Den Menschen ins rechte Licht rücken


Der Mensch reagiert fein auf den Verlauf des Tageslichtes. Aber auch künstliches Licht hat eine Wirkung auf uns. Deshalb braucht es das richtige Licht zur richtigen Zeit. Bild: Reto Häfliger (HSLU)


Der Mensch reagiert fein auf den Verlauf des Tageslichtes. Aber auch künstliches Licht hat eine Wirkung auf uns. Deshalb braucht es das richtige Licht zur richtigen Zeit. Bild: Reto Häfliger (HSLU)
Planung. Taktgeber für die innere Uhr: Was natürlicherweise das Tageslicht übernimmt, kann auch künstliches Licht unterstützen. Im Gespräch mit der Schreinerzeitung erklärt Lichtexperte Björn Schrader, warum die nicht visuelle Wirkung des Lichtes mehr Beachtung verdient.
Früher war die Beleuchtung Sache des Elektrikers und in erster Linie ein funktionales Element eines Gebäudes. Heute ist Licht ein Gestaltungsmittel, das Atmosphäre schafft und Räume, Möbel oder Gegenstände in Szene setzt – auch dank des Siegeszuges der LED (Light Emitting Diode). Denn plötzlich ist die Lichtquelle kein klobiger Glaskörper mehr, sondern ein winziger Chip. Doch Licht hat neben den funktionalen und ästhetischen Aspekten noch eine weitere Komponente.
So rückt unter den Begriffen Human Centric Lighting (HCL) und dynamische oder integrative Beleuchtung ein dritter Aspekt des Lichtes in den Fokus: die biologische Wirkung auf den Menschen. Obwohl die Technologie seit Jahren existiert, findet sie in der Praxis noch wenig Anwendung. Für Professor Björn Schrader, Dozent an der Hochschule Luzern, ist es an der Zeit, der nicht visuellen Wirkung des Lichtes bei der Planung und Umsetzung von Beleuchtungen mehr Beachtung zu schenken.
Nun, wie der Name schon sagt, stellt das Human Centric Lighting den Menschen in den Mittelpunkt. Grundsätzlich geht es dabei immer darum, das richtige Licht zur richtigen Zeit zu haben.
Jein. Licht ist zweifelsohne mehrheitlich zum Sehen da. Und seit über hundert Jahren geht es beim Licht und der Planung von Beleuchtungslösungen in erster Linie um diesen Aspekt. Irgendwann hat man dann angefangen, auch das gestaltende Element des Lichtes mehr und mehr zu betrachten. Sprich, mit dem Licht können Atmosphären geschaffen werden, die unsere Wahrnehmung oder unsere Stimmung beeinflussen. Das Licht kann jedoch noch eine dritte Komponente haben, und das ist die biologische Wirkung auf den Menschen. Dies wird in der Fachwelt als nicht visuelle Wirkung bezeichnet. Beim Human Centric Lighting werden alle drei Komponenten betrachtet. Aus diesem Grund wird auch oft von integrativer Beleuchtung oder von dynamischem Licht gesprochen.
Das Tageslicht ist der Haupttaktgeber für unsere innere Uhr, und es bestimmt somit unseren Wach-Schlaf-Rhythmus. Nur ist es aber so, dass wir uns inzwischen hauptsächlich im Innenraum aufhalten. Und wie wissenschaftlich erwiesen ist, hat auch künstliches Licht einen grossen Einfluss auf uns. Wir haben uns also massiv von unserer Natürlichkeit entfernt, und dies kann bei einigen Mensch dazu führen, dass ihr System aus dem Takt kommt.
Ja, das ist die Überlegung dahinter. Wenn das Tageslicht, das natürlicherweise die biologischen Effekte auslöst, nicht ausreicht, soll dies unterstützend mit künstlichem Licht erfolgen.
Wenn das richtige Licht zur richtigen Zeit wirkt, hat das auch Einfluss auf unser Wohlbefinden und kann uns ebenfalls gesundheitlich unterstützen. Wir alle kennen wohl die Situation, wenn an einem trüben Tag plötzlich die Sonne herauskommt. Die Stimmung und das Wohlbefinden steigern sich unmittelbar und massiv. Und wenn dieser Effekt über eine längere Zeit wirken kann, hat das positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit.
