«Re-Use wird uns noch sehr beschäftigen»

Im Gespräch in der Ausstellung der Lindauer AG in Steinen SZ zeigt sich Roger Lindauer mit klarer Linie beim ökologischen Küchenbau. Bild: Christian Härtel

Interview.  Für ihn und seine Mitarbeitenden ist die Ökoküche eine Erfolgsgeschichte. Im Gespräch zieht Schreiner Roger Lindauer Bilanz nach 20 Jahren des Bemühens um möglichst ökologische Küchen und benennt Herausforderungen, die vor der Branche liegen.

Nach seiner Weiterbildung zum Baubiologen präsentierte Schreiner Roger Lindauer (58) vor 20 Jahren seinen Entwurf der ökologischen Küche. Heute hat seine Schreinerei 45 Mitarbeitende und gilt mit ihren leimfreien Holzverbindungen zu Recht auch international als Pionier.

Ich kann mich gut an deine Präsentation vor 20 Jahren erinnern. Kann man heute sagen, die Kunden wollen ökologische Küchen?

Definitiv. Zumindest gilt das für unser Umfeld und unsere Arbeit. Für den Schweizer Markt als Ganzes kann man das sicher nicht einfach so sagen. Als wir angefangen haben, machte der Anteil an ökologischen Küchen bei uns vielleicht 10 Prozent aus, heute sind es sicher mehr als 60, vielleicht sogar 70 Prozent. Wie sich das entwickelt hat, zeigt etwa ein Auftrag für 100 leimfreie Küchen in Baar. Ganz aktuell würde ich sagen, dass die Massivholzarbeiten insgesamt deutlich zunehmen.

Wenn jemand möchte, bekommt er auch eine konventionelle Küche?
Wir versuchen natürlich, auf die Wünsche der Kunden einzugehen, und möchten niemandem eine Massivholzküche aufdrängen.
Und wie siehst du das insgesamt für die Schweiz? Kochen Herr und Frau Schweizer heute in ökologischen Küchen?
Ich hatte im Laufe der Zeit öfter das Gefühl, dass Massivholzküchen nicht das Thema sind, aber ich wurde auch immer wieder eines Besseren belehrt. Heute ist das Massivholz sehr präsent. Generell hat das Holz Aufwind bekommen, aber es hat nicht alles über den Haufen geworfen. Ich wünsche mir, dass es noch mehr wird, weil es gemessen am Gesamten noch zu wenig ist.
Es kann sich ja auch nicht jeder immer wieder neue leimfreie Verbindungen ausdenken. Das ist ein langer Weg, oder?
Das ist richtig. Ich sehe das zweischneidige Schwert dabei. Einerseits wäre es schön, wenn alle oder zumindest viel mehr Schreiner die Ökologie mit Massivholz und leimfreien Verbindungen leben würden. Andererseits haben wir selbst auch viel investiert und müssen auf unseren Patenten bestehen, sonst funktioniert es am Ende wirtschaftlich nicht. Wir werden oft angefragt wegen Lizenzen, manchmal kommt es zu Kooperationen, und manchmal werden wir auch kopiert, was weniger lustig ist. Aber selten gibt es jemanden, der es so konsequent macht wie wir. Da geht es nicht nur um die Produkte und die Fertigung, sondern auch um Energie. Wir produzieren auch im Winter unseren Strom selbst. Wir haben ein eigenes Blockheizkraftwerk, Solarmodule auch als Mietflächen auf Nachbars Dach und fahren elektrisch.
Welches sind die wichtigsten Aspekte für eine ökologische Küche?
Nun, der Nachteil bei der Arbeit mit Massivholz ist, dass es viel Verschnitt gibt. Bei der Spanplatte fällt dagegen wenig Verschnitt an, was an sich ja ökologisch ist.
Andererseits ist Massivholz in ökologischer Hinsicht unschlagbar. Wir verwerten die Reste deshalb thermisch und erzeugen Strom. Während wir Asche haben, die zurück in den Kreislauf geht, erzeugt man bei Holzwerkstoffen Schlacke, die nicht verwertbar ist. Deshalb ist die leimfreie Holzverbindung ohne Problemstoffe ein Schlüssel zur ökologischen Bauweise.
Geben sich Massivholzschreiner, die Leim verwenden, das Prädikat «ökologisch» dann zu Unrecht?
Man kann keine Linie ziehen und aufteilen nach ökologisch und nicht ökologisch. Es sind sehr viele Aspekte, und jeder einzelne davon hat fliessende Übergänge. Wenn jemand mit dem Elektroauto montieren geht oder sogar mit dem Lastenvelo, dann trägt er etwas zum Umweltschutz bei, auch wenn er Spanplatten im Gepäck hat.
Wir versuchen einfach, den Kunden, die eine ökologische Küche wünschen, auch ein Maximum zu bieten. Dazu gehört etwa, dass alle Materialien und auch der Strom regional erzeugt werden. Ein weiterer, ganz wichtiger Punkt ist das Re-Use. Das wird uns noch sehr beschäftigen. Am Lebensende einer Küche können wir sagen, unser Holz kann thermisch verwertet werden, weil leimfrei. Aber noch besser wäre es natürlich, wenn man das Holz stofflich wieder einsetzt. Und das ist nicht ganz einfach. Ein zweites und ein drittes Leben wären aber gut.
Denn wir müssen Holz künftig ressourcenschonender einsetzen als bisher. Wenn wir mehr mit Holz bauen und mehr Holz verwenden wollen, dann müssen wir genau überlegen, wo welches Holz wie sinnvoll einzusetzen ist. Rahmenbauweise anstelle von massiven Platten ist ein Ansatz. Auch Möbel für kleinere Wohnungen sind in diesem Zusammenhang ein Thema.
Schon bei deinem Prototyp von 2006 hast du Altglas für Tablare eingesetzt. Ist das heute in der Schweiz gefragt?

