Den Stilbruch zum Konzept gemacht

Der feine englische Stil zieht sich vom Dachgeschoss bis zur Bibliothek. Bild: Werthmüller AG

Gestaltung. Beim Umbau eines Einfamilienhauses in Burgdorf setzte die Bauherrschaft auf eine unkonventionelle Gestaltung und dunkle Farbtöne. Entstanden ist ein Objekt mit eigenständigem Charakter, geprägt von Licht, Materialvielfalt und individuellen Raumkonzepten.

Sie ist kreativ, eigenwillig und widerspricht einem Grossteil der Grundsätze eines Innenausbaus und trotzdem – oder gerade deshalb entfaltet die Gestaltung eines Einfamilienhauses in Burgdorf BE eine aussergewöhnliche Wirkung. Das frisch umgebaute Obergeschoss ist die zweite Etappe eines dreiteiligen Gesamtprojekts.

Bei der ersten Etappe, dem Dachgeschoss mit Heimkino und der direkt unter der Galerie befindlichen Bibliothek, hatte man durchgehend auf den feinen englischen Stil gesetzt. Der Innenausbau, konstruiert aus massiven Rahmenhölzern und in Fichte furnierten Sperrholzplatten, wurde mit deckender Ölfarbe in Salbeigrün – oder, wie der Engländer sagen würde, «sagegreen» – beschichtet. War der rote Faden bei der ersten Etappe die Farbe Grün, scheint eben dieser rote Faden bei der zweiten Etappe des Umbaus fast gänzlich zu fehlen. Ein mutiger Entscheid der Bauherrschaft, der zu einem erstaunlichen Resultat geführt hat.

Enger Korridor als Knacknuss

Je enger der Raum, desto heller die Farben und desto reduzierter die Gestaltung, so lautet eine der obersten Maximen im Innenraum. Und genau mit dieser Regel hat die Bauherrschaft bei diesem Projekt gebrochen. Dies insbesondere beim Flur, welcher sich durch das Obergeschoss zieht und die bereits bei der ersten Etappe fertiggestellte salbeigrüne Bibliothek mit dem Elternschlafzimmer, den beiden Kinderzimmern und dem Badezimmer verbindet. «Die Gestaltung dieses Korridors war eine echte Knacknuss», erinnert sich Stefan Liechti. Der Inhaber und Geschäftsführer der Schreinerei Werthmüller in Burgdorf hat nach der ersten Umbauetappe im Dachgeschoss auch die zweite im Obergeschoss übernommen. Die Herausforderung lag darin, dass sich die Bauherrschaft beidseitig des Korridors Einbauten als Stauraum wünschte – und dies in dunklen Farbtönen. Um zu verhindern, dass der Korridor am Ende einem «langen dunklen Schlauch» gleiche, habe man versucht, die Konstruktion etwas luftiger zu machen. Dies habe sich im Bereich der Zimmertüren automatisch so ergeben, da dort nur Oberbauten möglich waren. Daneben habe man die lange Schrankfront durch einzelne gut ausgeleuchtete Nischen aufgebrochen.

Spiel mit Lichtakzenten

Das Spiel mit dem Licht trug auch ansonsten einen wesentlichen Beitrag zur Wirkung bei. «Wir haben versucht, dunkle Nischen möglichst gut auszuleuchten und gleichzeitig immer wieder gestalterische Lichtakzente zu setzen», erklärt Liechti.

Im Gegensatz zur ersten Etappe des Gesamtprojektes lagen die Herausforderungen dieses Mal nicht bei den technischen, sondern vielmehr bei den gestalterischen Aspekten. «Die Arbeit im Dach war sehr anspruchsvoll und spannend für Produktion und Montage. Alles wurde vor Ort gebaut und exakt eingepasst», erinnert sich Liechti. Nun verhalte es sich ganz anders. Kopfzerbrechen haben nicht die handwerklichen, sondern die gestalterischen Finessen bereitet. «Das Bemustern war aufwändig», sagt Liechti. Dies insbesondere deshalb, weil viele unterschiedliche und teilweise auch untypische Farbkombinationen in Raum gestanden haben. «Am Anfang war ich teilweise skeptisch», gibt Liechti zu. Es sei aber sehr spannend gewesen, einmal aus den gewohnten Mustern auszubrechen und den Mut zu haben, unkonventionelle Kombinationen in Betracht zu ziehen. «Wir haben alles ausprobiert, was man nicht darf», sagt er mit einem Lächeln. «Wir haben mit Farben, Prägungen, matten und glänzenden Oberflächen sowie mit den unterschiedlichsten Zierbeschlägen experimentiert und am Ende eine wirklich harmonische Lösung gefunden.»

