- Schreinerzeitung: Wo sehen Sie Möglichkeiten, gebrauchte Türen aus Umbauten wiederzuverwenden?
- Niklaus Schöpfer: Beim aktuellen Stand der Rahmenbedingungen ist eine Wiederverwendung von Türen ausschliesslich im Bereich der Zimmertüren möglich. Das heisst, man demontiert die Tür und kann sie an einem anderen Ort wieder montieren. Sobald Anforderungen an das Türblatt gestellt werden, etwa im Bereich Brand- und Rauchschutz oder Schallschutz, geht eine Wiederverwendung nicht mehr.
- Warum ist das so?
- Hier geht es um Leib und Leben. Anpassungsarbeiten an solchen Türen sind nicht ohne Weiteres zulässig. Der Verband Schweizeri-sche Türenbranche (VST) hatte das Thema «Wiederverwendung von Türen» noch unter meinem Vorgänger vor etwa vier Jahren mit einer gewissen Euphorie aufgenommen. Damals wogte eine «grüne Welle» durch Europa. Es gab zu Beginn durchaus positive Signale in diese Richtung, also in Richtung Kreislaufwirtschaft. Die Idee des VST war es schon länger, zum Thema ein Merkblatt zu verfassen. Die 2025 gegründete technische Kommission verfolgte das Vorhaben weiter und ist immer noch daran. Doch sobald es um den Brandschutz geht, wird die Sache problematisch. Auch die Vereinigung der Kantonalen Feuerversicherungen (VKF) zeigte sich sehr kritisch und sagte letztlich Stopp. Die zentrale, schwer zu beantwortende Frage ist und war: Wer übernimmt die neue Verantwortung für das Bauteil? Und seit dem Fall Crans-Montana ist das Thema eigentlich komplett vom Tisch.
- Sie sagen, «eigentlich komplett». Also gibt es dennoch Bereiche, wo es noch möglich wäre?
- Bei den Zimmertüren ist eine Wiederverwendung wie gesagt noch möglich. Aber wenn ich ehrlich bin: Sobald ich anfange, Türen zu demontieren, sie in die Werkstatt transportiere, dort auffrische, neu lackiere und dann wieder montiere, dann fahre ich, gerade im Schweizer Lohngefüge, doch günstiger, wenn ich stattdessen einfach ein neues Türblatt nehme. Diese grüne Welle von vor wenigen Jahren, als es noch Anfragen zu Wiederverwendung gab, ist schon wieder verebbt.
- Also ist das Thema Wiederverwendung weg vom Tisch?
- Für den Moment ja. Ich habe mich stark mit der Kreislaufwirtschaft beschäftigt und auch verschiedene Anlässe dazu besucht. Aber wenn ich tatsächliche Projekte suche, finde ich fast keine. Es gibt da schon Beispiele, bei denen Türen aus einem Bauteilelager wieder eingebaut wurden. Aber das sind immer nur Einzelfälle – und unter dem Strich eine teurere Lösung, als wenn man eine neue Tür verwendet hätte. Und wenn eine Zimmertür im Alter von 30 oder gar 40 Jahren ausgebaut wird, ist das Blatt nicht mehr im besten Zustand, das ist halt einfach so. Und etwas Minderwertiges allein unter dem Titel «Öko» erneut einzubauen, ist eher fragwürdig. Auch wenn man etwa die Transportwege berücksichtigt, die dafür notwendig sind. So ist die Wiederverwendung von Türen, Stand heute, kein Thema, das der VST noch gross vorantreibt.
- Und das wird in nächster Zeit auch so bleiben?
- Auf europäischer Ebene wird ja an einer entsprechenden Gesetzgebung gearbeitet, der sogenannten Bauprodukteverordnung. Da gibt es allerdings auch noch viele Unsicherheiten, wie die Sache letztlich herauskommen wird. Auch darum ist unsere Idee mit dem Merkblatt aktuell auf Eis gelegt. Sollten die neuen europäischen Normen tatsächlich irgendwann kommen, greift der VST das Thema sicher wieder auf. Dennoch wird es bis Ende Jahr vom VST ein Faktenblatt geben, damit Unternehmer, die Türen wiederverwenden wollen, eine Hilfestellung haben, worauf sie beim ganzen Prozess achten sollen. Aber ich betone hier nochmals: Im Brandschutzbereich wird eine Wiederverwendung nicht möglich sein.
- Wo bleibt denn der Ansatz einer Kreislaufwirtschaft, um Ressourcen zu schonen?
- Einzelne, noch schöne Türen kann ein Schreiner immer ausbauen und an einem anderen Ort wieder einbauen, solange es nicht um Brandschutz geht, das schon. Viel anderes ist gerade vor dem Hintergrund der laufenden europäischen Normierung noch nicht sinnvoll. Und hier gibt es verschiedene Ansätze, vieles wird auch zeitlich hinausgeschoben. Die Rede ist von einem Produktepass, der irgendeinmal kommen soll. Es geht darin auch um Anforderungen punkto Nachhaltigkeit in der Produktion von Türblättern. Die Anforderungen nehmen hier immer weiter zu – und diese Anforderungen auf ein schon bestehendes Türblatt für eine Wiederverwendung zu adaptieren, stelle ich mir als recht hohe Hürde vor.
- Wie sieht es damit aus, gebrauchte Türblätter wenigstens zu rezyklieren?