Re-Use ist gerade auch beim Glas interessant. Bei den vorhin erwähnten 100 Küchen für das Objekt in Baar verwenden wir die Gläser der alten Fenster aus dem Gebäude für die neuen Küchen wieder. Bei Glas geht das vergleichsweise gut. Andere Materialien sind schwieriger.

Re-used-Glas für 100 Küchen? Aus den Fenstern eines Gebäudes?

Ganz genau. Dazu haben wir alle Fenster geholt. Eine Spezialfirma hat nun einen Maschinen-Prototyp gebaut, um die Isolierglasscheiben aufzuschneiden, und das Ganze machen wir jetzt in der Schweiz. Der Anfang war schwierig, aber jetzt können wir die riesigen Mengen an Glas wiedergewinnen. Alle Tablare und Böden bei den 100 Küchen sind aus dem Glas der alten Fenster.

Auch Glas altert und bekommt Kratzer. Das stört die Bauherren nicht?

Das ist richtig, aber im Grossen und Ganzen sieht es gut aus. Klar gibt es zwischendurch Gläser mit Kratzern, aber so ist es eben. Wir verkaufen es auch als Re-Use-Glas, und Patina ist gewissermassen der Stempel, das Siegel dafür.

Neben der Produktion und den Materialien kommen wir zur Holzoberfläche. Wie sieht es damit aus?

Wir arbeiten mit dem japanischen Hobel, der Finiermaschine. Das Ergebnis ist perfekt ohne Beschichtung. Ansonsten verwenden wir auch Öl und evaluieren gerade ein für uns passendes Produkt. Prinzipiell gilt, die Natur ist gut. Wir müssen sie nicht verbessern. Das gilt auch für die Oberfläche von Holz. Ehrlicherweise muss man auch die Nachteile einer unbeschichteten Fläche nennen. Wenn man eine Tischplatte hat, muss man etwa mit dauernden Spuren leben, auch wenn sie sich wieder und manchmal erstaunlich schnell verlieren.

Wie kommt das alles zusammen beim Entwurf? Was ist geblieben und was hat sich verändert im Laufe der Zeit?

Viele Merkmale haben wir über die Zeit erhalten. Wir arbeiten mit Recycling-Glas, haben Abdeckungen aus regionalem Stein und konstruieren ohne doppelte Seiten, stattdessen mit Traversenkonstruktionen.

Die Fronten haben sich verändert, auch wenn wir diese nach wie vor mit einem Klickprofil leimfrei verbinden. Zapfen, Gewinde und Ähnliches kommen heute regelmässig zum Einsatz.

Fronten in Rahmenbauweise mit dünnem Doppel in Keramik ohne den Einsatz von Klebstoff haben wir dagegen noch nicht so lange. Einerseits möchten wir nachhaltige Produkte, und das möglichst konsequent. Andererseits haben die Leute auch Freude am Design und an der Gestaltung, und dann kommt man immer wieder in Schwierigkeiten. Wir suchen deshalb immer nach Lösungen, aber es gibt sie nicht immer so einfach. Wenn jemand eine rote Küche möchte, dann ist es im Zweifel am Ende eben Farbe auf Holzwerkstoff.

In der Ausstellung ist so eine Front, die einseitig mit Farbe beschichtet ist. Wie geht das?

