Ein Bähnli voller Erinnerungen


Das «Jojo-Bähnli» kam in einem schlechten Zustand in die Schreinerei. Bild: Lena Huber


Das «Jojo-Bähnli» kam in einem schlechten Zustand in die Schreinerei. Bild: Lena Huber
Die 16-jährige Schreinerlernende Lena Huber aus Zufikon erneuerte das verwitterte «Jojo-Bähnli» selbstständig. Dabei lernte sie nicht nur präzises Handwerk, sondern auch Verantwortung und kreative Problemlösung.
Eines Morgens stand er in der Werkstatt der Hüsser Innenausbau AG in Bremgarten AG: der «Jojo-Bähnli» oder auch «Mini-Mutschälle-Zähni» genannte Spielzug. Bis zu diesem Zeitpunkt stand der knapp fünf Meter lange Wagen lange Zeit auf dem Spielplatz des Restaurants Jojo, das Teil der Josefstiftung in Bremgarten ist. Wind, Wetter und unzählige spielende Kinder hinterliessen deutliche Spuren am Mini-Zug, weshalb die Schreinerei ihn im Rahmen eines Sponsorings überarbeitete. «Ich war an dem Tag auf der Baustelle und sah das Bähnli deshalb erst am Abend, als ich in die Werkstatt zurückkam. Das kannte ich doch, da hatte ich als Kind früher selbst drin gespielt», sagt Lena Huber mit Freude. Die 16-Jährige aus Zufikon AG begann ihre Ausbildung zur Schreinerin vergangenen Sommer. Es sei eine Lehrlingsarbeit und werde ganz neu gemacht, hiess es von ihrem Vorgesetzten. «Noch wusste ich aber nicht, dass ich das machen durfte.» Am Tag darauf folgte dann die Überraschung: «Als ich am Morgen auf den Einsatzplan schaute, konnte ich meinen Augen kaum trauen, denn da stand mein Name beim Auftrag.» Und den durfte sie selbstständig erledigen. Zuerst dachte sie noch, dass sie das Bähnli zusammen mit ihrem Mitstift umbaut, was jedoch nicht der Fall war. «Es war schon speziell, dass man mir das allein anvertraut hat.»
Das Bähnli war sichtlich in einem schlechten Zustand. «Viele Holzteile waren verfault, die Plexiglasscheiben zerkratzt oder gebrochen, Schrauben waren rostig und die Konstruktion instabil. «Die Elemente unter dem Dach waren besonders schwer, weil sich dort das Sperrholz über die Jahre mit Wasser vollgesogen hatte.» Das Dach und die Unterkonstruktion, bestehend aus einem Metallgestell und einem dicken Sperrholzboden, wurden als Einziges wiederverwendet.
«Am ersten Tag habe ich damit begonnen, alles auszumessen und zu beschriften.» Dann erstellte Lena detaillierte Handskizzen von allen Teilen mit den Massen und nötigen Bearbeitungen. «Den alten Wagen zerlegte ich anschliessend Schritt für Schritt. Dabei musste ich vorsichtig vorgehen, um brauchbare Masse und Winkel übernehmen zu können.» Viele Teile waren jedoch bereits so beschädigt, dass sie kaum noch stabil waren. «Teilweise sind beim Demontieren einzelne Teile auseinandergebrochen.»
Anschliessend begann der eigentliche Neubau. Als neues Baumaterial wurde Purenit verwendet, das ist unverrottbar und eignet sich daher gut für den Aussenbereich. Das Material sei zwar relativ stabil, aber teilweise schwierig zu bearbeiten gewesen. «Ich musste sehr aufpassen, dass die grossen Plattenstücke während der Arbeit nicht brechen.» Die Platten schnitt Huber an der vertikalen Plattensäge zu. «Da ich nicht so viel Material zur Verfügung hatte, erstellte ich zuerst einen genauen Zuschnittplan». Besonders heikel waren die Plexiglasscheiben für die Fenster. Diese mussten exakt zugeschnitten werden, ohne Kratzer oder Spannungsrisse zu verursachen. «Plexiglas ist mega empfindlich.» Deshalb liess sie die Schutzfolie möglichst lange auf den Scheiben. «Beim Bearbeiten luden sich die Scheiben statisch auf, und die Kunststoffspäne blieben überall kleben».
