Schwyzer Örgelifieber

Im Leben von Marcel Zumbrunn (39) dreht sich alles um die Musik und das Schwyzerörgeli. Bild: Claudia Waldmann

Als Marcel Zumbrunn verkündete, er wolle Schwyzerörgeli lernen, wurde er von seinen Schulkollegen belächelt. Der damals 10-Jährige war jedoch schon Feuer und Flamme, sowohl für die Schwyzerörgeli als auch für volkstümliche Musik insgesamt.

Auch in beruflicher Hinsicht war für Zumbrunn schon früh klar, welchen Weg er einschlagen würde. Noch bevor er jemals einem Schwyzerörgeli die ersten wohlklingenden Töne entlockte, stand für ihn fest, dass er im Anschluss an seine Schulzeit eine Lehre zum Schreiner absolvieren wird. Der Bezug zum Handwerk kam durch den Beruf des Vaters, der als Säger arbeitete – und seinem Sohn die Möglichkeit gab, die Vielfalt bei der Arbeit mit Holz selbst zu entdecken. Als der im Berner Oberland geborene Zumbrunn seine berufliche Ausbildung begann, hatte sich seine musikalische Karriere bereits gut entwickelt. Mit 14 Jahren musizierte er bereits an fast jedem Wochenende zusammen mit seiner ersten Musikgruppe im Berner Oberland, im Kanton Bern und auch in der Region Zürich. Bald wurde man auf die talentierten, jungen Musiker aufmerksam. Zumbrunn war begeistert: Er war erfolgreich mit seiner Musik. Sein Netzwerk rund ums Musizieren entwickelte sich fortan in rasantem Tempo. «Meine Motivation war kaum zu bremsen.»

Das Musizieren in verschiedenen Formationen ist das Fundament, von diesem Punkt aus spannt sich ein Netz verschiedenster Aufgaben und Tätigkeiten durch das Leben von Marcel Zumbrunn. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. «Es war ein langsamer, fliessender Übergang bis zu dem Punkt, ab dem ich zu 100 Prozent als Musiker arbeiten konnte», erklärt er.

Der 39-Jährige wohnt nun bereits seit über 10 Jahren im Kanton Schwyz und erteilt – vorwiegend erwachsenen Schülern – Privatunterricht als Schwyzerörgelilehrer. Daneben organisiert er mehrtägige Workshops rund um das Schwyzerörgeli-Spiel. Musikinteressierte treffen sich zum gemeinsamen Musizieren und zum Erfahrungsaustausch. Um auch noch die Proben, die Konzerte und das Einspielen von CDs unter einen Hut zu bringen, bedarf es einer perfekten Organisation. Zumbrunn strahlt eine Lebensfreude aus, die ansteckend wirkt. Er weiss viel Interessantes zu erzählen, und es macht Spass, ihm zuzuhören. Wer glaubt, das Schwyzerörgeli sei altbacken und langweilig, der wird in kürzester Zeit eines Besseren belehrt. «Die Menschen besinnen sich auf alte Traditionen, sie werden sich ihrer Wurzeln bewusst, und wie könnte man diese spürbarer, greifbarer machen als durch die althergebrachte Musik eines Landes», fragt Zumbrunn rhetorisch. Musik macht Menschen glücklich, überall auf der Welt. Selbst an einem so unbehaglichen Ort wie der Sicherheitskontrolle eines Flughafens. Hier wurden seine Schwyzerörgeli beim Durchleuchten irrtümlich für Schreibmaschinen gehalten und weckten die Neugier der Sicherheitsbeamten.

Zumbrunn und seine Musikerfreunde mussten die Örgeli auspacken und zogen damit das Interesse aller Umstehenden auf sich. So gaben die Schweizer Musikanten spontan eine Kostprobe ihres Könnens. Die Menschen erfreuten sich an dieser aussergewöhnlichen Darbietung und klatschten begeistert im Takt.

Marcel Zumbrunn beweist, dass es möglich ist, seine Träume zu verwirklichen. Er ist «angekommen», er liebt seine Arbeit und freut sich auf jeden neuen Tag voller musikalischer Herausforderungen.

«Es war ein langsamer, fliessender Übergang bis zu dem Punkt, ab dem ich zu 100 Prozent als Musiker arbeiten konnte.»

cw

Veröffentlichung: 29. Juni 2017 / Ausgabe 26/2017

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