Die Spanplatte gehört zur Schreinerbranche wie kaum ein anderer Plattenwerkstoff. Doch was zeichnet eine hochwertige Spanplatte überhaupt aus, wie garantieren die Hersteller eine gleichbleibend hohe Qualität, und welchen Einfluss haben Recyclingholz, Beschichtung und Lagerung?
Im Gespräch mit Mauro Capozzo, Mitglied des Board of Directors von Swiss Krono, und Dominic Wüthrich, Leiter Qualitätsmanagement, geht die Schreinerzeitung diesen und weiteren Fragen auf den Grund. Die beiden Fachleute erklären, weshalb eine konstante Qualität bereits beim Rohstoff beginnt, welche Kontrollen während der Produktion stattfinden und worauf Schreiner bei Verarbeitung und Wareneingang achten sollten.
- Schreinerzeitung: Zum Einstieg direkt auf das Wesentliche: Was macht eine qualitativ hochwertige Spanplatte aus?
- Dominic Wüthrich: Entscheidend sind ein homogener Aufbau, eine gleichmässige Rohdichteverteilung und eine hohe Masshaltigkeit. Für den Schreiner zeigt sich die Qualität vor allem bei der Verarbeitung. Die Platte soll beim Zuschnitt nicht ausreissen, Beschläge müssen zuverlässig halten, und das Material sollte auch bei klimatischen Veränderungen möglichst stabil bleiben. Ebenso wichtig ist die Konstanz, also gleichbleibende Qualität. Der Schreiner muss sich darauf verlassen können, bei jeder Lieferung dieselbe Qualität zu erhalten.
- Verarbeiter berichten dennoch von Qualitätsunterschieden. Wie gross sind diese tatsächlich?
- Dominic Wüthrich: Unterschiede sind vorhanden, allerdings hängt das Verarbeitungsergebnis nicht allein von der Platte ab. Auch das eingesetzte Werkzeug, dessen Zustand, die Bohrung oder die verwendete Schraube spielen eine Rolle. Gleichzeitig hat sich der Aufbau der Platten verändert, weil heute praktisch alle Holzwerkstoffhersteller Recyclingmaterial einsetzen. Je nach Hersteller und Produkt liegt dessen Anteil unterschiedlich hoch. Dadurch verändert sich das Innenleben der Platte, während die Aufbereitung des Materials immer wichtiger wird.
- Mauro Capozzo: Auf Recycling können und wollen wir nicht verzichten. Der Kreislaufgedanke ist für die Spanplatte ein zentraler Vorteil. Entscheidend ist deshalb, das Recyclingholz sehr sorgfältig aufzubereiten, damit ein hochwertiger Rohstoff für die Produktion entsteht.
- Sind Spanplatten in den vergangenen zehn bis 20 Jahren grundsätzlich besser geworden?
- Mauro Capozzo: Aus meiner Sicht haben sie sich positiv entwickelt. Die Leimsysteme sind heute andere, die Produktion wird genauer überwacht, und die Anforderungen sind gestiegen. Gleichzeitig ist der Markt internationaler und umkämpfter geworden. Auch das zwingt die europäischen Hersteller dazu, stabilere Produkte zu entwickeln und neue Lösungen anzubieten. Für einen Produktionsstandort in der Schweiz ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung besonders wichtig.
- Dominic Wüthrich: Einen grossen Einfluss haben zudem die strengeren normativen Vorgaben, beispielsweise bei Formaldehyd. Diese Vorgaben verändern nicht unbedingt das sicht- oder fühlbare Endprodukt, wohl aber die Rezepturen, die eingesetzten Leime und die Produktionsprozesse.
- Welche Rolle spielen diese nachhaltigeren Leimsysteme?
- Mauro Capozzo: Wir beschäftigen uns unter anderem mit biobasierten Leimen. Solche Lösungen sind allerdings noch mit höheren Kosten verbunden. In der Praxis zeigt sich, dass die Nachfrage stark vom Preis abhängt. Trotzdem wird sich die Entwicklung fortsetzen. Die Platte muss bezüglich Gesundheit und Ressourceneinsatz weiter verbessert werden. Gleichzeitig müssen wir uns mit der langfristigen Verfügbarkeit des Rohstoffs Holz auseinandersetzen.
- Ein weiteres häufig genanntes Problem sind Fremdkörper oder harte Bestandteile im Plattenkern, die sich auf die Verarbeitung auswirken. Was können Sie hierzu sagen?
- Dominic Wüthrich: Hier muss man zwischen Fremdkörpern im Naturholz und solchen im Recyclingholz unterscheiden. Naturholz kann beispielsweise Steine und Sand enthalten. Beim Recyclingholz müssen unter anderem Kunststoffe, Metalle, Glas und mineralische Bestandteile ausgeschieden werden. Eine vollständige Sicherheit gibt es bei einem Naturprodukt technisch nicht. Man muss aber ganz klar sagen, dass fremdkörperbezogene Reklamationen bei uns sehr selten vorkommen.
