Pfeilschnell und zielsicher


Schreiner Matthias Lehner (35) aus Gansingen AG ist von der Geschichte und der Technik traditioneller osmanischer Pfeilbögen fasziniert. Bild: Cornelia Thürlemann


Schreiner Matthias Lehner (35) aus Gansingen AG ist von der Geschichte und der Technik traditioneller osmanischer Pfeilbögen fasziniert. Bild: Cornelia Thürlemann
Leute. Seine Leidenschaft, der Bau von historischen Pfeilbögen, führt Matthias Lehner (35) aus Galten oberhalb von Gansingen AG weit in die Vergangenheit und gleichzeitig in andere Länder und Kontinente: auf dem Zeitstrahl 4000 Jahre zurück in die Bronzezeit, in der die sogenannten Kompositbögen verbreitet sind.
Diese Leidenschaft führt Lehner auch in andere Länder und Regionen: in die Salzwüsten Nevadas, in die Türkei, nach Polen, Deutschland oder Ungarn. Hier findet er Gleichgesinnte, die wie er vom osmanischen Bogen, einem traditionellen Kompositbogen, fasziniert sind. Bei den Wettkämpfen messen sich die Schützen mit den besten Pfeilen und Bögen. Lehner interessiert weniger die Treffsicherheit als vielmehr Weite und Geschwindigkeit. Die Pfeile sind federleicht, gerade einmal zwölf Gramm. Sie bestehen aus sechs Bambusleisten, die wärmebehandelt, in perfekte Dreiecke gehobelt und schliesslich zusammengeleimt werden. «Genauigkeit ist essenziell. Für den perfekten Pfeil muss die Abweichung kleiner als 0,1 Millimeter sein», sagt Lehner. 2024 – an einer Meisterschaft in Istanbul – gelang es ihm, mit einem selbst gebauten Bogen 606 Meter weit zu schiessen. Sonst sind es zwischen 350 und 500 Meter. Seit 2022 belegt Lehner bei internationalen Wettkämpfen regelmässig Spitzenplätze. 2024 zeichnete ihn die türkische Bogenschützenstiftung «Okçular Vakfi» aus. «Sayin Matthias» steht auf einer Kupferplatte. Das heisst übersetzt «lieber Matthias», was ihn besonders freut.
«Genauigkeit ist essenziell. Für den perfekten Pfeil muss die Abweichung kleiner als ein Zehntel Millimeter sein.»
Lehner ist gelernter Möbelschreiner und arbeitet seit vielen Jahren bei der Schreinerei der Gebrüder Wirz in Othmarsingen, hauptsächlich im Küchenbau. Seit 2018 wohnt er mit seiner Frau Rebecca im Fricktal, in einem Bauernhaus, das sie selbst umgebaut haben. Auch seine Frau arbeitet heute im Schreinereigewerbe. Sie verkauft Küchen bei der Märki AG in Gränichen. Immer wieder leuchten seine Augen, wenn er von seiner Leidenschaft spricht. So baut er hauptsächlich Kompositbögen, die aus mehreren Komponenten, aus dampfgebogenen Holzteilen, Horn und Tierfasern in vielen Einzelschritten zusammengesetzt werden. Die meisten Bögen sind federleicht, biegsam und erreichen zusammen mit der Sehne eine enorme Spannkraft. Lehner begann mit elf, zwölf Jahren, die ersten Bögen zu bauen, inspiriert von einem Robin-Hood-Film. Doch zufrieden war er nicht. «Sie waren mir nie gut genug.» So begann er zu recherchieren. «Immer wieder wurden die osmanischen Kompositbögen erwähnt. Doch auf Deutsch gab es damals keine Bauanleitungen.» Vor zwölf Jahren stiess er erstmals auf eine. Er begann zu tüfteln und Materialien zu suchen: Holz, Horn, Tierfasern, gewonnen aus Sehnen von Wildtieren. Er verwendet Ahorn, Ulme und Kirschbaum. Ungefähr ein Jahr lang arbeitet er an einem Bogen, meistens an mehreren gleichzeitig. Dazu schreinert er mit Intarsien geschmückte Schatullen, womit er die Pfeile transportiert.
Lehner sammelt historische Bögen und vertieft sich in deren Geschichte. Bogenbau sei ein Handwerk und zugleich eine Kunst. «Die Kompositbögen dienten hauptsächlich als Kriegswaffen oder waren Prestigeobjekte.» Neben den Bögen sammelt er Ringe aus Horn oder Metall, mit denen beim Spannen Daumen oder Finger geschützt werden. Entscheidend für Schnelligkeit und Treffsicherheit sei aber nicht nur die Machart, sondern auch das Wetter. «Luftfeuchtigkeit und Temperatur beeinflussen die Spannkraft des Bogens», betont Lehner. Bogenbau und -schiessen sind in der Türkei bis heute hochgeachtet. Er würde sich freuen, wenn er auch hier Gleichgesinnte finden würde.
Cornelia Thürlemann
Veröffentlichung: 05. Oktober 2026 / Ausgabe 40/2026
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