Er kann es gut mit Menschen

Richard Murer (65) als junger Schreiner mit Schnauz … Bild: PD

Nur zwei Wochen, nachdem Richard Murer seine Lehre als Schreiner angefangen hatte, funkte Astronaut Jack Swigert den viel und falsch zitierten Satz: «Okay, Houston, we’ve had a problem here.» Die Besatzung der Apollo 13 entkam nur knapp der Katastrophe, nachdem auf der Reise zum Mond ein Sauerstofftank explodiert war. Das war am 13. April 1970. Schreinerlehrling Murers Mission stand da unter einem wesentlich besseren Stern: Sie endete gestern, am 30. September 2020, nach gut 50 Jahren im gleichen Betrieb, der Schreinerei Käslin in Steinhausen ZG.

Richard Murer (65) kennt keine schönere Beschäftigung als die mit Holz. Nun geht er als langjähriger Produktionsleiter in den Ruhestand. Im mittelständischen Schreinerbetrieb im Zugerland war er auch viele Jahre für die Lernenden verantwortlich. Dabei wollte er als Bub gar nicht Schreiner werden, wie er sagt, sondern Landwirt. «Ich hätte als zweitältester Sohn den elterlichen Hof übernehmen sollen.» Doch der ältere Bruder, der ins Gymnasium geht und eigentlich hätte Tierarzt werden wollen, muss am Gymi aufhören und kehrt auf den Hof zurück. So kommt es, dass Richard Murer eine Lehrstelle als Schreiner sucht. Josef Käslin, der seit 1969 mitten in der Zuger Altstadt eine Schreinerwerkstatt führt, vernimmt davon, fährt mit dem VW-Pick-up auf den Hof in Allenwinden ZG und nimmt den Jüngling gewissermassen vom Platz weg unter Vertrag. «Ich war noch sehr klein und scheu. Es brauchte nur noch ein Arztzeugnis, und dann konnte ich starten», erinnert er sich. Nach dem Ende der Lehre folgt der Umzug in den Neubau nach Steinhausen und Murer bleibt. Er heiratet jung, wird Vater von drei Kindern, engagiert sich in Kirche und Vereinen und findet später im Mountain-Bike-Sport sein grosses Hobby, das er bis heute pflegt. «Der kurze Arbeitsweg, das gute Arbeitsklima, die Kameradschaft waren ausschlaggebend, dass ich so lange bei Käslin blieb», sagt er. Er könne es halt gut mit Menschen. Nur einmal spielt er mit dem Gedanken zu wechseln. Doch daraus sei nichts geworden, sagt er ohne Bedauern.

Murer hat sich ständig weitergebildet, wurde Oberflächenspezialist. «1989 ernannte mich der Chef zum Leiter der Werkstatt, eines meiner ersten grossen Ziele hatte ich damals erreicht.» Er blättert in Alben mit Fotografien von Werkstücken und berichtet von restaurierten Kirchentüren, von Altären und liturgischen Gegenständen, die unter seiner Hand entstanden sind und die die Zeit überdauern werden. Oder von den Akustikdecken, die sie in den 1970er-Jahren bei der Landis & Gyr montiert haben. Seine Augen verraten Handwerkerstolz. Bloss einmal in all den Jahren meint Murer, es sei nun vorbei mit Schreinern: Als Juniorchef Lukas Käslin Mitte der 1990er-Jahre die erste CNC-Maschine anschafft. «Ich befürchtete einen Moment, überflüssig zu werden. Doch der Chef sagte: Stell dich an die Maschine und mach!»

Anders als für die Astronauten der Apollo 13, die ihre Mission nach wenigen Tagen beenden konnten, heisst es für Schreiner Murer auch nach einem halben Jahrhundert im gleichen Betrieb noch nicht wirklich «Mission completed». Auf die Frage, was er nach der Pensionierung nun vorhabe, sagt der sportliche Mitsechziger als Erstes: «Ich hab mit dem Chef vereinbart, dass ich mithelfen kann, wenn Bedarf ist.»

«Als die CNC-Maschine kam, befürchtete ich einen Moment, überflüssig zu werden.»

Stefan hIlzinger

Veröffentlichung: 01. Oktober 2020 / Ausgabe 40/2020

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