Mit Teamgeist, Fleiss und Mut werden sie zu Profis




Wer bei Schreiner48 eine Lehre beginnt, wird nicht allein anhand von Noten oder Bewerbungsunterlagen ausgewählt. Der Betrieb setzt auf persönliches Kennenlernen, Teamgeist und Vertrauen.
Der Weg zur Schreinerlehre ist meist klar vorgegeben: schnuppern, bewerben und auf die Zusage hoffen. Beim Betrieb Schreiner48 läuft die Suche nach Lernenden anders. Für seine «Schreiner48 Academy» nimmt sich das Unternehmen bewusst mehr Zeit, um seine künftigen Lernenden kennenzulernen. Interessierte buchen zuerst einen Videocall. Dabei lernen sich beide Seiten kennen und klären Erwartungen sowie Interessen. «Wenn wir von der bewerbenden Person überzeugt sind, laden wir sie zu zwei Schnuppertagen ein», sagt Sarina Kündig, Co-Teamleiterin Werkstatt & Academy. Erst danach folgen Bewerbungsunterlagen und gegebenenfalls eine weitere Schnupperwoche. Dabei erhalten die Jugendlichen Einblicke in sämtliche Bereiche des Betriebs – von der Academy über die Werkstatt bis hin zur Montage auf der Baustelle. Zum Abschluss werden auch die Eltern einbezogen. In einem ausführlichen Gespräch stellt das Unternehmen seine Ausbildungsphilosophie, Erwartungen und Regeln vor. «Eine erfolgreiche Lehre funktioniert nur, wenn auch das Umfeld hinter dem Entscheid steht», sagt Kündig. Aus eigener Erfahrung weiss sie, wie wichtig diese Unterstützung ist: Sie absolvierte ihre Lehre ebenfalls im Betrieb und schloss 2019 erfolgreich ab. Nach einer kurzen Zeit in der Werkstattproduktion kam die Schreinerin schon bald zur Ausbildung der Lernenden. Heute betreut sie diesen Bereich gemeinsam mit Co-CEO David Hauser, unterstützt von Xenia Walser im vierten Lehrjahr. Ende 2025 wurden die Bereiche Lernende, Academy und Werkstatt organisatorisch zusammengeführt, um eine engere Verzahnung von Ausbildung und Produktion zu schaffen.
Der strukturierte Rekrutierungsprozess hat einen klaren Hintergrund: Die Schreinerei möchte nicht nur fachlich geeignete Lernende finden, sondern Menschen, die auch ins Team passen und die Unternehmenskultur mittragen. Für die Ausbildung setzt das Unternehmen bewusst auf Vielfalt. «Aktuell beschäftigen wir 14 Lernende, langfristig sollen es 24 werden.» Die Ausbildung beschränkt sich dabei nicht nur auf Reparaturarbeiten: Die Lernenden erhalten Einblick in die Werkstatt, den Service, die Montage sowie grössere Schreinerarbeiten. «Je nach Stärken und Interessen werden sie individuell gefördert. Wer sich beispielsweise für den Kundendienst begeistert, verbringt mehr Zeit im Aussendienst. Andere sammeln vertiefte Erfahrungen an Maschinen oder an der CNC», sagt Kündig.
Die Academy in Schlieren ZH bildet dabei das Herzstück der Ausbildung. Im obersten Stockwerk verfügen die Lernenden über eine eigene Werkstatt mit eigenem Maschinenpark. Dort lernen sie nicht nur die Bearbeitungstechniken, sondern übernehmen auch Verantwortung für Maschinenpflege, Ordnung und Unterhalt. Viele Maschinen sind doppelt vorhanden, darunter sogar eine zweite CNC, die speziell für Ausbildungszwecke genutzt wird. Neben dem Hauptsitz in Schlieren ZH unterhält der Betrieb Niederlassungen in Winterthur, Mönchaltorf und Oberentfelden. «Jeder Standort verfügt zwar über eine eigene Werkstatt mit Maschinenpark, produziert wird jedoch zentral in Zürich», erklärt Sarina Kündig. Das Geschäftsmodell basiert vor allem auf Reparatur- und Servicearbeiten. Die Servicemonteure sind direkt bei der Kundschaft im Einsatz und versuchen, Probleme vor Ort zu lösen. Müssen Bauteile ersetzt oder neu gefertigt werden, geht der Auftrag an die Werkstatt. Dort werden die benötigten Teile hergestellt und anschliessend wieder durch die Monteure montiert. Ergänzend übernimmt die Werkstatt auch grössere Projekte wie Küchen, Schränke oder Türen.
