ist und zur körpereigenen Erzeugung von heilungsfördernden Stoffen verhilft. Es wird zudem für die innere Steuerung des 24-Stunden-Rhythmus benötigt. Auch ist klar, dass kein künstliches Licht an diese Wirkung herankommt.

Der Verein Minergie mit Sitz in Basel schreibt in seiner Schrift «Tageslicht» dazu: «Eine gute Versorgung mit Tageslicht ist insbesondere in dauernd benutzten Räumen wichtig.» Minergie-Eco verlangt den Nachweis, dass die Räume genügend mit Tageslicht versorgt sind. Gleichzeitig ist dem Zielkonflikt Beachtung zu schenken, dass so auch zu viel Wärme mit eindringen kann. Bezüglich Tagesrhythmus ist dort zu lesen, dass im Jahr 2002 lichtempfindliche Zellen in der Netzhaut des Auges entdeckt wurden, die nicht dem Sehen dienen, sondern direkt mit dem Gehirn verbunden sind und bei der Steuerung der inneren Uhren helfen. Das hat mit dem Vorhandensein von Energie, der Aufnahmefähigkeit, aber auch der Müdigkeit und dem Bedürfnis nach Regeneration zu tun. Diese Zellen sind besonders gegenüber kurzwelligen Strahlen empfindlich – dem blauen Licht. Dieses kann allerdings auch bei künstlichem Licht vorkommen und ist bei Bildschirmen, Tablets und Smartphones vorhanden.

Schweizer Norm SN EN 17037

Die Erkenntnisse zum Licht haben dazu geführt, dass die Vorgaben bei der Planung von Räumen erweitert wurden. Mit dem gezielten Einsatz von Tageslicht soll die Qualität von Gebäuden verbessert werden. Seit April 2019 ist die Schweizer Norm SN EN 17037 «Tageslicht in Gebäuden» in Kraft. Sie legt einen einheitlichen Standard für die Tageslichtplanung fest und fördert die Integration dieses Lichts. Es steigert die Gesundheit und das Wohlbefinden der Nutzer und kann gleichzeitig den Energiebedarf für Heizung, Kühlung und Beleuchtung reduzieren. Seit Februar 2025 steht die praxisnahe Wegleitung SIA 4004:2025 «Tageslicht in Gebäuden» zur SN EN 17037 zur Verfügung. Die Tageslichtnorm beschreibt den aktuellen Stand der Technik und sollte zukünftig berücksichtigt werden.

Vier wichtige Bewertungen

Die Norm ermöglicht eine Orientierung, wann Innenräume ausreichend mit Tageslicht versorgt sind, um die Stufen «Gering», «Mittel» und «Hoch» zu erreichen. Sie gibt aber nicht verbindlich vor, welche Stufe bei welcher Art der Nutzung erreicht werden muss. Diese Tageslichtversorgung des Innenraums wird mithilfe einer Ganzjahressimulation unter Einbezug von lokalen Wetterdaten bestimmt.

Der zweite Bewertungspunkt der Norm befasst sich mit der Sichtverbindung, die der Nutzer nach aussen hat, einschliesslich der geplanten oder vorhandenen räumlichen Organisation – wie und wo beispielsweise ein Arbeitsplatz positioniert ist.

Als dritter Punkt wird die Besonnung eines Innenraums betrachtet, denn sie kann zum Wohlbefinden der Nutzer beitragen. Beispielsweise bei Wohnungen, Bettenzimmern in Krankenhäusern und Gruppenräumen in Kindergärten ist sie ein wichtiges Qualitätskriterium. Der letzte Bewertungspunkt betrifft die Blendung. Wenn die Helligkeit des Sonnenlichts sowie hohe Lichtkontraste als unangenehm wahrgenommen werden oder die Sehleistung beeinflussen, wird von Blendung gesprochen. Eine solche muss begrenzt werden, um Ermüdung und nachlassende Konzentration zu vermeiden. Dafür bietet die SN EN 17037 messbare Vorgaben.

Grundlagen, die Wirkung zeigen

Die Kunst, optimale Werte der Norm zu erreichen, liegt letztendlich in der baulichen Ausrichtung eines Gebäudes mit seinen Räumen und Fenstern, mit gut definiertem Wärmedurchlass und Blendschutz. Es gibt aber noch mehr Vorgaben, wie beispielsweise beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Solothurn im Merkblatt «Bau und Einrichten von Arbeitsräumen» vom Dezember 2024 nachzulesen ist:

«In den Arbeitsräumen soll Tageslicht vorhanden sein sowie eine künstliche Beleuchtung, welche der Art und den Anforderungen der Arbeit angepasste Sehverhältnisse (Gleichmässigkeit, Blendung, Lichtfarbe, Farbspektrum) gewährleistet. Arbeitsräume, in welchen während mehr als 2,5 Tagen pro Woche Arbeitnehmende beschäftigt sind, gelten als Räume mit ständigen Arbeitsplätzen und müssen natürlich beleuchtet werden. Die gesamte Fensterfläche muss mindestens 10 % (industrielle Betriebe 12,5 %) der Bodenfläche des Raumes oder des Bereiches mit ständigen Arbeitsplätzen betragen.»

