Er las die Schreinerzeitung schon 1943

Hans Koller (98) blickt auf seinem Balkon im Betagtenzentrum Staffelnhof auf den Pilatus. Bild: Caroline Mohnke

Leute. Hans Koller sitzt an diesem für die Jahreszeit warmen Novembertag auf dem Balkon seines Zimmers im Alterszentrum Staffelnhof und blickt zum Pilatus: «Dort bin ich manches Mal rauf und runter», sagt er und lacht. Von zu Hause aus sei er um vier Uhr morgens losmarschiert, und erst abends sei er wieder daheim gewesen.

Seit seiner Geburt vor 98 Jahren lebt Hans Koller in Reussbühl LU. «Aufgewachsen bin ich mit drei jüngeren Schwestern in einem grünen Haus neben der Kirchentreppe im Schatten des Kirchturms. Eine Schwester ist zwei Jahre jünger und wohnt auch im Staffelnhof, aber wir sehen uns nicht jeden Tag», erzählt er. Die andere Schwester sei vier Jahre jünger, die dritte leider schon früh an Krebs verstorben. Das sei noch eine andere Zeit gewesen, damals in den 1920er-/1930er-Jahren: «Mit meinen Kollegen zählte ich die wenigen Autos, die vorbeifuhren, und jeder wollte besser sein im Erkennen der Marken.» Als 12-Jähriger erlebte Hans Koller 1939 den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und vier Jahre später begann er eine KV-Lehre in der Büromöbelfabrik Zemp in Reussbühl. Schon 1943, als 16-Jähriger, habe er die Schreinerzeitung regelmässig gelesen. «Nach der Lehrzeit arbeitete ich in Willisau in der Ringli-Fabrik, wo ich die Löchli machte», scherzt er. Seinen Humor hat er nicht verloren. «Nein, ernsthaft, ich beschäftigte mich mit den Finanzen.» Zunächst war er in der Baufirma Arnet in Root tätig, bevor er beim Holzwerkstoff-Händler Herzog Elmiger AG angefangen hat, wo er 44 Jahre blieb und bis zum Vizedirektor aufstieg.

«Während dieser Zeit hatte ich viel mit Schreinereien aus der ganzen Schweiz zu tun», sagt er und lacht erneut: «Ich war auf dem Holzweg.» Vielseitig sei sein Berufsleben gewesen. Er habe sich mit Finanzen beschäftigt, aber auch mit der Werbung und dem Kundenkontakt. Seine Tochter Ursi Koller erinnert sich an frühere Zeiten: «Mein Vater hat jede Holzart gekannt.» Zu Hause am Familientisch konnte man ihn über Hölzer etwas fragen, er hatte immer eine Antwort parat. «Im Garten war unsere Mutter für die Blumen verantwortlich und unser Vater für die Bäume.» Hans Koller erinnert sich an eine kanadische Tanne im Garten. Einen Lieblingsbaum habe er aber nicht. «Jeder Baum ist einzigartig», sagt er und blickt Richtung Pilatus und Zimmereggwald: «Es gibt jetzt mehr Buchen und weniger Eichen. Ich kenne Schreiner, die kennen zwar alle Holzarten, aber nicht alle Bäume.» Viele Abenteuer habe er erlebt. Einst in Zermatt habe ein Bergführer gesagt: «Wiär gäh morn embrüf.» So durfte er für 100 Franken spontan mit aufs Matterhorn. «Meinen Eltern erzählte ich es erst danach.» Er erinnert sich auch an einen Pfingstmontag: «Ich war auf dem Abstieg vom Pilatus. An einer besonders heiklen Stelle blieb mir nichts anderes übrig als meinen Rucksack auf den Bauch zu nehmen, mich hinzulegen und einen kurzen Abschnitt runterzurutschen.» Besonders stolz ist Hans Koller darauf, dass er der Namensgeber seines heutigen Wohnortes ist: «1976 war ich Mitglied der Planungskommission für dieses Haus und habe ihm den Namen ‹Staffelnhof› gegeben.»

«Jeden Tag lese ich die Zeitung. Und wenn ich nicht drin bin, lese ich sie weiter.»

Auf die Frage nach dem Geheimnis für ein langes Leben antwortet der frühere Feuerwehrkommandant lachend: «Das müssen wohl die guten Gene sein.» Bis vor zwei Jahren lebte er noch im eigenen Daheim. Er hat drei Töchter, einen Sohn und drei Grosskinder. «Es ist immer schön, wenn Besuch kommt.» Die Kollegen und Freunde, die noch leben, könne er an einer Hand abzählen. «Jeden Tag lese ich die Zeitung. Und wenn ich nicht drin bin, lese ich sie weiter.»


Caroline Mohnke

Veröffentlichung: 24. November 2025 / Ausgabe 47/2025

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