«Meine damaligen Lehrer sagten mir, dass sie mich voll als Schreiner sehen, weil ich immer gern ins Werken ging und das Freifach megacool fand. Auch meine Eltern fanden, dass das zu mir passen könnte. Dann ging ich das ein paarmal schnuppern, und es gefiel mir immer noch», sagt der Lernende Timon Goudsmit. Zimmermann schaute sich der Lernende aus Greifensee ZH auch noch an, jedoch habe er mit der Höhenangst zu kämpfen, und der Job gefalle ihm zudem nicht. Und ein Bürojob kam für ihn ohnehin nie infrage. «Ich brauche viel und oft Bewegung.» Für den 20-Jährigen war deshalb klar: Er wird Schreiner. Offen war nur noch die Frage, in welchem Betrieb. Nachdem er in einer Schreinerei in Wallisellen ZH schnupperte, nahm er die Lehrstelle dort an. «Ich merkte dann aber schnell, dass ich dort immer die gleichen Dinge tue und nicht viel lerne; eigentlich war ich mehr eine billige Arbeitskraft.» Die schulischen Leistungen seien dem Betrieb dabei ziemlich egal gewesen, Hauptsache er konnte während der Arbeit eingesetzt werden. «Nach einem halben Jahr stellte ich dem Lehrbetrieb das Ultimatum, dass ich entweder eine richtige Ausbildung erhalte oder gehen werde.» Weil sich nach den Gesprächen jedoch nichts änderte, löste Goudsmit den Lehrvertrag schliesslich kurz vor den Sommerferien auf. «Bevor ich den Schritt machte, suchte ich aber zuerst eine neue Lehrstelle, damit ich nicht mit leeren Händen dastehe.»
Seine zweite Chance respektive den Weg zu Schreiner48 fand er über seine Nachbarin. Da sie die Schreinerei bereits kannte, riet sie ihm, sich dort einmal zu melden. «Dazumal gab es den Videocall noch nicht, ich ging direkt zwei Tage schnuppern und erhielt nach dem Gespräch zwischen meinen Eltern und Schreiner48 glücklicherweise die Zusage, dass ich dort nochmals meine Schreinerlehre beginnen kann.» Der Start war für ihn allerdings holprig. «Früher war ich etwas faul. Als ich dann hierherkam, kam ich ziemlich auf die Welt.» Seinen Beschluss bereut der Handwerker, der mittlerweile seinen Lehrabschluss in der Tasche hat, aber nicht. «Rückblickend kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung war, hierherzukommen. Wie man ausgebildet wird, ist der Hammer, und auch dass ich mich persönlich weiterentwickeln kann, ist gut.» Tempo ist während der Lehre zweitrangig. «Entscheidend sind die Ausbildung und die Qualität. Von Beginn an wird uns vermittelt, dass saubere Arbeit oberste Priorität hat. Denn am Ende bezahlt der Kunde für Qualität, nicht für Quantität.» Es werde viel gefordert, dafür bekomme man auch viel zurück. «Im Moment sind wir 14 Lernende, da brauchts ein eingespieltes Team, wo jeder am gleichen Strang zieht, sonst funktioniert es nicht.» Dass nicht allein der Lehrmeister über die Vergabe der Lehrstelle entscheidet, findet der Schreiner gut. «Wir Lernenden arbeiten während der Schnupperlehre ja direkt mit den Kandidaten zusammen und sehen, wie sie sich verhalten. Dabei zählt nicht, ob die Person bereits Zinken machen kann. Viel wichtiger ist, ob sie Fragen stellt, wenn etwas unklar ist, oder einfach wartet und an der Hobelbank rumsteht. Dass wir die Entscheidung gemeinsam treffen, passt zu unserem Teamgedanken – schliesslich arbeiten wir später auch zusammen.»
Nach dem Sommer wird Goudsmit weiterhin bei Schreiner48 arbeiten. «Ich möchte nicht in der Werkstatt arbeiten, deshalb werde ich als Servicemonteur unterwegs sein. Ein eigener Bus mit mobiler Werkstatt, das gefällt mir total.» Bereits heute übernimmt er eigene Aufträge, steht im Kontakt mit Verwaltungen und verfasst selbstständig E-Mails und Rapportierungen. Dabei wird er weiterhin begleitet und unterstützt. Weil er im Zürcher Oberland wohnt, wird er vom Standort Mönchaltorf agieren. «Ich sehe dies als fachliche und auch persönliche Chance, mich dort weiterzuentwickeln.»
