Der Eisfischer


Der Schreiner Hermann Ure (55) verbringt im Winter jedes Wochenende auf einem Glarner Bergsee beim Eisfischen. Bild: Franziska Herren


Der Schreiner Hermann Ure (55) verbringt im Winter jedes Wochenende auf einem Glarner Bergsee beim Eisfischen. Bild: Franziska Herren
Leute. Als Hermann Ure an der Seilbahnstation Mettmenalp (GL) ankommt, muss er warten, bis die erste Seilbahn fährt. «Ich nehme es gerne ruhig», sagt Ure. Er geht nach draussen, an die Stelle, wo die Seilbahn abfährt, zieht einen Feldstecher aus dem Rucksack und sucht die Berghänge nach Steinböcken ab.
Der Seilbahnwart stellt sich neben Hermann Ure und hält ebenfalls einen Feldstecher vor seine Augen. «Siehst du etwas?», fragt Ure. Ein paar Minuten später tauchen zwei Männer auf, die mit Rucksäcken und Anglerbedarf ausgerüstet sind. «Ich sehe keine Steinböcke», fügt Ure an und wendet sich den beiden Männern zu. «Hallo Chris, salut Martin», begrüsst er sie. «Wir sind hier wie eine Familie», sagt er. Ure trägt eine Jacke mit der Aufschrift «Schreinerei Seliner» – des Betriebs, in dem er seit 29 Jahren arbeitet. Doch an diesem Freitag geht es nicht ums Schreinern, sondern um das, was Ures freie Tage perfekt macht: das Fischen. Wie die beiden Männer mit der Anglerausrüstung hat auch er vor, auf dem gefrorenen Garichti-Stausee auf 1622 Metern über Meer zu fischen. Auf dem See angekommen, schaufelt Ure Schnee weg, bohrt ein Loch in die rund 30 Zentimeter dicke Eisschicht und entfernt mit einem Sieb Eisstücke. Er befestigt am Haken eine Bienenmade als Köder und lässt die Angel ins Loch gleiten. «Wie lange ich jetzt warten muss, entscheidet der Fisch», meint Ure und lacht. «Was für meine Frau das Stricken und Häkeln bedeutet, ist für mich das Fischen», sagt er weiter, und: «In einer ruhigen Umgebung wie dieser kann ich richtig abschalten. Das Fischen ist der perfekte Ausgleich zur Arbeit.»
Der 55-Jährige ist aber alles andere als ein Eigenbrötler. Er hat mit vielen Menschen Kontakt, ist zugewandt und kommunikativ. Wenn jemand etwas braucht, hilft Ure aus. Von Mitte Januar bis Ende Februar führt er jeden Sonntag Gäste des nahe gelegenen Berghotels Mettmen ins Eisfischen ein. Viele von ihnen sind blutige Anfänger. «Wenn sich an der Angel etwas bewegt, haben sie eine Riesenfreude.» Seit er 18 Jahre alt ist, dreht sich in seiner Freizeit alles ums Fischen. «Sogar meine Frau ist Fisch – im Sternzeichen», sagt er und lacht. Angefangen hat alles mit Kollegen, die ihn an den Walensee zum Angeln mitgenommen hatten. «Ich war der einzige, der Fische gefangen hat. Alle anderen gingen leer aus», erinnert er sich. Über die Jahre hat er sich ein grosses Wissen rund ums Fischen angeeignet, sodass er auch vom Kanton als Experte beigezogen wird. Neben seiner Arbeit in der Schreinerei führt er in einem Pensum von 40 Prozent mit drei anderen Personen in Hätzingen GL eine Fischzucht mit 50 000 Süsswasserfischen – Regenbogenforellen, Saiblingen und Goldforellen. «Wir machen alles selbst.» Für die Befruchtung werden in Handarbeit von den Muttertieren die Eier abgestreift und von den männlichen Fischen das Sperma. Eine zeitaufwendige Arbeit. «Der tiergerechte Umgang ist mir wichtig.»
Mittlerweile wirbeln auf dem Stausee Schneeflocken durch die Luft. Für Ure kein Grund, eine Mütze anzuziehen. Noch ist ihm warm. Dafür geht er ein paar Schritte und bohrt ein weiteres Loch in die Eisschicht. Nach einiger Zeit hat eine Forelle angebissen. Ure freut sich und verschenkt den frischen Fisch. Wenn das Eis auf dem Stausee schmilzt, fängt für Ure die Saison auf dem oberen Zürichsee oder im Oberengadin auf dem St. Moritzersee oder dem Champfèrersee an, wo er auf dem Boot fischt. Am liebsten zu Zeiten, in denen wenig los ist, sodass er die eindrückliche Kulisse ohne Rummel geniessen kann.
Franziska Herren
Veröffentlichung: 23. Februar 2026 / Ausgabe 8/2026
Leute. Fragen stellen. Das gehörte jahrelang zum Beruf von Nadine Bantli. Als Journalistin der Lokalzeitung «Sarganserländer» fragte sie Menschen aus Politik und Wirtschaft, Pflegefachfrauen, Kindergärtner und Bäuerinnen. Heute stellt sie wieder Fragen, aber andere.
mehr
PaidPost. Anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums bietet die Rudolf Geiser AG Einblick hinter die Kulissen und stellt ein paar der 120 Mitarbeitenden vor. Diese Woche ist dies Thomas Dellenbach, Chauffeur der Geiser Camion-Flotte.
mehr