Handwerk in der Bahnhofshalle


Da, wo früher Koffer gewogen und Billette verkauft wurden, hat Lisa Lutz (45) heute ihre Werkstatt. Bild: Caroline Mohnke


Da, wo früher Koffer gewogen und Billette verkauft wurden, hat Lisa Lutz (45) heute ihre Werkstatt. Bild: Caroline Mohnke
Leute. Steigt man in Herrliberg-Feldmeilen ZH aus dem Zug, sieht man über die Gleise direkt zum Schaufenster der Werkstatt und des Ladens von Antikschreinerin Lisa Lutz. Es ist der einstige Bahnhofschalter, wo früher Billette verkauft wurden.
«Noch heute kommen ab und zu Leute herein und fragen nach Billetten», erzählt die 45-jährige Schreinerin. Da könne ein Stuhl im Weg stehen mit Schraubzwingen daran, das hindere die Passanten nicht daran, an den ehemaligen Schalter zu kommen. «Oder sie verwechseln die Antikschreinerei mit einem Café, weil ich oft meinen Pausenkaffee in der früheren Wartehalle trinke, die jetzt als kleiner Laden dient.» Die Werkstatt ist hell und hat auf zwei Seiten grosse Fensterfronten. Tritt man ein, steht man in der ehemaligen Schalterhalle; da liegt ein Tannenschrank, den Lisa Lutz restauriert. Geht man durch eine weitere Tür, steht man in der Werkstatt. Lisa Lutz zeigt auf einen nostalgischen Chrämerliladen aus Holz: «Den hat mir eine Kundin geschenkt. Sie hat als Kind damit gespielt, so wie ihre Tochter und ihr Enkelkind. Ich werde ihn restaurieren und dann in meinem Laden verkaufen. So trage ich dazu bei, dass Dinge erhalten und weiter genutzt werden können.» Die grosse Werkstatt hat noch einen dritten Raum, da, wo früher die Bahnangestellten hinter den Scheiben die Billette herausgegeben haben. Darin sind Möbel zum Verkauf: Stühle, Kinderschaukel, Kinderbettchen. Jedes Unikat trägt eine Geschichte. Lutz möchte die Möbel erhalten und damit auch deren Geschichte. «Es ist eine Alternative zu Konsum und Abfallbergen. Ich arbeite mit Kopf, Herz und Hand. Das spürt meine Kundschaft und macht mich zufrieden.»
Lisa Lutz ist ländlich nahe Köln in Deutschland aufgewachsen mit einer älteren Schwester. «Meine Eltern waren beide Lehrer und haben sehr viel an unserem alten Haus umgebaut.» So sei sie schon früh in Kontakt gekommen mit Handwerk. «Wir haben Restholz verfeuert und Steinhütten gebaut im Garten.» Sie erinnere sich auch noch daran, wie sie mit ihrem Vater ein Taburettli gezimmert hat. Dass ein Mädchen damals ein Handwerksberuf erlernt, sei aber keine Option gewesen. So habe sie eine Ausbildung als Kindergärtnerin gemacht. «Mit 18 habe ich dann meinen heutigen Mann kennengelernt und bin mit 20 zu ihm in die Schweiz ausgewandert», sagt die dreifache Mutter lachend. «Bei einem Spaziergang mit meinem Mann entdeckte ich eine alte Scheune mit einer Antikschreinerei darin. Ich sagte zu ihm: ‹Genau das möchte ich auch machen.›» Und er habe gesagt: «Dann mach es.» Das Glück meinte es gut mit ihr: Bei Antikschreiner Massimo Biondi, der am Zürcher Rindermarkt seine Werkstatt hat, absolvierte sie ihre Schreinerlehre. Seit bald sieben Jahren ist Lisa Lutz selbstständig, und seit vier Jahren hat sie im Bahnhof am Zürichsee ihre Werkstatt. Zeitweise hat sie sich die Räume mit einer Architektin und später mit einem Künstler geteilt. Der Künstler ist leider im letzten Frühling verstorben. Einzelne Mobiles von ihm hängen noch in der Werkstatt.
In ihrer freien Zeit widmet sich Lisa Lutz dem Yoga oder liest gerne ein gutes Buch. «Ich geniesse es, Freunde einzuladen und mit ihnen zu Hause am langen Tisch zu sitzen», erzählt sie. Sie möge es aber auch, einfach in einem Café zu sitzen und das Geschehen um sie herum zu beobachten.
Caroline Mohnke
Veröffentlichung: 16. Februar 2026 / Ausgabe 7/2026
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