Um diese Frage zu beantworten, muss ich kurz etwas ausholen. Den Rezeptor, der für die Taktung unserer inneren Uhr zuständig ist, hat man in der Tat bereits vor rund 25 Jahren nachgewiesen. Etwa zehn Jahre später ist in der Lichtbranche dann ein regelrechter Hype um das Human Centric Lighting losgegangen, und die Industrie wollte die Technologie unbedingt in den Markt drücken. Der nötige Wissenstransfer aus der Forschung hat bis dahin allerdings nicht wirklich stattgefunden. Man hatte zwar die Technik, aber man wusste nicht wirklich, wie diese optimal eingesetzt werden sollte. Dadurch haben dann so einige Sachen nicht wie gewünscht funktioniert.
Nun, man hat einfach zu viel gewollt und zu grosse Erwartungen geschürt. Es ist nicht wie bei einem Schalter, den man umlegt, und unmittelbar danach ist der Effekt spürbar. Sondern die Auswirkungen zeigen sich vielleicht erst nach mehreren Wochen oder Monaten. Und das wurde grösstenteils schlecht kommuniziert. Aber es gab auch Fälle, bei denen schlichtweg das Falsche empfohlen wurde.
Vor einigen Jahren durfte die Hochschule Luzern ein Projekt bei der Schweizer Post begleiten. Wir wurden als unabhängige Beratungsstelle hinzugezogen, weil die verschiedenen Hersteller sehr unterschiedliche Lösungen empfohlen hatten. Bei genauerem Nachfragen wurde erst klar, dass die wichtigste Schicht bei der Post die Nachtschicht ist. Das heisst, die Beleuchtung sollte vor allem auf die Nacht ausgerichtet sein und nicht auf den Tag.
Eine Nachtschicht entspricht nicht unserem natürlichen Rhythmus – das stimmt. Wenn die Arbeitnehmenden in ihrer Schicht dann aber auch noch permanent aktivierendem Licht ausgesetzt sind, schädigt das den Wach-Schlaf-Rhythmus zusätzlich. Die richtige Lösung zu finden, ist hier also nicht ganz einfach, und deshalb ist sie auch nicht mal schnell geplant und umgesetzt. Die Post war sehr vorbildlich und hat daraus ein Pilotprojekt gemacht und Pionierarbeit geleistet. Denn zusätzlich wurden auch das Seco und die Suva hinzugezogen, und es gab mehrere Befragungen der Mitarbeitenden über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Die Ergebnisse wurden dann auf weitere Standorte übertragen.
Grob zusammengefasst lässt sich sagen, dass am Abend oder, wie in einem solchen Fall, in der Nacht grelles, kaltes Licht vermieden werden sollte. Dieses Licht hat einen hohen Blauanteil, was einen starken Einfluss auf die Produktion des Schlafhormons Melatonin hat. Stattdessen wäre warmes und, wenn es die Arbeitsumstände zulassen, etwas gedimmtes Licht besser.
Das ist aber auch immer eine Gratwanderung, und viele Faktoren müssen individuell betrachtet und eingerechnet werden. Deshalb erfordern solche Lichtkonzepte neben einer sorgfältigen Bedürfnisabklärung auch ein erweitertes Lichtwissen, was weit über eine reine «Lux-Planung» hinausgeht. In sehr speziellen Fällen kann es auch Sinn machen, einen Chronobiologen hinzuzuziehen.
Nun, das beste und biologisch wirksamste Licht liefert uns immer noch die Sonne. Deshalb sollte so oft wie möglich, das natürliche Tageslicht genutzt werden.
Ein paar Zahlen verdeutlichen das Ganze recht schön. An einem Sommertag mit klarem Himmel habe ich eine Beleuchtungsstärke von rund 120 000 Lux. An einem trüben Tag sind es noch 5000 bis 10 000. Beim Arbeitsplatz am Fenster kommen vielleicht noch so um die 3000 Lux an. In einer schlecht ausgeleuchteten Ecke in einer Werkstatt oder im Lager sind es aber möglicherweise nicht mal mehr 100 Lux.
Und in der europäischen und schweizerischen Norm für die Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen sind 500 Lux auf der Arbeitsfläche empfohlen. Da sind wir also von der Beleuchtungsstärke des natürlichen Tageslichtes weit entfernt.
Grundsätzlich ja. Wenn wir die nicht visuelle Wirkung betrachten, muss eine andere Messgrösse verwendet werden, und auch die Messposition muss angepasst werden. Für das Sehen wird nämlich dort gemessen, wo gearbeitet wird – im Büro auf der Tischplatte. Aus biologischer Sicht ist aber entscheidend, was beim Auge und bei der Netzhaut ankommt. Deshalb müsste schon mal nicht mehr auf dem Tisch, sondern direkt am Auge und in vertikaler Richtung gemessen werden. Was die Messgrösse angeht, wird hier die «melanopische tageslichtäquivalente Beleuchtungsstärke» oder kurz «mEDI» verwendet.
