Filigrane Kunst für Biber und Tirggel

Guido Neff (66) produziert Holzformen für Köstlichkeiten wie den berühmten Appenzeller Biber. Bild: Franziska Hidber

Mitten in Appenzell öffnet Guido Neff die Holztür. Gerade hat der Bundesrat das soziale Leben aufgrund des Coronavirus heruntergefahren, aber er habe «schon immer Homeoffice gemacht», sagt der Holzbildhauer mit einem Schmunzeln. Neffs «Homeoffice» ist seine Holzbildhauerei-Werkstatt. Eine Holzform – ein sogenannter Model – mit Appenzeller Sujet ist auf der Hobelbank eingespannt, davor aufgereiht sind unzählige Werkzeuge, insgesamt an die 200 dürften es sein, darunter das noch komplette Set aus der Lehrzeit. Neff führt die Holzbildhauerei bereits in vierter Generation. Trotz Pensionsalter. «Ich reduziere, wann immer möglich», sagt der 66-Jährige. Doch es kommen viele Aufträge rein: ein Anisguetzli-Model für eine Taufe, ein Bibersujet mit Firmenlogo für eine national bekannte Firma, eine Tirggelidee für einen Zürcher Verband. Also setzt sich Neff hin und zeichnet, übernimmt Logos, kopiert die Vorlage auf seinem alten Kopierer mit Trockentoner, befeuchtet das Papier mit Verdünner, bis sich die oberste Schicht mit der Zeichnung ablöst, und legt es seitenverkehrt aufs Holz. Dann beginnt er mit der Feinarbeit, oft in mehreren Schichten, wofür er jedes Bild mehrfach verwendet. «Jeder Model, der hier entsteht, ist ein Unikat», sagt er und fährt mit dem Messer tief ins Holz. Die Bestellungen kommen von überall: Grosse Bäckereien, Turnvereine, Hausfrauen, Sportclubs, Familien, Backzubehör-Firmen. «Es ist noch nach Jahren ein spezielles Gefühl, am Schaufenster einer Bäckerei vorbeizugehen und das eigene Werk auf einem Biber zu sehen», sagt er. Genau das gefällt ihm an seiner Arbeit: «Ich stelle etwas her, das danach vielen Freude und Genuss bereitet.» Und nein, Biber, Tirggel und Anisguetzli seien ihm bis heute nicht «verleedet».

Schon sein Urgrossvater schnitzte für die Bäckereien Modeln. Dann der Grossvater, der Vater, der Bruder und schliesslich er selber. Dies obwohl Holzbildhauer nicht sein Bubentraum gewesen war. Als es dann um die Berufswahl ging, schien ihm der Gedanke plötzlich nicht mehr so abwegig. Er ging zum Grossvater in die Lehre. «Speziöll» sei das gewesen, erinnert er sich. «Der Grossvater hatte plötzlich eine zweite Rolle als Lehrmeister.» Die Berufsschule besuchte er mit den Schreinern, später machte er viele Weiterbildungen und die Meisterprüfung: vor allem, um sich als Ornamentiker auch die figürliche Arbeit anzueignen. Aus den geplanten Wanderjahren wurde nichts, denn zu Hause platzten die Auftragsbücher beinahe, zwei Jahre betrug die Lieferfrist. Schon als 20-Jähriger übernahm Neff zusammen mit dem Bruder und dem Vater die Holzbildhauerei. Er fertigte Intarsien, Stabellen, Schiefertische mit Ornamenten, Decken- und Wandverzierungen für Häuser und Restaurants. Als diese Welle verebbte, blieb mehr Zeit für Modeln und Skulpturen, Grabmäler, Wappen – und Engel. Aber nicht etwa diese «süssen Krippenfiguren». Er entwarf elegante, klare und schnörkellose Engel. Im gleichen Stil wagte er sich an die erste Krippe, an Schafe, Hirten und Könige. Auch da kehrte er der Tradition den Rücken und setzte auf schlichte Eleganz.

Worauf er in all den Jahren weitgehend verzichtete: Serien. Er schüttelt den Kopf: «Das wäre mir zu langweilig.» Selbst nach bald 50 Jahren im Beruf brennt er für seine Arbeit, für die Abwechslung und Vielfalt. Kürzertreten will er trotzdem. Noch leichter würde ihm dieser Schritt fallen, hätte er einen Nachfolger in Sicht. Bis es so weit ist, schnitzt er selber, beobachtet von der Engelschar auf dem Fensterbrett.

«Es ist noch nach Jahren ein spezielles Gefühl, an einer Bäckerei vorbeizugehen und das eigene Werk auf einem Biber zu sehen.»

hid

Veröffentlichung: 16. April 2020 / Ausgabe 16/2020

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