- Wenn wir Türen entsorgen müssen, und ich rede hier als Norma-Chef, dann schauen wir schon, dass das Holz in einer Spanplatte zurück in den Kreislauf kommt und nicht bloss verbrannt wird. Aber hier gibt es einerseits auch offene normative Fragen und andererseits ist bei der Verarbeitung noch einiges offen. Diese offenen Punkte kann aktuell noch niemand beantworten.
- Vergleichbare Fragen stellt sich auch die Fensterbranche ...
- Richtig. Wir waren dazu zeitweise in einem engen Austausch mit dem Fensterverband. Hier können gebrauchte Mehrfachverglasungen nicht einfach wiederverwendet werden, da es ja meist um energetische Sanierungen geht. Also ist man auch bei den Fenstern letzlich beim Recycling der Altmaterialien gelandet.
- Wie beurteilt der Markt, also die Kundschaft, die Themen Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft?
- Bei Türen ist es zusehends schwieriger, Standardformate zu fahren punkto Breite und Höhe, auch im Objektbereich. Die Kundschaft hat sich jahrelang mit der Gestaltung von Küchen und Badezimmern beschäftigt. Das scheint ausgeschöpft, also hat man die Tür als gestalterisches Element entdeckt. Man kommt weg vom weiss lackierten Türblatt, 80 auf 200 Zentimeter. Das zeigt sich etwa im Grossraum Zürich, wo die Immobilienpreise entsprechend hoch sind. Hier sind raumhohe Türen gefragt mit Spezialausführungen wie beispielsweise auf einer Seite lackiert und auf der anderen Seite furniert – also sehr individuelle, hochwertige Produkte. Das macht es aber im Hinblick auf mögliche Kreislaufwirtschaft überhaupt nicht besser – im Gegenteil: Der Markt entwickelt sich in keiner Art und Weise so, dass es in Zukunft einfacher sein könnte, Türen zu rezyklieren oder gar wiederzuverwenden. Aussentüren sind ja gut normiert und da gibt es entsprechende Leistungserklärungen. Wenn eine Aussentür ersetzt wird, geht es meist auch um eine energetische Verbesserung für das Gebäude. Hier wäre es ja völlig widersinnig, die alte Tür nach einer Sanierung nochmals irgendwo einzubauen.
- Wohin wird sich die Sache entwickeln?
- Wie bei den Fenstern wird es wohl auch bei Aussentüren auf Recycling und nicht auf Wiederverwendung herauslaufen, alles andere wäre auch ökologisch nicht sinnvoll. Was sonst noch kommen könnte, ist angesichts der europäischen Diskussionen für uns ein Blick in die Glaskugel. Der VST bringt sich ein, wo er kann. Und der Markt beurteilt das Thema Wiederverwendung bei Türen nicht wirklich als wichtig, jedenfalls nicht im grösseren Stil.
- Dabei ginge es doch darum, Ressourcen zu schonen und letztlich zur Reduktion des CO2-Ausstosses beizutragen?
- Das auf jeden Fall. Hier sehe ich tatsächlich Potenzial bei der Wiederverwendung der Holzwerkstoffe, die in Türen verbaut sind. Holz landet bei uns nicht einfach in der KVA. Türen werden heute meist schon so produziert, dass die verbauten Werkstoffe rezykliert werden können. Ich möchte an dieser Stelle aber noch etwas anderes ansprechen: Auch Kunden könnten zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Es kommt vor, dass eingebaute Türen während der Bauzeit beschädigt werden. Es gibt auf der einen Seite vernünftige Kunden, die mit einer Ausbesserung zufrieden sind. Ihnen steht auf der anderen Seite eine wachsende Zahl an Kunden gegenüber, die schon bei minimalsten Beschädigungen darauf beharren, dass die ganze Tür komplett neu produziert werden muss. Die alte Tür muss dann weggeworfen werden. Die Toleranz ist in diesem Bereich deutlich kleiner geworden.
- Wie denken Sie darüber?
- Diesen Wunsch nach Perfektion kann ich angesichts der sehr hohen Preise für Wohnungen zwar schon verstehen, allerdings beobachte ich auch einen unökologischen Verhältnisblödsinn. Denn eine ganze Tür frisch zu produzieren, wegen einer Beschädigung, die schon bald nicht mehr störend auffällt, schont keinesfalls die Ressourcen.
Zur Person
Als Jurist in der Türenbranche
Seit 2009 ist Niklaus Schöpfer (41) Eigentümer des Türenherstellers Norma Reiden AG und seit 2011 dessen Geschäftsführer. Das Unternehmen in Reiden LU stellt mit 60 Mitarbeitenden jährlich 4000 Holzrahmen und Blockfutter her und projektiert und montiert pro Jahr 20 000 Elemente. Norma ist im Business-to-Business-Geschäft und in erster Linie mit Architekturbüros und Generalunternehmungen als Partner tätig. Der Jurist mit Masterabschluss übernahm Firma und Geschäftsleitung von seinem Vater. 2023 feierte das Unternehmen seinen 75. Geburtstag. Der Verband Schweizerische Türenbranche (VST) wählte Niklaus Schöpfer im Frühling 2025 zum neuen Präsidenten. Er löste Rolf Honegger nach sechs Jahren im Präsidium ab.
www.norma.chwww.vst.ch
Stefan Hilzinger, hil
Veröffentlichung: 20. August 2026 / Ausgabe 34/2026