Der Altenberg wurde ein Gartenberg

Der gelernte Schreiner Fabio Tanner (39) und seine Frau Irene führen heute seinen elterlichen Betrieb als Biobauernhof mit Milchwirtschaft und Gemüseanbau. Bild: Cornelia Thürlemann

Leute. «Der Schreinerberuf ist die Grundlage für all das, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe», erzählt Fabio Tanner (39), während er am Küchentisch des Bauernhofs Altenberg oberhalb von Wölflinswil AG sitzt.

Es ist Samstagmorgen. Die Kinder Flora (8) und Janosch (11) spielen in der Stube und im Haus. Wohin der Blick fällt, entdeckt man Dinge, die eine Geschichte erzählen. Im Türrahmen hängt eine Trapezstange, ineinander gefaltet, damit man den Kopf nicht anschlägt, gleich daneben steht ein Klavier. Janosch ist ein begeisterter Turner, Flora spielt seit Kurzem Klavier, und sie spielt schon sehr gut. Beim Eingang stehen Pferde aus Holz, «weil Flora gerne ein Pferd hätte, aber wir kein echtes haben», erzählt Irene Tanner, die Frau von Fabio Tanner. Am Vorabend wurde ein Kälbchen geboren. «Schaust du später nach ihm? Es trinkt noch nicht gut», sagt sie, bevor sie kurz wegfährt. Fabio Tanner ist mit seinen Eltern und zwei Brüdern auf dem Altenberg, einem Aussiedlerhof aus den 1970er-Jahren, aufgewachsen.

 

«Es war uns von Anfang an klar, dass wir nicht allein vor uns hinbauern, sondern den Ort mit anderen teilen wollten.»

Nach der Schreinerlehre mit Berufsmatura arbeitete er im Lehrbetrieb weiter. «Mit 22 Jahren suchte ich nach einer Veränderung und machte einen Sprachaufenthalt in Kanada.» Zurück in der Schweiz nahm er eine Stelle als Schreiner beim Zirkus Monti an, dann bei einem Zirkus, der mit Schulen und Kindern arbeitet. Im Zirkus lernte er seine Frau kennen, eine Schneiderin aus dem Bernbiet. «Im Zirkus braucht es Handwerker und Handwerkerinnen», sagt Tanner. Als es um die Weiterführung des elterlichen Hofs ging, sagte das Paar zu. «Es war uns aber von Anfang an klar, dass wir nicht allein vor uns hinbauern, sondern den Ort mit anderen teilen wollten.» Tanner absolvierte die Ausbildung zum Biolandwirt und arbeitete ein Jahr lang im Betrieb des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl) in Frick.

Nach der Hofübernahme – nun ein Biobetrieb mit dem Schwerpunkt Milchwirtschaft – gründeten sie mit einer Gruppe Interessierter die Genossenschaft Gartenberg, ein Projekt für solidarische Landwirtschaft. Die Genossenschaft hat heute 130 Mitglieder aus dem Raum Aarau und dem Fricktal. Ein Gemüseabonnement erhält man nicht allein für Geld. Wer Gemüse vom Gartenberg möchte, verpflichtet sich, mitzuhelfen. Ein Team von drei ausgebildeten Biogemüsegärtner/innen leitet den Anbau. Sie planen das Jahr und koordinieren die Arbeitseinsätze. Fabio und Irene Tanner sind Vorstandsmitglieder wie die anderen, erhalten jedoch auch Aufträge für landwirtschaftliche Arbeiten. Der Boden auf dem Jurahöhenzug ist lehmig, schwer und für den maschinellen Gemüseanbau kaum geeignet. «Gemüse ist hier nur möglich, weil wir hauptsächlich von Hand arbeiten.» Auf einer Fläche von einer Hektare wächst Sommer- und Wintergemüse. Gleich daneben, in einem Folientunnel, gedeihen im Winter und Frühling Salate, Radieschen, Spinat, Mangold und vieles mehr. In einem weiteren kleinen Tunnel wird die Ernte in die Körbe verteilt. Auch hier kommt Tanner das Schreinerhandwerk zugute. «Die Bögen haben wir gebraucht bei Tutti gekauft, den Rest selbst gebaut.» Auf dem Gartenberg können die Mitglieder ihre Ideen, Interessen und Begabungen einbringen. «Ein Genossenschafter, ebenfalls Schreiner von Beruf, hat das Ablagesystem fürs Abpacken des Gemüses gebaut», erzählt Tanner. In den Gemeinschaftsräumen stehen Tafeln, auf denen die Mitarbeitenden Vorschläge aufschreiben. Es hat Gemeinschaftsräume, Tische und Feuerstellen. Alle diese Dinge erzählen ihre Geschichte.


Cornelia Thürlemann

Veröffentlichung: 04. Mai 2026 / Ausgabe 18/2026

Artikel zum Thema

29. Juni 2026

Vom Schreiner zum Designer

Leute. In der kreativen Atmosphäre der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) bewegt sich Jonatan Bischof wie ein Fisch im Wasser. Das war aber nicht von Anfang an so.

mehr
22. Juni 2026

Den ersten Alleinflug vergisst du nie

Leute. Fliegen, ob mit einem Flugzeug oder Helikopter, das war schon als Kind der Traum von Dominik Leubin (40). Aufgewachsen ist er in Herznach im Fricktal, doch in seinem Heimatort Schupfart gibt es einen Flughafen. Das Fliegen faszinierte ihn, auch als Erwachsener.

mehr

weitere Artikel zum Thema:

Leute