Anders als bei der ersten Etappe hatte sich die Bauherrschaft bei der zweiten nicht mehr für Echtholz entschieden, was die Bemusterung etwas erleichterte.

Unterschiedlich und doch durchgängig

Betritt man ein Wohnhaus, so offenbart sich der Einrichtungsstil meist gleich auf den ersten Blick. Dies war bei diesem Objekt selbstredend nicht der Fall. Hier erscheint jeder Raum wie eine eigene Themenwelt. So lädt beispielsweise das Elternschlafzimmer mit seiner astronomischen Himmelskarte an der Decke zu einem gedanklichen Ausflug ins Weltall ein, während die Kinderzimmer sich durch hellere Farben, aufeinander abgestimmte Tapeten in Rosa- und Grüntönen und ein leichtes Raumgefühl auszeichnen. Doch bei allen Unterschieden werden auch immer wieder einzelne Elemente in unterschiedlichen Variationen aufgegriffen, wodurch über die ganze Etage hinweg ein gewisser Wiedererkennungswert geschaffen wird. So werden etwa die Profilleisten aus dem Korridor in den Kinderzimmern wieder aufgenommen. Gleichzeitig schaffen diese Profilleisten sowie die salbeigrüne Farbe der Schränke im Kinderzimmer eine Verbindung mit dem Dachgeschoss und der Bibliothek im englischen Stil, welche in der ersten Umbauetappe realisiert worden war. Dem ersten Eindruck, dass der rote Faden fast gänzlich zu fehlen scheint, widersprechen auch die warmen Messing- und Kupfertöne in Kombination mit den dunklen Farben der Schrank- und Schubladenfronten, welche im Badezimmer wieder aufgenommen wurden. Genauso auch die eleganten Lichtquellen, welche die passenden Akzente setzen.

Technische Lösungen im Bad

Das Badezimmer war denn auch der einzige Bereich, in dem neben den gestalterischen auch technische Herausforderungen gemeistert werden mussten. So wurde die Duschnische in Duripanel ausgeführt und mit Keramikfliesen beplankt. Zu beachten war dabei die Trennwand zwischen Dusche und Waschtischmöbel, welche auf der einen Seite mit Fliesen und auf der anderen Seite mit einer Vollkernplatte beplankt war. Es galt, die Standfestigkeit der Platte zu stärken, um ein Verziehen zu vermeiden. Eines der Mittel war dabei das Möbel. «Um die Trennwand auszusteifen, haben wir beim Waschtisch ein Massivholz angebracht und dieses in der Mitte mit Schiftholz unterlegt, damit es leicht überbiegt», erklärt Liechti. Anders als ursprünglich geplant, habe man sich ausserdem für einen versteckten Sockel entschieden. «Aus gestalterischen Gründen wollten wir die Trennwand oben nicht mit einem Querfries verstreben, und so haben wir nach anderen Lösungen gesucht, um die notwendige Standfestigkeit zu gewährleisten.» Zusätzlich habe man die Wand unter der Ablage mit einem Metall-U-Profil stabilisiert.

Die Freiheit, anders zu denken

Nach Abschluss der zweiten Umbauetappe zeigt sich ein spannendes Bild. Man trifft auf ein eigenwilliges und gleichzeitig auch sehr kreatives Konzept. Der Bruch einiger Konventionen und die mutige Mischung unterschiedlicher Stile hebt sich deutlich von der 08/15-Schiene ab. Für Liechti ein sehr aussergewöhnliches Projekt, sowohl in professioneller als auch in persönlicher Hinsicht. Der Umbau habe ihn fasziniert und ihm auch neue Denkweisen eröffnet, sagt er. Je mehr er sich in die Gestaltung hineingedacht habe, desto spannender habe er sie gefunden. Es gebe selten Projekte, bei welchen man die Freiheit habe, einmal völlig anders zu denken. «Es hat Spass gemacht, Entwürfe zu zeichnen und sich im Austausch mit der Bauherrschaft Schritt für Schritt der passenden Lösung zu nähern.»

Sieht man nun das Resultat der ersten und der zweiten Umbauetappe, kann man gespannt sein auf die dritte und letzte Etappe des Gesamtumbaus.

www.werthmuellerag.ch

Monika Hurni

Veröffentlichung: 04. Juni 2026 / Ausgabe 23/2026

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