Ein Kunst-Hand-Werker

Stephan Rüeger (52) malt seine Bilder am liebsten mit der Hand und den Fingern. Bild: Peter Schütz

Leute. In den Bildern von Stephan Rüeger scheint alles in Bewegung zu sein. Organische Formen winden sich von unten nach oben, erzeugen Wirbel, treiben aufeinander zu oder weisen sich gegenseitig ab.

 

Figuren im herkömmlichen Sinn sind nicht sofort auszumachen, es sei denn, die Betrachter schalten ihre Fantasie ein. Dann werden Gebilde ersichtlich, wie sie in der Natur vorkommen: Grashalme, Äste, nicht eindeutig definierbare Wesen in meist einfarbigen Schichten. Die Bildträger sind überwiegend aus Holz, was den natürlichen Prozess ihrer Entstehung unterstreicht. Denn Stephan Rüeger geht unkonventionell vor. Er verwendet weder Tuben noch Pinsel, sondern stellt die Farben selbst her und setzt seine Hände, Finger, Arme zum Malen ein. Zwar hat er Räume in seiner Wohnung an der Neumattstrasse in Frick AG zum Arbeiten – aber er kann auch anders: «Ich male an Musikfestivals live Bilder und lasse mich vom Sound beeinflussen», erklärt er. 2023 schuf er am Sichtfeld Openair in Gipf-Oberfrick mehrere Bilder inmitten des Publikums. Ebenso am Goldgräber Openair in Goldach, wo er pro auftretender Band je ein Bild malte. Seine Vorgehensweise entbehrt jeglicher Kategorisierung, kommt gänzlich ohne Plan aus. «Ich fange einfach an, mit gutem Sound auf den Ohren, und hoppla», sagt er. Eine Demonstration dieses besonderen kreativen Aktes ergab sich erst kürzlich im Rahmen einer Ausstellung im Gemeindehaus Frick. Dort zeigte er Bilder, die seit dem 1. Oktober 2024 entstanden sind.

«Mein Credo ist, mit der Natur zusammenzuarbeiten, nicht gegen sie. Und Abfall ist ein Werkstoff für etwas Neues.»

Stephan Rüeger (52) stammt aus Brugg. Er ist gelernter Bauschreiner, heute ist er in Veltheim als Schalungsschreiner tätig. Doch der Beruf ist nur ein Teil seines Lebens. Früh hat er seine erworbenen Kenntnisse für die Umsetzung eigener Ideen genutzt. Bereits mit sechs Jahren liess er sich für die Drechslerei begeistern. Es blieb bei sporadischen Versuchen, bis er die Schreinerlehre absolvierte. Später begann er, aus Holz Musikinstrumente zu bauen, vor allem Bassgitarren, neulich sogar ein Alphorn. Zum Bass kam er 1993 nach dem Besuch eines Konzertes einer Punk-Band im Jugendkafi in Brugg. Die Band hatte keinen Bassisten, was sich bald änderte, als Stephan Rüeger einsprang. Zuerst mit einem einfachen, handelsüblichen Anfängerbass, der seinen Ansprüchen aber nicht gerecht wurde. Weshalb er die Sache in die Hand nahm und begann, selbst Bässe zu bauen. Mit dem dritten Exemplar war er zufrieden. Man müsse die richtige Holzkenntnis haben, gerade für den Hals des Instrumentes sei dies enorm wichtig. Ebenso das exakte Arbeiten, besonders beim Griffbrett. Mit 25 wandte er sich einer ganz anderen Technik zu, die wenig mit Holz zu tun hat: Er machte sich an das Formen von Figuren aus Ton. Rüeger ist ein vielseitiges Talent, das er schon mehrfach an Ausstellungen unter Beweis gestellt hat. Sein Credo ist im Laufe der Jahre hingegen unverändert geblieben: «Mit der Natur zusammenarbeiten, nicht gegen sie.» Das macht er schon damit deutlich, dass er Reste von Gebrauchsgegenständen wiederverwertet, ebenso Rückstände von industriellen Produktionen aus Metall oder Holz.

Für seine Bilder nutzt er Kohle oder Rost, auch pulverförmige Pigmente. «Abfall ist ein Werkstoff für etwas Neues», sagt er. Mit Leinöl macht er die teils schwungvoll aufgetragene Masse haft- und haltbar. «Ich bin mehr experimentell angehaucht», sagt er mit Verweis auf seine Technik. Sein Lieblingsformat ist 80 mal 50 Zentimeter. Mittlerweile hat er mehr als 100 solche Bilder geschaffen.

Peter Schütz

Veröffentlichung: 21. April 2025 / Ausgabe 16/2025

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