Solche kantonalen Vorgaben unterscheiden sich nur geringfügig voneinander und zeigen, dass es zusätzlich auch noch gültige regionale Vorschriften zu beachten gilt, die aber auch bei der Planung hilfreich sind.

Die Reichweite der Sonnenstrahlen

Bei der für ihre ganz verschiedenen Dachfenster bekannten Velux Schweiz AG in Aarburg AG hat man sich intensiv mit dem Tageslicht und seinen Wirkungsmöglichkeiten befasst. So kann man in Schriften der Firma beispielsweise Folgendes lesen:

«Eine Faustregel besagt, dass nur bis zu einer Raumtiefe, die 1,5-mal der Höhe der Oberkante der Fensteröffnung entspricht, ausreichend Tageslicht vorhanden ist. Bei der Unterkante des Sturzes auf 2,30 m Höhe ist der Raum somit nur bis zu einer Tiefe von etwa 3,50 m natürlich belichtet. Bei geneigten Fenstern dagegen ist der Lichteinfall grösser und weitreichender.»

Das basiert auf dem Lauf der Sonne, die im Sommer in der Schweiz im Nordosten auf- und im Nordwesten untergeht und ihren Höchststand im Süden hat. Dieser ergibt im Sommer in der Schweiz einen Lichteinfallswinkel von 67° und im Winter noch einen von 20°. Der Sonnenaufgang ist im Winter allerdings im Südosten und der -untergang im Südwesten. Raumoberflächen mit hohem Reflexionsgrad helfen, das Tageslicht möglichst weit in den Raum zu bringen.

Vereinfachte Darstellung der Lichtkegel

Minergie Schweiz gibt als Planungshilfe für frühe Abschätzungen bei vertikalen Fenstern vor, man solle mit diffusem Tageslicht und einem Einfallswinkel von 30° planen. Die Schnittzeichnung der Raumsituation mit diesem Fenster zeigt dann die Raumtiefe, die noch vom Lichtkegel berührt wird. Damit lassen sich auch die Einbussen durch Balkone, Vordächer usw. darstellen.

Die Wandbereiche neben den Fenstern werfen jeweils einen Schatten auf die Seitenwände und das in einem für die Grundriss-Planung angenommenen Winkel von 45°. Schmale Fenster mit grossen Abständen zu den Seitenwänden sorgen daher für eher dunkle Räume.

Bei einem Fenster, welches sich horizontal in der Raumdecke befindet, sind diese Schatten nicht so wichtig. Durch die Distanz der Raumhöhe und den eintretenden Lichtkegel – in einem für die Planung angenommenen Winkel von 30° – wird der Boden sehr weit ausgeleuchtet. Der Raum erscheint somit insgesamt heller. Je mehr sich das Fenster einer vertikalen Position nähert, desto mehr nimmt dieser Effekt ab. Herausfordernd ist dabei die Beschattung.

Spielerischer Einsatz der Möglichkeiten

Bereits mit diesem grundlegenden Wissen gerüstet, können Räume recht gezielt mit Tageslicht ausgeleuchtet werden. Bei gleicher Fläche lassen breite Fenster den Raum heller wirken als hohe. Wo das baulich möglich ist, können Dachfenster zusätzlich in der Raumtiefe für Licht sorgen. Vergleichbares gilt auch für zusätzliche Fenster in anderen Wänden dieses Raums, wenn auch mit einer anderen Wirkung. Das gekonnte Spiel mit den Lichtkegeln, Beschattungen und Reflexionen kann Räumen zu einer ganz besonderen Atmosphäre verhelfen. Auch ist eine gute Sicht nach aussen sehr gewinnbringend, wenn gleichzeitig eine gewisse Diskretion gegeben ist, beispielsweise mittels Vorhängen. Gerade bei grossen Flächen und Dachfenstern ist die Beschattung sehr wichtig, damit die Sonne keine zu starke Wirkung zeigt. Für fensterlose Räume bietet Velux noch die Lösung «Sun-Tunnel» an. Über ein innen reflektierendes Rohr von 350 mm Durchmesser wird von einem Glasmodul im Dach das Sonnenlicht in den Raum gebracht und strahlt dort wie von einer runden Deckenleuchte herab.

www.minergie.chwww.velux.ch

Andreas Brinkmann

Veröffentlichung: 02. April 2026 / Ausgabe 14/2026

Artikel zum Thema

02. April 2026

Die Kunst der unsichtbaren Verbindung

Uv-kleben.  Präzise Glasverklebungen mit UV-Kleber gelingen nur mit der richtigen Vorbereitung, einer spannungsfreien Konstruktion und gezielter Aushärtung. Fehler verzeiht das Verfahren dabei kaum.

mehr
12. März 2026

«Schweizer setzen Normen flexibler um»

Fenster-Türen-Treff 2026.  Rund 250 Teilnehmende kamen nach Salzburg zum 25. Fenster-Türen-Treff von Holzforschung Austria. Zum Jubiläum erwartete die Fachleute ein breites Programm. Ein Gespräch mit Fachbereichsleiterin Julia Bachinger und einige Schlaglichter auf die Themen.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Fenster