Ein Leben mit Holz und Musik

Die Schreinerin Maya Iselin (59) baut gerade mit viel Leidenschaft eine Bläserklasse auf. Bild: Beatrix Bächtold

Den Posaunenkoffer stellt Maya Iselin neben sich auf einen Stuhl im Café, dann blickt sie hinaus auf den Greifensee, wo die Wellen die Boote schaukeln und die Bäume am Ufer in ihrer Herbstpracht glänzen. «Hier in der Natur tanke ich auf», sagt die bald 60-Jährige und lenkt dann ihren Blick hinüber ans andere Seeufer. «Dort drüben ist Maur. Da komme ich her. Dort ist auch die elterliche Schreinerei», erklärt sie und berichtet dann, dass mütterlicherseits so gut wie alle Männer diesen Beruf ausübten. «Es liegt wohl an den Genen. Mir jedenfalls wurde die Liebe zum Schreinern bereits in die Holzwiege gelegt», sagt sie und erzählt dann, dass später ihr Kinderbettchen in einem Zimmer aus Ulmenholz stand. «Mein Vater hat es von Hand gemacht», berichtet sie. Als es an die Berufswahl ging, wollte Maya Iselin erst Coiffeuse oder Krankenschwester werden, doch ihr Vater meinte, sie solle doch einfach Schreiner lernen. «Aha, ist ja eigentlich wahr», hat sie damals gedacht, und heute amüsiert sie sich sichtlich darüber, dass ausgerechnet sie damals so fügsam war. Sie, die heute als kompetente Projektleiterin bei einem der grössten Schweizer Holzwerkstofflieferanten in der Bauarena Volketswil mit Architekten und Bauherren an vorderster Front zu tun hat. Tatsache ist, dass Maya Iselin im Jahre 1972 als einziges weibliches Wesen die Berufsschulklasse in Wetzikon besuchte.

«Damals musste man schon extrem seinen Mann stehen, um sich zu beweisen», sagt sie. Dann erzählt Maya Iselin mit Begeisterung, dass sie die Wiege für ihr Gottekind selbst geschreinert hat und die Möbel ihrer eigenen, ersten Wohnung noch dazu.

Dann blickt sie auf die Uhr. «Was, schon so spät!», ruft sie, zahlt, nimmt ihren Posaunenkoffer und eilt Richtung Feuerwehrgebäude ins Probelokal. Vor lauter Schwärmen von ihrem Beruf hätte sie fast die Probe vergessen. Die Schreinerin aus Passion ist nämlich auch Musikerin aus Leidenschaft. Sie spielt Posaune und, wie könnte es anders sein, das Holzblasinstrument Klarinette. Und dann erläutert sie, dass auch die Querflöte, die heute aus Metall ist, in früheren Zeiten aus Holz war und deshalb immer noch zu den Holzblasinstrumenten zählt. Seit vielen Jahren ist Iselin Präsidentin der Dorfmusig Gryfesee, die 1984 gegründet wurde und momentan 21 aktive Musikerinnen und Musiker umfasst. Es ist Tradition, dass die Dorfmusik den Muttertag und auch die Bundesfeier musikalisch bereichert. Im März dieses Jahres hat die musikalische Schreinerin die Bläserklasse für Erwachsene ins Leben gerufen, und wenn sie davon erzählt, strahlen ihre Augen. Die Bläserklasse ist ein Projekt ohne Vereinsbindung. Jeder kann ohne die geringsten Vorkenntnisse ein Instrument wählen und sich dann einmal pro Woche nach einem systematischen Lernprogramm, welches zum Beispiel Musizieren, Rhythmik und Noten beinhaltet, die elementaren Kenntnisse aneignen. «Es ist faszinierend, wie das funktioniert und am Ende der Bemühungen ein wohlklingendes Ganzes entsteht», schwärmt sie.

Solche Bläserklassen existieren in den USA schon lange. Dass die Idee jetzt nicht nur über den grossen Teich, sondern sogar über die Wellen des Greifensees geschwappt ist, freut Maya Iselin als Vereinspräsidentin ganz besonders. Sie sagt: «Ich klopfe auf Holz und wünsche mir, dass der eine oder andere aus der Bläserklasse beim Verein bleibt.»

«Ich klopfe auf Holz und wünsche mir, dass der eine oder andere aus der Bläserklasse beim Verein bleibt.»

BEB

Veröffentlichung: 01. Dezember 2015 / Ausgabe 47/2015

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