Ein Zirkus, der Menschen verbindet

Schreiner Roland Roth (47) engagiert sich seit elf Jahren für den Kinderzirkus Arabas. Bild: Caroline Schneider

Die Zirkusbesucher blicken gebannt nach oben. Gelingt dem Mädchen mit den blonden Zöpfen der Spagat auf dem dünnen Stahlseil, ohne herunterzufallen? Geschafft. Unter tosendem Applaus erhebt es sich flink auf die Beine und balanciert ans andere Ende des Seils. Das Konzept des Zirkus Arabas ist bestechend. Der Kinderzirkus lebt ausschliesslich von der Mithilfe der Eltern. «Ein Kind kann bei uns nur mitmachen, wenn mindestens ein Elternteil auch seinen Beitrag dazu leistet», erklärt Helfer Roland Roth. Dieser Beitrag ist nicht finanziell, sondern tatkräftig. «Es sind die Eltern, die die Kinder in der Akrobatik unterrichten.»

Dass dieses Konzept funktioniert, beweist das 23-jährige Bestehen des Zirkus Arabas. «In diesem Jahr machen 46 Kinder mit.» Jeder Elternteil bringt eine Kompetenz mit, die für Arabas von Nutzen ist. «Meine Frau hat eine klassische Balettausbildung absolviert. Sie hat früher das Rolla-Rolla-Training geleitet», erzählt Roth. Rolla-Rolla ist das Balancebrett mit einer Rolle. Dazu habe sie sich Youtube-Videos zu Hilfe genommen oder auch mal einen Workshop besucht. Und er selbst? «Als Schreiner bin ich für die handwerklichen Arbeiten zuständig. Ich habe den Bühnenboden und die Zuschauertribüne gezeichnet, geplant und zusammen mit anderen Helfern hergestellt.»

Während der Zirkussaison ist Roth mit Reparaturarbeiten beschäftigt und hilft bei den Vorstellungen mit dem Hinein- und Heraustragen des Materials. «Die Saison mit 13 Vorstellungen innert fünf Wochenenden ist sehr streng. Jeder von uns arbeitet locker bis zu 100 Stunden.»

Der Lohn für all die Freiwilligenarbeit lässt sich nicht mit Geld bezahlen. «Wir erfahren dafür viel Freude und Dankbarkeit. Wir Zirkusmenschen sind eine eigene Gemeinschaft. Das Band zwischen uns ist stark. Als Familienmensch fühle ich mich hier sehr wohl.» Für seine Tochter Melissa ist der Zirkus eine wichtige und wegweisende Welt geworden. Nach der Matur möchte sie eine Zirkusschule besuchen. Am liebsten in Montreal. Der Zirkus hat für ein Städtchen wie Bremgarten AG und Umgebung auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Fremde Menschen treffen aufeinander, vereint durch ein sinnstiftendes, spannendes Projekt. Sie üben über das Jahr hinweg gemeinsam, verbringen drei intensive Monate miteinander und kämpfen dafür, den Zirkus am Leben zu erhalten. «Das schweisst automatisch zusammen.»

Bleibt neben einem so starken Engagement noch Zeit übrig für etwas anderes? Roth schmunzelt. «Ich bin seit meiner Kindheit im Tambourenverein.» Einmal pro Woche hat er Probe mit seiner Tambourengruppe aus Mellingen. Er erzählt von den verschiedenen Takten, die es beim Trommeln gibt. Dem «Fünfer Ruf» mit seinen fünf Schlägen oder dem «Wirbel», wobei pro Hand jeweils zwei Schläge aufeinanderfolgen. Der Schreiner trommelt mit den Fingern auf den Holztisch, und man spürt sogleich: Er verfügt über ein grosses Takt- und Rhythmusgefühl.

Auch in der Tambourengruppe fühlt sich Roth bestens aufgehoben. «Ich bin ein Gruppenmensch. Ich fühle mich sehr gut, wenn viele Leute um mich herum sind.» Menschen wie Roland Roth sind Gold wert für das weitere Bestehen des Zirkus Arabas.

«Wir Zirkusmenschen sind eine eigene Gemeinschaft. Als Familienmensch fühle ich mich hier sehr wohl.»

cs

Veröffentlichung: 27. September 2018 / Ausgabe 39/2018

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