«In jedem von uns steckt ein Dörfler»

Valerian Mollet (24), hier bei einem Aufritt in Winterthur, hat von der Schreinerei auf die Bühne gewechselt. Bild: Inclusions.tv

Leute. Gossliwil gibt es wirklich. «Ich bin wohl der einzige Gossliwiler, dem ihr in eurem Leben je begegnen werdet», sagt Valerian Mollet. «Und wenn ihr doch einmal jemanden anderen aus Gossliwil treffen solltet, dann ist das einer meiner Brüder.» Das Publikum im Casinotheater Winterthur lacht.

Seit einigen Wochen ist der gelernte Schreiner Valerian Mollet als Stand-up-Comedian unterwegs. Zug, Vaduz, St.Gallen, Luzern und so weiter heissen die Stationen. Doch am letzten Oktoberwochenende, so viel Zeit muss sein, ist er am Kürbisfest in Leuzigen im Berner Seeland auf der Bühne. «Back to the roots» gewissermassen. Beim FC Leuzigen stand Mollet als Stürmer auf dem Feld. «Ich bin schon einer, der eher mit dem Kopf durch die Wand geht.» Unter den sechs Comedians, die in Winterthur das Publikum unterhalten, ist er das einzige Landei. Der Bauernsohn, aufgewachsen mit sechs Brüdern in eben jenem Gossliwil in der Gemeinde Bucheggberg, Kanton Solothurn, spielt gekonnt mit den Klischees. «Dass ich als Comedian auf der Bühne stehe, war nur eine Frage der Zeit», sagt er in ruhigem Ton, aber selbstbewusst. Das sei ein grosses Ziel für dieses Jahr gewesen. Umso mehr hat es ihn dann gefreut, als er Ende August bei den Comedy-Awards von SRF als bester Nachwuchskünstler ausgezeichnet wurde. Oder wie es offiziell heisst: «SRF 3 Best Talent Comedy 2025».

«Seither habe ich Zeit für Spaziergänge und Alltagsbeobachtungen. Daraus ergeben sich häufig die besten Geschichten für die Bühne.»

Von den sieben Mollet-Brüdern ist er der Vierte, genau in der Mitte. Zum Holz als Werkstoff und zum Schreinerberuf hat er auf dem elterlichen Hof gefunden. «Wir haben da immer wieder mal Holz gesägt und etwas gewerkelt», sagt er. So macht er dann seine Lehre bei der Schreinerei Jenni in Schnottwil. Danach arbeitet er einige Zeit bei Türen Meier in Biberist und zuletzt noch temporär als Schreiner. «Parallel dazu machte ich immer Stand-up», sagt Mollet. Das Schreinerhandwerk pausiert nun. Die häufigen Auftritte lassen sich nicht mehr mit regelmässiger Arbeit vereinbaren. «Mal schauen, wie es sich entwickelt. Möglicherweise brauche ich halt doch noch einen Zuerwerb», gibt er sich realistisch. Doch zurzeit laufe es gut für ihn, der Gewinn des Awards habe da sicher geholfen. Noch bevor es in diesem Herbst auf Tour ging, zog Mollet in die erste eigene Wohnung nach Solothurn. «Seither habe ich Zeit für Spaziergänge und Alltagsbeobachtungen», sagt er. Denn daraus ergäben sich häufig die besten Geschichten für die Bühne. Dass er nicht von der Zürcher Langstrasse kommt, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, sondern vom doch sehr ländlichen «Buechiberg», sieht er nicht als Nachteil. «In jedem von uns steckt doch ein Dörfler», sagt er. Nach den Auftritten werde er häufig gefragt, ob er wirklich Valerian heisse, erzählt er auf der Bühne. «Ja, denn Christian war schon vergeben», lautet die Erklärung, und das Publikum lacht. Auch er macht Herkunft und Biografie zum Ausgangspunkt seiner satirisch zugespitzten Betrachtungen.

Mit Auftritten an sogenannten Open-Mic-Abenden in den Beizen und Festzelten seiner näheren und weiteren Heimat tastete Mollet sich langsam, aber sicher an das Stand-up-Genre heran. Dort kann jede und jeder mit angeblichem oder wahrem Talent vors Mikrofon treten und «einen raushauen». «Am Anfang realisierst du nicht wirklich, was abgeht. Du spulst einfach deine Pointen ab», sagt der Comedian. Doch mit der Erfahrung weicht die Angespanntheit immer mehr einer Spontaneität und Lockerheit. Der Blick auf den Spickzettel wird überflüssig.

 

Stefan Hilzinger

Veröffentlichung: 03. November 2025 / Ausgabe 44/2025

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