Treffsicher zum Erfolg

Schreiner Rafael Bereuter (29) ist 300-Meter-Gewehrschütze im Nationalkader A. Ende Juli nimmt er an den Europameisterschaften in Maribor (Slowenien) teil. Bild: Caroline Schneider

Die Atmosphäre ist wie elektrisiert. Trotzdem herrscht vollkommene Ruhe. Rund 15 Schützen liegen in Reih und Glied am Boden. 300 Meter vor ihnen stehen die weissen Zielscheiben. «60 Schüsse in 60 Minuten», sagt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Es sind die Zielvorgaben der Qualifikation für die Europameisterschaft. Kurz darauf feuert eine unregelmässige Gewehrsalve ähnlich einem Feuerwerk über das Schiessfeld. «Peng, peng, peng!». Die Schüsse hallen zurück. Mäusebussarde fliegen in die nahen Baumwipfel. Der 29-jährige Schreiner Rafael Bereuter umklammert konzentriert sein Gewehr. Seine Gedanken sind in der nächsten Stunde allein auf die Zielscheibe 13 gerichtet. Sein Körper ist gespannt, sein rechtes Bein angewinkelt. Sein Atem geht regelmässig und langsam. «Ein tiefer Puls ist wichtig», erklärt der Schütze, der zum Nationalkader A der Disziplin 300 Meter Gewehr gehört. Bevor er den Abzug ziehe, atme er zwei Drittel aus, halte fünf Sekunden inne und schies-se dann. Auf dem Monitor wird sofort das erzielte Resultat angezeigt. Die konzentrierte Stimmung hätte etwas Meditatives, würde es nicht so laut knallen. Die Stunde ist um. Bereuter steht auf und läuft zum Ausgang. Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. «Ich kann mir nicht erklären, weshalb ich so viele Neuner geschossen habe», sagt der erfolgsgewohnte Meisterschütze.

Bereits sieben Mal holte er sich den Schweizermeistertitel. 2013 wurde er Europameister in der Disziplin Standardgewehr. Und zwei Mal errang er den Team-Vizeweltmeister im Internationalen Militärsportverband (CISM). Seine Freundin kommt herbei und mahnt ihn, vor dem nächsten Wettkampf, eine Banane zu essen, denn in drei Stunden geht der nächste Wettkampf weiter. «Sie ist nicht nur Europameisterin, sie ist auch Weltmeisterin», sagt Rafael anerkennend.

Bald ist Rafaels Enttäuschung über sein erstes Resultat einem fröhlichen Lächeln gewichen. Er erzählt gerne über seine Leidenschaft, die ihm quasi vererbt wurde. Sein Vater nahm ihn als kleinen Jungen mit zum Schiessstand. Und im zarten Alter von 11 Jahren wurde er zum Schützen. Auf die Frage, was ihm genau das Schiessen bedeute, antwortet er mit einem herzlichen Lachen: «Als Sportschütze verdiene ich nichts. Es ist pure Freude, gemischt mit dem Ehrgeiz, etwas Funkelndes heimzubringen.» Mit unüberhörbarer Leidenschaft erzählt der 29-Jährige auch von seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Jäger. Seit einem Jahr besitzt er den Jagdschein. Wer sich einen blutrünstigen Jäger vorstellt, dem es Spass macht, Tiere zu erlegen, der irrt gewaltig. «Wenn du schiessen willst, musst du nicht Jäger werden. Die Arbeit, die wir machen, hat mehr mit Tierschutz zu tun als mit Jagen. Bevor der Bauer das Gras mäht, laufen wir die Felder ab und retten die Rehkitze.» Um Wildunfälle zu verhindern, sprühen die Jäger ein Geruchsmittel entlang der Strasse oder bringen Absperrbänder an.

Der Villmerger ist neben seinem zeitaufwendigen Hobby Vollzeit als Schreiner tätig. Sein Arbeitgeber sei sehr verständnisvoll und grosszügig. «Wegen der zahlreichen Wettkämpfe bin ich manchmal bis zu zwei Monaten pro Jahr abwesend.» Der Schreinerjob fasziniere ihn nach wie vor und sei für ihn ein schöner Ausgleich zu seinen Hobbys. Und die Fertigkeiten als Sportschütze kommen ihm bei der Arbeit zugute. «Wenn bei der Montage Probleme auftauchen, bleibe ich ruhig und gelassen und konzentriere mich so lange auf die Lösung, bis ich sie habe. Andere verlieren da manchmal kurzfristig die Nerven.»

«Als Sportschütze verdiene ich nichts. Es ist pure Freude, gemischt mit dem Ehrgeiz, etwas Funkelndes heimzubringen.»

cs

Veröffentlichung: 23. Juli 2015 / Ausgabe 30-31/2015

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