Besonders anspruchsvoll waren die vielen Gehrungen und schrägen Winkel. «Mit Gehrungen bin ich jetzt definitiv vertrauter», sagt die Handwerkerin. Die Winkel mussten exakt stimmen, damit später auch alles sauber zusammenpasste und es keine Verschiebungen oder Massdifferenzen gab. Manchmal stimmte der Winkel nicht, was bedeutete, die Kante zu besäumen, einen Streifen anzuleimen, um dann den Winkel an der Tischkreissäge nochmals nachschneiden zu können. Die Stösse der Elemente lamellierte und leimte Huber mit Lamellos. An der unteren Kante verschraubte sie die Stücke mit rostfreien Schrauben von aussen in den Boden und verspachtelte sie dann.
«Die Fensterausschnitte zeichnete ich an, bohrte dann jeweils ein Loch in jeder Ecke und schnitt mit der Stichsäge das Material grob aus. Zum Schluss konnte ich mit der Handoberfräse, einem Fräser mit Anlaufring und einer fixierten Anschlagleiste die Kanten sauber nachfräsen». Dabei lernte sie nicht nur, präziser zu arbeiten, sondern auch, Arbeitsabläufe effizienter zu planen. «Anfangs fräste ich die Seitenteile noch einzeln aus. Erst später kam mir in den Sinn, die identischen Teile zum Ausfräsen aufeinanderzuspannen».
Während der Arbeit musste Huber immer wieder improvisieren und Lösungen finden. Für gewisse Arbeitsschritte, wie beispielsweise die Türen, baute sie eine Frässchablone oder fertigte Hilfswinkel an, damit grosse Teile beim Verschrauben stabil blieben. «Ich habe vieles einfach ausprobiert.» Herausfordernd waren auch die grossen Seitenteile des Konstruktes. Die langen Elemente musste sie exakt ausrichten, obwohl sie allein arbeitete. «Ich weiss bis heute nicht recht, wie ich das geschafft habe.»
Trotz aller Schwierigkeiten machte ihr das Projekt grossen Spass. Gerade weil sie fast alles selbstständig erledigen durfte. «Ich habe eigentlich alles selber gemacht.» Nur bei schweren Teilen oder beim Aufsetzen des Dachs erhielt sie Unterstützung. Stück für Stück entstand das neue Spielbähnlein: Seitenwände, Türrahmen, Fenster, Verstärkungen und Dachkonstruktion wurden ersetzt oder überarbeitet. Sogar die Tür mit Magnetverschluss fertigte sie neu an. «Es kamen ständig neue Probleme dazu», erzählt sie lachend. Bei der Montage des mit Metall verkleideten Daches musste die Lernende improvisieren. Mit Hilfe von Spanngurten brachte sie die Konstruktion in die richtige Position, bevor sie diese verschraubte. Unebenheiten glich sie, wo nötig, mit Schiftholz aus.
Um später bei der Lerndokumentation nichts zu vergessen, sprach die Schreinerin jeden Abend Sprachnachrichten für sich selbst ein. Darin hielt sie fest, was sie tagsüber gemacht hatte. «Sonst weiss man nach ein paar Wochen gar nicht mehr alles.» Manche dieser Aufnahmen seien bis zu 15 Minuten lang geworden. «Besonders wichtig war mir dabei, auch Fehler und Lösungen festzuhalten, denn genau daraus lernte ich am meisten.»
Rückblickend sieht Lena Huber das Projekt als grossen Entwicklungsschritt. Sie befasste sich nicht nur mit neuen Materialien und Maschinen, sondern eignete sich auch selbstständiges Planen, präzises Arbeiten und Problemlösen an. «Ich habe mega viel Neues gelernt.» Gleichzeitig bestätigte ihr das Projekt, dass sie im richtigen Beruf angekommen ist. Gerade die Kombination aus Kreativität und handwerklicher Präzision gefällt ihr besonders gut. «Holz ist einfach ein mega cooles Material.»
Rund dreieinhalb Wochen war Huber mit dem Projekt beschäftigt. Inzwischen ist das Jojo-Bähnli fertiggestellt und beim Maler, der es nun vollends verspachtelt und neu streicht. In ein paar Wochen soll es dann in neuem Glanz offiziell wieder auf dem Spielplatz stehen. Für Lena ist das ein besonderer Moment: «Ich wurde sogar zur Eröffnung eingeladen, darauf freue ich mich sehr.» Schliesslich verbindet sie persönliche Erinnerungen mit diesem Ort. Wo Lena Huber früher selbst gerne spielte, steht also dank ihrem Handwerk schon bald wieder ein neues Spielgerät, das vielen Kindern genauso unvergessliche Momente bescheren wird.
Veröffentlichung: 04. Juni 2026 / Ausgabe 23/2026
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