Gegen den Stillstand

Die Maschinen laufen mit voller Kraft: Der gelernte Schreiner Niklaus Sägesser (51) setzt alles daran, die letzte Filzfabrik der Schweiz am Leben zu erhalten. Bild: Sabine Schaller

«Als Zweitkleinster bin ich in der Schule oft weit hinten gestanden», sagt Niklaus Sägesser. Nach der obligatorischen Schulzeit hat der Emmentaler seine Fügung in eine andere Richtung gezwungen: In Schwarzenbach machte er eine Schreinerlehre, in der Armee wurde er Major. Im Alter von 24 Jahren nahm er erstmals auf einem Chefsessel einer Möbelfirma Platz, danach war er lange in leitenden Positionen für einen Schweizer Pharmakonzern tätig. Heute steht er an der Spitze der Fissco AG – der letzten Filzfabrik der Schweiz. Im Jahr 2010 hatte er die Firma in Enggistein bei Worb gekauft und sich damit den Traum vom eigenen Unternehmen erfüllt – ein Traum zwischen Gipfel und Abgrund. Sägesser sitzt nachdenklich hinter seinem Schreibtisch. Bis vor wenigen Wochen war er zuversichtlich, die wirtschaftlich angeschlagene Filzfabrik bald wieder auf Kurs zu bringen. Aber die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat den Optimismus getrübt. Sägesser vergleicht die Entwicklung mit dem Leiterlispiel: «Ziel war es, am Ende dieses Jahres auf Feld 50 zu stehen. Der Beschluss der Nationalbank hat uns von Feld 30 auf Feld 2 zurückgestellt.» Jetzt drohen harte Eingriffe in den Unternehmensalltag. Aber aufgeben mag er nicht. Er sagt: «Man muss an die Chance glauben.»

Die Fissco AG ist ein Traditionsbetrieb – seit 1841 werden in seinen Hallen Woll- und Nadelfilzprodukte hergestellt. Nach der Blütezeit in den 80er-Jahren hatte die Fabrik den Anschluss an die Entwicklungen der Zeit verpasst. Ihr drohte das Aus. «Ich scheue das Risiko nicht», sagt Sägesser, im Fall der Fissco AG aber schien es selbst ihm zu gross zu sein. Er haderte – bis zum ersten Gespräch mit den Angestellten. «Ich habe das Leuchten in ihren Augen gesehen, diesen Hoffnungsschimmer und konnte nicht mehr Nein sagen.» Sägesser war klar: «Wie brauchten dringend neue Kunden und ein breiteres Sortiment.»

In Sachen Schafwolle ist die Fissco AG Expertin, schliesslich beschäftigt sie die letzten diplomierten Filzmacher der Schweiz. «Wir suchten also nach einem innovativen Produkt, das sich aus Wolle herstellen lässt», erklärt Sägesser. Das Team entwickelte einen Dämmstoff, der seit 2012 durch die neu gegründete Fisolan AG vertrieben wird. Das Geschäft läuft gut. Trotzdem werden in der Fisolan AG Alternativen getestet. «Wir möchten ein Isolationsmaterial aus dem kostengünstigeren Flachs als Ergänzung zur Schafwolle ins Sortiment aufnehmen», erklärt Sägesser. Er ist überzeugt: «Nur durch Innovation bleiben wir konkurrenzfähig.» Auf seinem Nachttisch liegt ein Notizbuch – denn die besten Ideen kommen auch oft unvermittelt. «Wenn ein Gedanke da ist und man ihn nicht festhält und ins Rollen bringt, ist er schnell verloren.» Die Fisolan AG ist ein Versprechen für die Zukunft. Die grossen Brötchen werden in der Fissco AG gebacken. Um Kosten zu sparen, hat Sägesser vor zwei Jahren die Wollfilzproduktion nach Ostdeutschland verlagert. In Enggistein werden die Filzplatten weiterverarbeitet; ausgestanzte Polierscheiben gehen etwa in die Schweizer Uhren- und Metallindustrie, Dichtungen an die Eisenbahnen und Fensterbauer.

Rund um den Globus und vor allem in der Stahlindustrie beliebt ist der Nadelfilz aus Polyester, der von A bis Z im Emmental hergestellt wird. Niklaus Sägesser startete seine berufliche Laufbahn vor rund drei Jahrzehnten als Schreiner. Bald aber fühlte er, dass noch etwas anderes in ihm schlummerte. Er folgte seiner inneren Stimme und der Zweitkleinste kämpfte sich ganz nach vorne, raus aus dem Schatten der anderen.

«Wenn ein Gedanke da ist und man ihn nicht festhält und ins Rollen bringt, ist er schnell verloren.»

sas

Veröffentlichung: 26. Februar 2015 / Ausgabe 9/2015

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