Mit Gespür für Mensch und Maschine


Guido Lehmann (60), Schreiner und Lokführer, passt eine Bar in einen Eisenbahnwaggon ein und verlegt Elektrokabel. Bild: Stefan Hilzinger


Guido Lehmann (60), Schreiner und Lokführer, passt eine Bar in einen Eisenbahnwaggon ein und verlegt Elektrokabel. Bild: Stefan Hilzinger
Leute. Guido Lehmann aus Wil SG ist viel herumgekommen in seinem Leben. Viel herumgekommen und teilweise auch heruntergekommen sind die historischen Eisenbahnwaggons, um die er sich im Depot am Bahnhof Winterthur kümmert.
Seit gut zwei Jahren arbeitet Guido Lehmann (60) bei der Firma Historic Rail Services. Er bringt fachlich nahezu alles mit, was die betagten Schienenfahrzeuge an Zuwendung brauchen: Er ist gelernter Maschinenzeichner, Lokführer und Schreiner. Der Weg in die Winterthurer Werkstatt verlief voller überraschender Wendungen, wie auf der Bergstrecke der Gotthardbahn. Aufgewachsen ist Lehmann in Altstätten im St.Galler Rheintal. Bei Wild in Heerbrugg machte er eine Lehre als Maschinenzeichner, wo er sich auch mit Elektronik beschäftigte.
«Mein Traumberuf seit dem Kindergarten war aber immer Lokomotivführer», sagt Lehmann. Und dieser Traum wurde dann tatsächlich wahr, und er arbeitete zehn Jahre in der Reserve im Depot Zürich der SBB. «Als Reservist springst du ein, wenn jemand krank ausfällt oder in den Ferien ist.» Er durfte Güter- und Personenzüge führen, denn im Gegensatz zu heute waren die beiden Bereiche der SBB damals noch nicht getrennt. Mitte der 1990er-Jahre heirateten er und seine Jugendliebe Jaqueline, die er seit der Zeit in der Sekundarschule kannte.
Und die Familie wurde rasch grösser. «Das kollidierte je länger, je stärker mit den unregelmässigen Diensten im Führerstand», sagt er. Doch in der reformierten Kirchgemeinde Zürich Im Gut, wo er und seine Frau engagiert waren, kam er in Kontakt mit seinem künftigen Lehrmeister, Schreinermeister Walti Neukom.
Und so geschah es, dass Lehmann 1999 im «hohen» Alter von 34 Jahren, ein Jahr nach der Geburt des ersten von fünf Kindern, eine Lehre als Schreiner begann. «Walti war ein Urgestein und hatte ein grosses Flair für spezielle Konstruktionen», sagt Lehmann. Er habe sehr viel von ihm gelernt. Später durfte er den Lehrbetrieb übernehmen und selbstständig führen. «Ich hatte schon immer Freude am Holz und habe während meiner Zeit als Lokführer etwa Spielsachen für unsere Kinder gemacht.»
Als selbstständiger Schreiner konnte er auch zwei Dinge verbinden, die ihm immer wichtig waren: die eigene Arbeit und ein soziales, christliches Engagement. «Wir beschäftigten Menschen aus dem Sozialwerk von Pfarrer Ernst Sieber. Die Arbeit mit dem Werkstoff Holz ist ideal, um Menschen in die Arbeitswelt einzugliedern», sagt er. Doch 2012, nach neun Jahren Selbstständigkeit, war für die Lehmanns Zeit, einem neuen Ruf zu folgen, und sie übernahmen die Leitung des Ferienzentrums Waldegg im Baselbiet.
«Wir waren Gastgeber für unzählige Gruppen. Ich war als Schreiner auch für Hauswartung und Unterhalt zuständig. Zudem arbeitete ich in einem Teilzeitpensum im Männerheim Liestal», berichtet er. Die Zeit war anspruchsvoll, insbesondere als das Ferien- und Tagungszentrum der Heilsarmee 2018 totalsaniert wurde, und forderte die ganze Familie. «Bei der Neumöblierung der Zimmer haben wir viel selbst gemacht.» Und kurz nach der Sanierung kam Corona – und stellte das Leben erneut auf den Kopf. «Ich sah die Schreinerstelle bei Historic Rail in Winterthur und dachte, das ist etwas für mich», sagt Lehmann. Und so kam es.
Stefan Hilzinger
Veröffentlichung: 18. Mai 2026 / Ausgabe 20/2026
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