Vom Schreiner zum Designer


Der gelernte Schreiner Jonatan Bischof (26) hat an der Zürcher Hochschule der Künste Industriedesign studiert. Bild: Papoula Kolb


Der gelernte Schreiner Jonatan Bischof (26) hat an der Zürcher Hochschule der Künste Industriedesign studiert. Bild: Papoula Kolb
Leute. In der kreativen Atmosphäre der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) bewegt sich Jonatan Bischof wie ein Fisch im Wasser. Das war aber nicht von Anfang an so.
«Ich habe zwar schon früh mit dem Industriedesignstudium geliebäugelt. Es reizte mich, meine skurrilen Ideen mit dem Schreinerhandwerk zu kombinieren. Ich hatte allerdings Respekt vor dem Ganzen», gesteht Bischof. Vom zweiten Lehrjahr an nahm er jährlich an den Informationstagen teil, welche die ZHdK anbot. «Ich kam als Lehrling aus dem tiefsten Thurgau an die Kunsthochschule und es war ein Gefühl, als würde die Welt explodieren», erinnert sich Bischof. «Der Kontrast war riesig!» Sein Glück war, dass er bereits während seiner Schreinerlehre stark gefördert wurde und selbstständig Projekte umsetzen konnte. Für einen Kunden entwarf und schreinerte er im Lehrbetrieb beispielsweise einen Stuhl. Solche Arbeiten dienten ihm für sein Portfolio, das er für die Aufnahmeprüfung an der ZHdK benötigte. Als es mit dem Studienplatz klappte, war Bischofs Freude gross. Er zog nach Zürich. Bereits im ersten Studienjahr entwickelte er ein Produkt, das er heute in verschiedenen Läden verkauft. Es heisst «Draht» und ist ein Kartenhalter, der aus einem 68 Zentimeter langen Draht gebogen wird. «Ich will damit die alte Schweizer Tradition des Drahtbiegens wieder aufleben lassen.»
Wenn Bischof von seinen Projekten erzählt, sprüht er vor Begeisterung. Seine Ideen sind so vielfältig wie die Menschen an der Kunsthochschule. Mit dem Projekt, das er in der Bachelorarbeit mit einem Studienkollegen umgesetzt hatte, erregte er Aufsehen. Sie wurden für den ZHdK-Förderpreis nominiert und gewannen den Swiss Design Association Award 2024. Im Projekt ging es um die Frage: Was passiert mit unseren Daten nach dem Tod? «Die meisten Menschen vererben keine Schallplattensammlungen mehr, sondern ein Konto bei einem Streamingdienst. Mit unserer Arbeit wollten wir Menschen dazu anregen, sich mit ihrem zukünftigen digitalen Erbe zu befassen.» Um das Thema sichtbar zu machen, entwickelten Bischof und sein Kollege sieben digitale Urnen, welche die Daten eines Verstorbenen enthalten und verschiedene Bedürfnisse abdecken. Die Urne «Forever alive» soll beispielsweise Daten speichern, die während tausend Jahren im ewigen Eis eingelagert würden und so für mehrere Generationen zugänglich bleiben. Das Gegenstück dazu ist die Urne «Forever gone», die ebenfalls Daten beinhaltet. Sie ist aus Wachs und soll der verstorbenen Person bei der Kremation mitgegeben und vollständig zerstört werden. «Im Industriedesign geht es mir nicht nur um das Entwickeln eines Produkts, sondern um gesellschaftliche Fragen: Wie lässt sich ein Produkt gestalten, das sowohl ökologischen als auch sozialen Mehrwert schafft? Ein Traum von mir wäre, die Gesellschaft im ökologischen und sozialen Sinn positiv mitzuprägen.» Dies und das Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten haben den 26-Jährigen veranlasst, dem Industriedesignstudium einen Master in Circular Economy anzuschliessen. Auch privat versucht Bischof im Sinn der Kreislaufwirtschaft zu handeln. So kauft er Möbel und Kleider am liebsten secondhand.
Nach einem vollen Tag kommt Bischof beim Kochen zur Ruhe. Seine Gerichte variieren – von japanischen über italienische Speisen bis zu Rezepten, die ihm seine Grossmutter beigebracht hat. Der nachhaltige Aspekt interessiert Bischof auch beim Kochen. Mit Verfahren wie dem Fermentieren macht er Lebensmittel lange haltbar.
Franziska Herren
Veröffentlichung: 29. Juni 2026 / Ausgabe 26/2026
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