- Mauro Capozzo: Mit unserer neuen Recyclinganlage können wir das Material sehr differenziert aufbereiten. Diese Investition hilft uns, unerwünschte Bestandteile möglichst früh im Produktionsprozess auszuscheiden und gleichzeitig mehr Recyclingholz für hochwertige Platten einzusetzen.
- Wie wird die Homogenität bei so vielen unterschiedlichen Ausgangsprodukten während der Produktion kontrolliert und sichergestellt?
- Dominic Wüthrich: Die erste Qualitätsbasis ist der Rohstoff. Nach der Zerkleinerung benötigen wir genau definierte Spanfraktionen. Zu grosse Bestandteile werden weiter zerkleinert, ungeeignete Bestandteile ausgeschieden. Die Späne, also eine Fraktion, werden täglich entnommen, kontrolliert und die Resultate in einer Datenbank dokumentiert. Dabei berücksichtigen wir auch jahreszeitliche Unterschiede und passen beispielsweise die Siebung entsprechend an. Während der laufenden Produktion überwachen computergesteuerte Anlagen unter anderem Dicke, Feuchtigkeit und mögliche Fremdkörper. Hinzu kommen Prüfungen im internen Labor. Dafür werden Probekörper aus der Produktion entnommen und mechanisch sowie physikalisch untersucht. So lässt sich nachvollziehen, ob die Platte die geforderten Werte erreicht und eine Produktionscharge innerhalb der Vorgaben liegt.
- Welche dieser Platteneigenschaften sind für die schlussendliche Bearbeitung besonders wichtig?
- Dominic Wüthrich: Eine konstante Spanfraktion und eine gleichmässige Rohdichteverteilung schaffen die Grundlage für eine saubere Bearbeitung. Für Beschläge und Schrauben ist insbesondere eine ausreichende Querzugfestigkeit wichtig. Sie trägt dazu bei, dass Befestigungen auch bei einer höheren Belastung zuverlässig halten. Beim Zuschnitt erkennt der Schreiner die Qualität häufig daran, ob die Platte beziehungsweise die Beschichtung sauber geschnitten werden kann oder ausreisst. Allerdings muss auch das Umfeld stimmen. Selbst eine hochwertige Platte kann mit einem stumpfen oder ungeeigneten Werkzeug kein optimales Resultat liefern. Maschine, Werkzeug, Vorschub und Bearbeitungsstrategie müssen auf das Material abgestimmt sein.
- Wie wirken sich diese Qualitätsunterschiede in der Deckschicht der Spanplatten aus?
- Dominic Wüthrich: Eine homogene Deckschicht sorgt für eine ruhige Oberfläche. Auch die Schleifqualität spielt eine Rolle. Bei beschichteten Platten kommen das Melaminpapier oder das HPL hinzu. Hier achten wir beispielsweise auf Flecken, Unregelmässigkeiten und Papierfehler. Solche Abweichungen müssen auf jeder Platte erkannt werden, was bei hohen Produktionsgeschwindigkeiten anspruchsvoll ist.
- Mauro Capozzo: Wir entwickeln die kameragestützte Kontrolle weiter. Künftig sollen auch Systeme mit künstlicher Intelligenz die Mitarbeitenden bei der Oberflächenprüfung unterstützen und bei erkannten Abweichungen Alarm auslösen. Die Technologie befindet sich bei uns noch in der Erarbeitung und ist noch nicht vollständig auf einer Anlage ausgerollt.
- Das ist gleich die nächste Frage. Wie lässt sich über solch grosse Produktionsmengen hinweg eine gleichbleibende Qualität sicherstellen?
- Mauro Capozzo: Die Grundlage bilden standardisierte Prozesse. Das betrifft sowohl die Produktionsabläufe als auch die Rezeptur der Platte und der Beschichtung. Nur mit klar definierten Standards kann wiederholt dasselbe Ergebnis erzielt werden.
- Dominic Wüthrich: Ebenso wichtig sind erfahrene und sorgfältig arbeitende Mitarbeitende. Bei uns verfügen viele Personen über jahrzehntelange Erfahrung. Dieses Wissen wird durch automatisierte Messungen, Laborprüfungen, externe Überwachung und zunehmend auch durch kameragestützte Kontrollsysteme ergänzt. Es ist das Zusammenspiel dieser Faktoren, das eine konstante Qualität ermöglicht.
- Was kann in der Schreinerei bereits beim Wareneingang einer Spanplatte geprüft werden?
- Dominic Wüthrich: Zunächst sollte die Lieferung auf Transportschäden geprüft werden. Danach folgen die Oberfläche, die gelieferte Menge und die Abmessungen. Die Dicke sollte nach einer ausreichenden Akklimatisierung gemessen werden. Ebenfalls wichtig ist die Ebenheit: Ist die Platte gerade, oder weist sie eine Krümmung auf? Auch diese Beurteilung sollte erst erfolgen, nachdem sich das Material an das Klima im Betrieb anpassen konnte.
- Welchen Einfluss haben Transport und Lagerung auf die Qualität?