Auch Robin Erzinger wusste schon früh, dass sie etwas Handwerkliches machen möchte. «Einfach was genau, wusste ich nicht, schliesslich gibt’s ja megaviel verschiedene Sachen zum Machen.» Schon während der zweiten Sekundarschule begann die 17-Jährige, sich intensiv mit ihrer Berufswahl auseinanderzusetzen. An der Berufsmesse stiess sie schliesslich auf den Schreinerberuf. «Dort habe ich den Beruf genauer kennengelernt und stiess auf Schreiner48. Mir wurde schnell bewusst, dass das perfekt zu mir passt.» Das Arbeiten mit Holz und verschiedenen Materialien mag sie, womit der handwerkliche Beruf perfekt passt. «Ich schnupperte nur als Schreinerin, weil ich sicher war, dass ich das machen wollte.» Das tat sie bei zwei Schreinereien, darunter auch bei ihrem jetzigen Ausbildungsbetrieb. «Ich war sehr früh dran mit Bewerben, da gab es den Videocall noch nicht, meine Mitlernenden hatten aber alle zuerst einen Call.»
Als Erstes machte sie im Juni vor zwei Jahren zwei Schnuppertage, etwas später folgte eine einwöchige Schnupperlehre. «Nach dieser Woche haben sie mir gesagt, dass ich die Lehrstelle bekomme.» An die ersten Schnuppertage erinnert sie sich gerne zurück. «Es war etwas völlig Neues für mich. Natürlich war ich anfangs etwas schüchtern, aber ich habe mich gut mit den Leuten verstanden.» Die Umstellung, plötzlich den ganzen Tag auf den Beinen zu stehen, sei schon etwas streng gewesen, habe ihr aber von Anfang an Spass gemacht, sagt die Lernende aus Uitikon-Waldegg ZH. Auch der Rat, weitere Betriebe kennenzulernen, kam bei ihr gut an. «Ich fand das sinnvoll. So konnte ich verschiedene Arbeitsorte vergleichen und sicher sein, dass ich mich für den richtigen Ort entscheide.» Entscheidend für ihre Wahl waren mehrere Faktoren. «Mir gefällt, dass es viele Lernende gibt. Man hilft sich gegenseitig und hat Leute im gleichen Alter um sich.» Zudem schätzt sie die gemischte Belegschaft. «Für einen eher männerdominierten Beruf hat es verhältnismässig viele Frauen. Das finde ich cool.» Dass ihr Lehrbetrieb auf Schnuppertage setzt, findet sie super. «So lernt man die Interessierten viel besser kennen. Bei einem kurzen Gespräch weiss man oft nicht, ob jemand einfach nervös oder wirklich unmotiviert ist.» Durch das gemeinsame Arbeiten lasse sich viel besser einschätzen, ob jemand ins Team passen würde.
Die körperliche Arbeit empfindet Robin Erzinger als fordernd, besonders an heissen Sommertagen. Trotzdem würde sie ihren Beruf nicht gegen eine Bürotätigkeit tauschen. «Es braucht viel Energie, aber die Arbeit macht mir enorm Spass. Das ist mir wichtiger, als den ganzen Tag im Büro zu sitzen.» Am meisten Freude bereiten ihr die neuen Herausforderungen und Maschinen. «Heute konnte ich zum ersten Mal mit der Shaper Origin arbeiten; die Maschine und Erfahrungen damit machen richtig Spass.»
Bereits im ersten Lehrjahr durfte die angehende Schreinerin an verschiedenen Arbeiten mitwirken. Dazu gehörten unter anderem Fenstersanierungen, Verglasungen sowie Reparaturen und Anpassungen an Türen. Die Vielfalt der Aufgaben gefällt ihr besonders, und sie blickt positiv auf das zweite Lehrjahr: «Es ist spannend, neue Lernende kennenzulernen und ihnen später vielleicht auch etwas weiterzugeben.» Gleichzeitig macht sie sich bereits Gedanken über die Zukunft. Ob sie nach der Lehre im Betrieb bleibt, weiss sie noch nicht. «Ich könnte mir vorstellen, später Bühnenbildnerin oder etwas im kreativen Bereich zu studieren.» Noch grösser ist ihr langfristiger Traum: «Irgendwann möchte ich vielleicht meine eigene Schreinerei führen und eigene Möbel entwerfen und bauen.»
Veröffentlichung: 13. August 2026 / Ausgabe 33/2026
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