Relevant ist auch das Farbspektrum des Lichtes. Hier ist der Übergangsbereich vom sichtbaren blauen zum grünen Spektrum mit dem Peak bei 490 Nanometern entscheidend. Dieser Bereich beeinflusst die Melatoninproduktion. Sprich, dieses Licht hat eine starke biologische Wirkung. Es gibt bereits LED-Chips, die in diesem Bereich des Farbspektrums besonders kräftig sind, sich aber ansonsten nicht von normalen Tunable-White-LEDs unterscheiden. Mit solchen Leuchtmitteln kann noch gezielter auf die biologischen Bedürfnisse des Menschen eingegangen werden.
Und genau deshalb braucht es das richtige Licht zur richtigen Zeit. Das wirksame, blaue Licht brauchen wir mehrheitlich morgens und über den Tag. Damit die Wirkung aber nicht kontraproduktiv und schlecht für unsere innere Uhr ist, sollte das Licht am Abend unbedingt warm und eher gedimmt sein.
In Deutschland gibt es schon diverse Aufklärungsschriften zu dem Thema, und wahrscheinlich wird es eine Erweiterung der SN EN 12464 geben, die das Thema näher behandelt. In der Schweiz gibt es bisher keine Empfehlungen oder Normen zum Human Centric Lighting. Am 26. Februar dieses Jahres erscheint aber eine Wegleitung für dynamische Beleuchtung in Alters- und Pflegeeinrichtungen.
Das ist ein Projekt von mehreren Lichtplanern. Ich selbst war ebenfalls beteiligt. Das Ziel war es, eine verständliche Schrift zu haben, was dynamisches Licht bedeutet und was dabei zu beachten ist. Finanziert wurde das Projekt von der Age-Stiftung, die sich mit dem Thema Wohnen im Alter beschäftigt.
Nicht nur, sie richtet sich an verschiedene Gruppen, die abgeholt werden müssen. Sprich, die Architekten, Investoren, Betreiber, Planer, Umsetzer. Aber auch an die Bewohner von Alters- und Pflegeeinrichtungen, deren Angehörige und die Pflegefachpersonen. Licht ist nicht nur ein technisches Element, sondern hat wirklich auch gesundheitliche Aspekte. Und das soll diese Wegleitung leicht verständlich vermitteln.
Nun, zurzeit gibt es im Pflegebereich eine Vorgabe, dass in der Nacht das Licht auf den Korridoren immer an sein muss. Aus biologischer Sicht wäre es sinnvoller, die Beleuchtung auf ein Minimum zu reduzieren. Dies würde zudem den Mehrverbrauch an Strom über den Tag kompensieren. Denn wie bereits thematisiert, brauchen wir morgens und tagsüber eher mehr Licht in den Innenräumen. Ältere Menschen brauchen aufgrund der altersbedingten Veränderung der Augen ohnehin mehr Licht, alleine um zu sehen. Wir sprechen hier von dem Doppelten bis Dreifachen gegenüber jungen Personen, damit sie noch lesen können. Mit vierzig Jahren beginnen diese Veränderungen, und mit fünfzig ist das höhere Lichtbedürfnis meist schon deutlich spürbar.
Ja, genau. Für einen bewussten Umgang mit der Thematik braucht es erst mal das Wissen, dass und wie eine künstliche Beleuchtung auf biologischer Ebene wirkt. Die Technik dazu gibt es schon ein paar Jahre. Jetzt gilt es, die beiden Aspekte zusammenzubringen. Dafür wird an der Hochschule Luzern in den kommenden Monaten ein Weiterbildungskurs lanciert, der sich damit beschäftigt. Damit eben der eine oder andere Fehler aus der Vergangenheit in Zukunft vermieden werden kann.
Professor Björn Schrader absolvierte das Studium der Elektrotechnik mit der Vertiefung Medientechnik/Licht- technik an den Technischen Universitäten Braunschweig und Ilmenau und war danach als Lichtplaner in der Schweiz tätig. Seit 2011 ist er haupt- beruflich Dozent in den Bereichen Gebäudetechnik/Kunst- und Tageslichttechnik an der Hochschule Luzern HSLU. Schrader ist zudem Inhaber der Lichtkollektiv GmbH in Zürich und Mitglied des Organisationskomitees des Swiss Lighting Forums.
www.hslu.ch
Veröffentlichung: 26. Februar 2026 / Ausgabe 9/2026
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