- Dominic Wüthrich: Einen sehr grossen. Wird eine Platte über längere Zeit schräg oder auf einer unebenen Unterlage gelagert, kann sie sich verformen. Dasselbe gilt, wenn sie Feuchtigkeit ausgesetzt wird oder nicht akklimatisiert wurde. Holz nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab. Bei ungleichmässigen Bedingungen können deshalb Krümmungen oder Abweichungen bei der Dicke entstehen.
- Mauro Capozzo: Der Verarbeiter kann wesentlich dazu beitragen, dass die Qualität erhalten bleibt, mit der die Platte unser Werk verlassen hat. Dazu gehören eine trockene, ebene Lagerung, ein sorgfältiger Transport und genügend Zeit für die Akklimatisierung.
- Worauf sollte man bei der Auswahl einer Spanplatte als Verarbeiter besonders achten?
- Mauro Capozzo: Entscheidend ist, das richtige Produkt am richtigen Ort einzusetzen. Eine Platte für den Möbelbau stellt andere Anforderungen an die Verarbeitung als beispielsweise eine CDF-Platte. Ebenso muss unterschieden werden, ob eine Platte im trockenen Innenbereich, in einer feuchtebeanspruchten Umgebung oder für eine tragende Anwendung eingesetzt wird. Die entsprechenden Normen und Verarbeitungshinweise sind deshalb unbedingt zu beachten.
- Welche drei Qualitätsmerkmale sind für den Schreiner am wichtigsten?
- Dominic Wüthrich: Erstens die Homogenität, damit sich die Platte konstant verarbeiten lässt. Zweitens die Qualität der Oberfläche und der Beschichtung, denn sie ist für den Schreiner und später für den Endkunden sichtbar. Drittens die mechanischen Eigenschaften, insbesondere im Hinblick auf Beschläge und Befestigungen. Werte wie Biegefestigkeit oder Quellverhalten kann der Schreiner beim Wareneingang kaum selbst überprüfen. Hier muss sich der Verarbeiter auf den Hersteller, die deklarierten Eigenschaften und die externe Überwachung verlassen können.
- Mauro Capozzo: Wichtig ist zudem, die Produkte immer im richtigen Anwendungsbereich einzusetzen und Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen. Unterschiede zeigen sich nicht nur bei den technischen Eigenschaften einer Platte, sondern auch bei der Qualität der verwendeten Rohstoffe, Oberflächen oder Dekorpapiere. Wer ausschliesslich auf den Preis schaut, übersieht oft diese Faktoren. Letztlich profitieren Schreiner von Produkten, die konstant gefertigt werden und deren Eigenschaften langfristig zuverlässig bleiben.
- Kommen wir zur letzten Frage: Wo sehen Sie das grösste Potenzial für Qualitätsverbesserungen und Weiterentwicklungen bei Holzwerkstoffplatten?
- Mauro Capozzo: Ein wichtiger Hebel liegt bereits beim Rohstoff. Je konstanter die eingesetzten Holzsortimente sind, desto stabiler lassen sich auch die Produkteigenschaften steuern. Gleichzeitig werden Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Unser Ziel ist es deshalb, Holzwerkstoffe möglichst lange im Materialkreislauf zu halten und den Recyclinganteil kontinuierlich zu erhöhen.
- Dominic Wüthrich: Gleichzeitig steigen die Anforderungen aus Markt, Normung und Regulierung laufend. Themen wie tiefere Emissionen, eine höhere Wiederverwertbarkeit und neue Anwendungsbereiche werden uns in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen. Dieser Anspruch, Produkte stetig weiterzuentwickeln und noch nachhaltiger zu machen, treibt die gesamte Branche an.
www.swisskrono.com
Recyclingmaterial
Die neue Recyclinganlage ermöglicht es, angeliefertes Holz noch präziser aufzubereiten und Störstoffe wie Metalle, Kunststoffe, Glas oder mineralische Bestandteile effizient auszuscheiden.
Neue Recyclinganlage stärkt Kreislaufwirtschaft
Durch die Anlage kann ein grösserer Anteil hochwertigen Recyclingholzes als Rohstoff eingesetzt werden, ohne die hohen Qualitätsanforderungen an moderne Holzwerkstoffe zu beeinträchtigen. Für die Branche ist dies von besonderer Bedeutung. Spanplatten zählen bereits heute zu den wichtigsten Beispielen funktionierender Kreislaufwirtschaft, da Holz mehrfach genutzt werden kann, bevor es energetisch verwertet wird.
Wie Mauro Capozzo im Interview betont, bildet die neue Anlage eine wichtige Grundlage, um den steigenden Bedarf an Recyclingholz langfristig abzudecken und gleichzeitig die Produktqualität auf hohem Niveau zu halten. Auch aus Sicht des Qualitätsmanagements spielt die Aufbereitung des Rohmaterials eine zentrale Rolle. Je sauberer und homogener das Eingangsmaterial, desto zuverlässiger lassen sich konstante Platteneigenschaften erzielen. Die neue Recyclinganlage ermöglicht es, Nachhaltigkeit und Qualität noch stärker miteinander zu verbinden und den Rohstoff Holz möglichst lange im Kreislauf zu halten.
Noah Gautschi, NJG