Werkstatt statt Redaktionsbüro

Geht jeden Tag zufrieden nach Hause: Journalistin Nadine Bantli (31) ist im ersten Lehrjahr als Schreinerin. Bild: Franziska Hidber

Leute. Fragen stellen. Das gehörte jahrelang zum Beruf von Nadine Bantli. Als Journalistin der Lokalzeitung «Sarganserländer» fragte sie Menschen aus Politik und Wirtschaft, Pflegefachfrauen, Kindergärtner und Bäuerinnen. Heute stellt sie wieder Fragen, aber andere.

Heute fragt Nadine Bantli ihre Chefs, ihre Kollegen. «Es gibt so vieles, was ich noch nicht weiss», sagt die gebürtige Taminatalerin und legt den Gehörschutz zur Seite. Kein Wunder: Im August 2025 hat Nadine Bantli ihre Komfortzone verlassen und die Lehre als Schreinerin begonnen. «Das hat Mut gekostet», räumt sie ein, an diesem Montag nach Feierabend in ihrem Lehrbetrieb Agosti Meier in Waldkirch bei Gossau. Doch da war der Wunsch in ihr, noch «etwas anderes zu machen», mehr mit den Händen zu arbeiten, statt endlos in den Computer zu schauen. «Ich wollte Journalistin werden, bevor ich das Wort richtig schreiben konnte», erzählt sie und betont, dass es ihr Traumberuf sei, immer noch.

Trotzdem hat sie getauscht: den Computer mit der Hobelbank, das Redaktionsbüro mit der Werkstatt, die Jeans mit der Arbeitshose. Ganz neu ist ihr diese Welt nicht, denn das Schreinern liegt Nadine Bantli im Blut: Schon ihr Grossvater, ihr Vater und ihr Onkel haben den Beruf gelernt. Der Götti ist Zimmermann, die Tante Kunstschreinerin. Sie lacht. «Ich hatte als Jugendliche keinesfalls vor, diese Tradition weiterzuführen, ich bin mehr der Anti-Mainstream-Typ.»

Der Altersunterschied ist gewöhnungsbedürftig

Und nun tut sie es doch. Ist von der versierten Berufsfrau zur Anfängerin geworden. Lebt mit einem Lehrlingslohn und drückt mit Jugendlichen, die halb so alt sind wie sie, einen halben Tag pro Woche die Schulbank. Mit Matura und Studium in der Tasche braucht sie nur die berufskundlichen Fächer zu besuchen. Sie schätzt daran, dass sie das Gelernte im Lehrbetrieb sofort umsetzen kann. Gewöhnungsbedürftig sei der Altersunterschied in der Klasse – für beide Seiten: «Ich bin zu alt, um zu ihnen zu gehören – aber zu jung, um mütterlich zu wirken», bringt sie es auf den Punkt und schmunzelt.

Noch keinen Tag als ‹Stiftin› gefühlt

Für ihren Lernbetrieb findet sie nur warme Worte: «Ich habe mich hier noch keinen einzigen Tag als ‹Stiftin› gefühlt.» Man übertrage ihr viel Verantwortung, obwohl sie sich noch oft unsicher fühle. Von Anfang an durfte sie mit auf Montage, was ihr als Abwechslung zur Werkstatt gut gefällt. «Zuerst kenne ich nur die Küche, die wir hergestellt haben, dann treffe ich auf die Menschen, die sie in Auftrag gegeben haben – das ist spannend.»

Bereut habe sie den Wechsel bisher nicht. «Jeden Abend gehe ich müde und zufrieden nach Hause.» Und falls sie doch einmal von Unzufriedenheit begleitet werde, dann deshalb, «weil ich gerne schon weiter wäre». Heute schon freut sie sich auf den Tag, an dem sie das Lackieren so exakt beherrscht wie ihre Kollegen. Ihre grösste Herausforderung im Moment ist die aus traditionellen Verbindungen gefertigte Rückwand für ein kleines Möbel – die Hausaufgabe für den nächsten überbetrieblichen Kurs. «Mutig machen, statt zu überlegen», haben ihre Chefs geraten. Es ist genau das, was Nadine Bantli anderen rät, die mit einem Berufswechsel Richtung Schreinerhandwerk liebäugeln. Und es ist das, was sie selbst gemacht hat.

Furnierordner vom Vater

Neulich überreichte ihr der Vater feierlich seinen Furnierordner. Einst hatte er ihn seiner Schwester geschenkt. Jetzt ist das Familienerbe in den Händen der nächsten Generation. Für die angehende Schreinerin bedeutet er Ansporn und Verpflichtung zugleich. Zurück auf die Redaktion kann sie ohnehin nicht mehr: «Mein Team drohte mir, dass ich sonst mein Abschiedsgeschenk wieder abgeben muss.»


Franziska Hidber

Veröffentlichung: 20. April 2026 / Ausgabe 16/2026

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