Auf der Suche nach einer Lösung haben wir einen Kompromiss gefunden. Wir beschichten nur die Sichtseite ohne Kanten und können dank der angefrästen Klickverbindung jedes einzelne Holzfries später wieder durch die Abnahme eines Farbspanes mit der Finiermaschine von der Farbschicht befreien. Dazu nehmen wir die Küchenfronten zurück in den Betrieb.

Obwohl nur einseitig beschichtet, funktioniert das. Die Fläche bleibt gerade, weil sie nicht verleimt ist. Zwischen den Friesen haben wir kleine V-Fugen, damit jedes Stück schwinden und quellen kann, ohne dass die Konstruktion oder das Erscheinungsbild beeinträchtigt wird.

Und wenn jetzt jemand Linoleum für die Front möchte?

Daran arbeiten wir aktuell. Aber es ist schon so, dass man mit jedem solchen Schritt auch ein Stück von seiner eigenen Konsequenz abkommt. Das Material Linoleum selbst ist super ökologisch, aber man müsste es anschrauben (lacht) und nicht kleben. Wir suchen nach einer Möglichkeit, wobei der Ansatz, dass die Konstruktion das Design prägt, sicher interessant ist.

Bespannte Rahmen mit nicht harten Flächen wollen die Kunden ja auch nicht, oder?

Nun, oft liegt es am Verkäufer, der mit seiner tief verwurzelten Gewohnheit als Erster ein Problem mit aussergewöhnlichen Konstruktionen hat. Aber der Kunde empfindet da vielleicht ganz anders. Man darf dem Kunden nicht etwas verkaufen, was er nicht möchte, aber wir selbst stehen uns dabei oft im Wege. Zum Beispiel Wurmlöcher. Kunden macht das oft nichts aus, nur wir Schreiner wollen sie immer rausschneiden.

Gerne hätte ich deine kurze ökologische Einschätzung für einige Materialien bei der Abdeckung. Zum Beispiel Edelstahl.

Wir verwenden in der Regel eine dünne Abdeckung mit 4 mm Stärke und befestigen sie je nach Absprache mit dem Kunden mit Bolzen.

Und Keramik?

Das muss man punktuell kleben, weil das Material so hart und damit spröde ist und deshalb auch Sacklöcher einfach nicht funktionieren in dem Material.

Stahl gibt es auch in der Ausstellung.

Das ist richtig. Wir erhitzen die Teile und ölen sie, damit man beim Anfassen nicht diesen Stahlgeruch an der Hand hat. Aber Stahl ist immer heikel, was Flecken angeht. Säure wie bei Salatdressing bildet sofort Flecken, die bleiben.

Und Edelstahl braucht viel Energie!

Das ist so. Wenn man diesen Aspekt betrachtet, dürfte man nur Holzabdeckungen verwenden.

Oder Stein?

Ja, aber Natursteine werden oft imprägniert, und man weiss nicht so genau, mit welchen Mitteln dies geschehen ist.

Würdest du mit deiner Erfahrung und dem Blick zurück auch einen Ausblick wagen, was ansteht in den nächsten Jahren?

Re-Use ist ein dickes Buch, das noch komplett leer ist. Gleiches gilt für das Sparen von Ressourcen bis hin zur Wohnfläche mit Möbeln, die Mehrfachfunktionen haben. Wir werden künftig weniger Holz zum Verarbeiten bekommen als in der Vergangenheit. Der Wald ist im Hitze- und Wasserstress. Seine Schutzfunktionen werden bedeutender, deshalb wird es gelten, die Ressourcen zu schonen und Werkstoffe wieder und wieder zu verwenden.

Wir sind erst ganz am Anfang mit dem ökologischen Bauen unter den aktuellen Bedingungen und den heutigen Ansprüchen. Aber heute sind viele Leute sensibilisiert.

Was würdest du denen raten, die auch ökologische Küchen machen möchten?

Man braucht gewisse Maschinen und eine gewisse Grösse, sonst ist es schwierig. Daneben braucht es Know-how im CNC-Bereich und als Wichtigstes ganz viel Herzblut.

Ohne Überzeugung geht es nicht. Früher dachte ich: Wow, wenn wir mal zehn Küchen im Jahr machen könnten, wäre das super. Heute machen wir Projekte mit 150 Küchen. Meine Erwartungen sind deutlich übertroffen. Vielleicht macht das ja auch etwas Mut.

www.lindauerag.ch

Christian Härtel

Veröffentlichung: 17. September 2026 / Ausgabe 38/2026

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